und seine Bemerkungen gaben mir neue Begriffe und reinern Genuss.
Wie jeder Genuss sich in sehnsucht auflöst, so schloss sich auch unser Gespräch mit der Betrachtung, dass das erste, fröhliche, schöne Jugendalter der Kunst nie in seinem vollen Glanze wiederkehren werde.
Nordheim führte mich in mein Zimmer. Die Glorie des Geistes schien mir um seine ganze Gestalt zu leuchten, und eine sonderbare heilige Stille war in seinem Wesen.
Wie glücklich sind wir, sagte er, wenn uns eine liebliche Gestalt begegnet, die uns in ihrer holden Einheit ein Ahnden jenes Grenzenlosen zuführt, das in den Kunstgestalten der Alten atmet! Die Reinheit des Sinnes findet keine Schranken, und wandelt mit himmlischer Freiheit durch das Leben. Welche Gestalt auch das Schicksal unserm verhältnis geben mag, sagte er, indem er meine Hand fasste, so danke ich Deinem Anschaun, holdes Wesen, ein süsseres Leben!
Ich hatte keine Worte, mein Innres war in der reinsten Liebe aufgelöst. Wir waren an der Tür des Zimmers, Elise stand bei mir, und er gab uns gute Nacht.
Welch ein schönes Leben erwartet uns, beste Agnes! sagte Elise, als wir uns auf unserm Zimmer allein befanden. Mehr als jemahls hoffe ich mit meiner Agnes eine Familie, ein Haus auszumachen. Julius ist hoffnungsvoller seit gestern; seine Liebe ist treu und zart. Sie werden glücklich mit ihm sein, so wie er und wir alle es unaussprechlich durch Sie sein werden.
Wenn ich könnte, Elise, wenn ich Julius lieben könnte, wie er es verdient! erwiderte ich. – Wir sprachen oft darüber, sagte Elise nach einigem Nachdenken. Ihre Kälte bei allem was auf Liebe deutet, schien uns ein Phänomen in einem so weichen liebenden Herzen. Julius behauptet, Sie wären von zu reicher hoher natur, um eine leidenschaft zu haben, und diese Stille des Gemüts, die nicht aus Mangel an Kraft, sondern aus hoher Richtung derselben entstünde, würde sein Glück eher vermehren als vermindern. Ich glaube dennoch, fuhr sie lächelnd fort, der Drache der Eifersucht würde diese goldenen Früchte der Weisheit mit immer offenen Augen bewachen. Ich verstehe Sie nicht, Elise, versetzte ich etwas empfindlich.
Ich kenne das heilige Herz meiner Agnes, sagte Elise, und weiss, dass es unfähig ist, Vertrauen und Liebe zu beleidigen. Ich wäre der Glückseligkeit unsers Julius an Ihrer Seite gewiss. Es war ein Scherz unter uns, der zu dem Gesagten Anlass gab. Julius war diesen ganzen Abend hindurch sehr gespannt auf die Aufmerksamkeit und achtung, die Nordheim für Sie bezeugte. Als Alban und ich es ihm im Scherz vorwarfen, sagte er: Dieser wäre ein gefährlicher Nebenbuhler, oder vielmehr gegen einen Mann von solchen Vorzügen finde gar keine Rivalität statt. Alban tröstete Julius mit dem allgemein bekannten verhältnis Nordheims mit der Gräfin.
Und welches? fragte ich mit erzwungener Kälte.
Die Welt sagt, sie seien heimlich verheuratet. Die Welt sagt freilich viel Falsches, aber da die Gräfin schon seit zehn Jahren witwe ist, und während dieser Zeit mit Nordheim in der grössten Vertraulichkeit lebt, auch seit dem tod ihres Gemahls keinen andern Liebhaber hatte, so ist freilich hinlänglicher Grund zu dergleichen Vermutungen vorhanden. – Sie sind nicht wohl, liebes Mädchen, rief Elise lebhaft aus; Ihre Gesichtsfarbe wechselt so schnell! Oder hätte ich Sie durch meine Äusserungen über die Gräfin beleidigt? Verzeihen Sie, aber Ihre Kälte gegen diese Dame, die mir oft auffiel, da sie wirklich sehr liebenswürdig ist, diese verleitete mich jetzt, so treuherzig alles über sie herauszusagen.
Meine wechselnde Farbe hatte einen tiefern Grund, als meine gute Elise wähnte. Ich beruhigte sie, und sie überliess mich bald der Einsamkeit und meinen Betrachtungen.
Alle jene freundlichen Zauberfarben, mit denen die Liebe uns die Zukunft erhellt, verlöschten durch den Zweifel an Nordheims Neigung. Ich sah nur eine licht- und formlose Dämmerung vor mir, und die Mühe, mich hindurch zu arbeiten, war das einzige was ich bestimmt erkannte. Das nötigste für den Moment war mir, Julius aus seiner Täuschung zu reissen. Ich will ihm meine Liebe und meinen Schmerz gestehen, und eine beinahe gleiche Lage wird uns in fester Freundschaft verbinden. Julius selbst, vielleicht durch seinen Zweifel über Nordheim angetrieben, bot mir den nächsten Morgen die gelegenheit dazu.
Nach eingenommenem Frühstück zerstreute sich die Gesellschaft. Die Gräfin ging auf ihr Zimmer, Nordheim in sein Kabinet, Elise ging mit ihrem Freunde in dem grossen Saal auf und ab, und ich blieb allein beim Klavier mit Julius. Er spielte mit grosser Fertigkeit einige meiner Lieblingssonaten, und sprach dann von seiner Liebe und seinen Wünschen, für immer mit mir vereinigt zu sein.
Sein Gesicht war so rein, so gut, so bescheiden hoffend, dass ich ihm meine Hand, die er zwischen den seinigen hielt, nicht entziehen konnte. – Ach, wenn Sie in meine Wünsche einstimmen könnten, beste Agnes, rief er aus, welche glückliche Familie würden wir ausmachen! Mein Bruder und Elise, unsre besten nächsten Freunde, die so harmonisch mit uns denken und empfinden, würden vereint mit uns leben. Auch Ihr Vater würde mit uns leben, nicht wahr? Alles Leere und Unbedeutende würden Sie aus meinem Leben verbannen. Ihr grosser Sinn würde mich in allem meinem Wirken zum Schönsten und Edelsten leiten. Sie selbst sollten so frei, so sorgenlos leben, ganz nach der Wahrheit Ihrer schönen natur. Könnten Sie nicht auch glücklich sein, wenn wir