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Ich war immer beschäftigt, und durch einen wichtigen Gegenstand interessirt. Dieses erhielt meinem Vater die Zügel meiner Einbildungskraft in Händen. Freie Luft und Bewegung stärkten meinen Körper. Ich lernte den Feldbau in allen Details kennen, legte im Obst- und Küchengarten wohl selbst Hand an. Mein Sprachstudium, Übungen des Stils im Deutschen und Französischen, Geographie, Naturlehre füllten die Morgenstunden, die von häuslichen Geschäften übrig blieben. Des Nachmittags lehrte er mich Klavierspielen, und liess mich nach einer Sammlung guter Kupferstiche und Gypsabgüsse, die er besass, zeichnen, um meiner Hand einige Fertigkeit zu geben, und mein Auge in der Richtigkeit der Verhältnisse zu üben.

Sorglos und unbefangen flossen meine Tage dahin, die Liebe meines Vaters erfüllte sie mit fröhlichem Wechsel. Jede ländliche Beschäftigung war uns ein kleines fest, welches die gewohnte Lebensweise unterbrach, und der Fleiss wurde mir wieder zum Genuss, wenn ich meines Vaters Freude an meinen Fortschritten wahrnahm.

Mein Vater lebte grösstenteils einsam, und hatte von mancherlei Verbindungen in der Nachbarschaft nur einen alten Arzt auch als Freund des Hauses beibehalten. Es war ein Mann von ernsten strengen Sitten, und höchst bestimmten Begriffen. Ich fürchtete ihn als Kind, aber jemehr ich heranwuchs, lernte ich ihn achten und beinah seinen Umgang lieben, da er mir immer etwas Neues aus der natur und Menschenwelt zu lehren wusste, und eine Freude an meiner schnellen Fassungskraft bezeigte. Herzlich bedauerte ich seinen Tod. Mit diesem Freund verlor mein Vater den einzigen Umgang, der ihm zu einem Gedankenwechsel Anlass gab, und ich die Freude manches unterrichtenden Gesprächs.

Die Gesellschaft der Salmschen Familie, unserer Gutsherrschaft, wurde mir uninteressanter, jemehr sich mein Geschmack bildete. Aber mein Vater hiess mich oft sie besuchen, damit ich meine Eigenheiten der Gesellschaft anschmiegen lernte, und von der Äusserung einer gewissen Sonderbarkeit befreit bliebe, die man leicht in der Einsamkeit gewinnt. Durch natürliche Gutmütigkeit, die gern jeden glücklich und frei in seiner eigenen Sphäre sich bewegen sieht, lernte ich leicht den Ton der Unterhaltung treffen, der für die Familie passend war, und diejenigen Seiten meines Wesens verbergen, die sie nicht fassen mochte. Die fräulein liebten meinen Umgang, weil ich weder in Kleiderpracht noch in sogenannten feinen Manieren mit ihnen rivalisirte, und wenn mein natürlicher Anstand und mein reinliches einfaches Hauskleid ein Lob von ihren Eltern, oder einem Fremden, welcher zum Besuch bei ihnen war, erhielt, so waren die Eigenschaften einer Pfarrerstochter doch so ganz unter der Sphäre ihrer Ansprüche, dass keine Aufwallung des Neides ihr Wohlwollen gegen mich unterbrach. Ich fühlte mich, ohnerachtet ihres guten Betragens gegen mich, dennoch fremd in ihrem haus, und wenn ich dann mit dem Ausdruck herzlicher sehnsucht wieder zu meinem Vater kam, sagte er mir mit einem tiefsinnigen Blicke: Mädchen, Mädchen! Du gewöhnst dich so ganz nur in Odem der Liebe zu leben; ich fürchte, du wirst sonst nirgends zu haus sein. So erreichte ich mein achtzehntes Jahr.

Es war einer der ersten schaurigten Herbstabende. Ein dichter Nebel lag in den Tälern, der Wind trieb stürmisch graue Wolken über den östlichen Himmel, und der West flammte in tiefem Purpurrot. Gelbe Blätter flogen aus den schon halbnackten Wipfeln der Bäume, und flatterten an den Fenstern vorbei. Das Knistern des Feuers im Kamin versammlete den ganzen kleinen Haushalt. Alle Bilder des herannahenden Winters spielten in der ersten erwärmenden Flamme empor, und jedes Mitglied der Familie durchflog in Gedanken den Kreis seiner Geschäfte, die Freuden und Leiden, denen es in diesem Zeitraum entgegen sah.

Mein Vater sass mit jener weisen Ruhe, die des Wechsels gewohnt ist, und Jahre wie Tage gleichmütig vor sich hinziehen sieht, in seinem Lehnstuhl. Er legte den Plutarch aufgeschlagen aus der Hand, weil es finster wurde, und nahm die grossgedruckte Bibel vor sich, um einen Text für die nächste Sonntagspredigt zu wählen. Rosine ging im Zimmer auf und ab, das blank gescheuerte Geräte aus der Küche herbeizuholen, welches ich mit zierlicher Ordnung in den Wandschrank im Hintergrunde des Zimmers aufstellte. Man zog die Türschelle, und mein Vater rief: Agnes, mein Kind! Schon war ich an der Haustüre. Es war halbfinster, doch konnte' ich noch bemerken, dass eine fremde Gestalt hereintrat. Was wünschen Sie, mein Herr? fragte ich; und er erwiderte: "Ich bin ein Reisender und sehr ermüdet, man kann mich im Gastof nicht aufnehmen; darf ich hoffen, dass der Herr Pfarrer es verzeihen wird, wenn ich ihn um ein Nachtlager bitte?"

Die stimme war einnehmend, und erregte einen sonderbaren Anteil in meinem Herzen, so dass ich die gewohnte Gastfreiheit meines Vaters, mit lebhafterm Ausdruck als gewöhnlich verkündigte. Das wird Ihnen mein Vater mit Vergnügen geben, sagte ich, treten Sie herein. Er trug seine Bitte meinem Vater nochmahls vor; dieser hiess ihn freundlich willkommen, und setzte sich wieder an seinen Tisch bei dem Fenster, um einige Gedanken aufzuzeichnen, die ihm für seine Predigt eingefallen waren. Der Fremde war ein grosser schöner Mann, seine Kleidung war sehr einfach, und deutete weder Armut noch Reichtum an. Ich trug ihm einen Stuhl zum Kamin, und setzte mich mit meinem Strickzeug ihm gegenüber. Die Flamme im Kamin warf einen hellen Schimmer auf sein Gesicht; und ich nahm feste und anmutige Züge wahr, aus denen nicht mehr die erste Fülle der Jugend leuchtete. Rosine hatte unterdessen Licht herbeigeholt, mein Vater schrieb fort, und alles war still. Ich suchte