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mich als Kind immer in des Grossvaters haus frei fühlte, wie ein Vogel, den man des Käfigs entlassen hat.

Mein Vater lebte auch in demselben Sinne wie mein Grossvater, und hielt sich nur oft in S** auf, weil er mit dem Fürsten in freundschaftlichen Verhältnissen stand. Und sollte ein so biederes blühendes Geschlecht verlöschen, liebster Freund! sagte die Gräfin, indem sie ihre Hand auf Nordheims Arm legte. Möchte ein edler Sohn, fuhr sie fortaber ihre stimme bebte und verlöschte, eine sonderbare Bewegung war in ihrem ganzen Wesen sichtbar, ihre Wangen glühten, und in ihren Augen zitterten Tränen. Nordheims Blicke fielen auf mich, wie in jenem Moment in Hohenfels, als er meinem Vater sagte: Mir fehlt auch nur eines, und Sie könnten mir's vielleicht geben! Er nahm die Hand der Gräfin und die meine zusammen, und sagte: überlassen wir das der Zukunft, meine Besten! Die Bewegung der Gräfin stieg immer höher, und Nordheim führte mich gegen die andere Seite des Saals, als wollte er ihr Zeit lassen sich zu sammeln. Unsere Agnes muss auch meine Eltermütter kennen lernen, sagte er. Scheinen sie nicht sanfte stilltätige Seelen gewesen zu sein, deren blick, gewohnt sich in einem engen Zirkel zu beschränken, tief und scharf auf das ihnen Zunächstliegende sieht? Das Blumensträuschen in ihrer Hand, oder der goldene Trauring an ihrem Finger, scheint ihre Gedanken zu beschäftigen, und eine süsse Erinnerung ihres Brauttages vor ihrer reinen Fantasie zu schweben. Die Grossmutter blickt schon freier um sich her, aber ein edles Selbstgefühl tronet auf der offnen Stirn. Auch war sie ein braves, kluges Weib, das während der Abwesenheit meines Vaters die Güter beinahe ohne männliche Beihülfe einige Jahre hindurch ganz nach dem Sinne ihres Mannes verwaltete. Alles hatte Gedeihen und glücklichen Fortgang unter ihrer Aufsicht.

Meine Mutter fehlt hier, Sie werden sie in meinem Zimmer sehen, ich bin gerne unter ihren Augen. Auch sie hatte, wie wir es unbilligerweise ausdrücken, einen m ä n n l i c h e n Geist. Die schöne Fähigkeit des weiblichen Gemüts in einer neuen fremden Lage, gleichsam in seinem inneren ein neues Ressort aufzufinden, sollte von uns mehr als eine dem Geschlecht inwohnende Kraft angesehen werden, anstatt dass wir sie nur für eine Ausnahme anerkennen wollen. Wir sind um so unbilliger in diesem Urteil, da wir positive Vorteile gegen die Frauen haben, und mit manchen Federn geschmückt sind, die wir am Ende doch nur unsern stärkern Klauen verdanken. Die Vorteile einer frühern wissenschaftlichen Bildung und mannichfacher Lebensverhältnisse mussten für Kraft des Charakters, für Besonnenheit in schweren Lagen auf unserer Seite entscheidend sein, wenn nicht wirklich zuweilen ein innrer Reichtum der natur die Weiber entschädigte. Aber nicht alle hat die natur so begünstigt; wenige nur widerstehen durch eine glückliche Anlage der Gewalt, welche eine falsche Erziehung, schon von der frühesten Jugend, an ihnen ausübt. Die Unwissenheit und Charakterlosigkeit, zu denen sie meistens ihre Verhältnisse verdammen, tragen die bittersten Früchte für ihr ganzes Leben, und wer hat diese zu geniessen, als wir selbst? Der Ruin vieler Familien entsteht grösstenteils aus Schwachheit und Kurzsichtigkeit der Weiber. Störriger Eigensinn ist die Folge eines beschränkten Geistes, und existirt meist neben kindischer Furchtsamkeit. Die unterdrückte natur rächt sich; wir sind die Betrogenen, weil wir es sein wollen. Weil die meisten unter uns Stärke an den Weibern nicht zu tragen und nicht zu lieben vermögen, so suchen sie nur die über alles gepriesene Sanfteit, und nehmen sie ohne Untersuchung hin. O wie ist die ächte Sanftmut, die das Leben jedes dauernden Verhältnisses ist, so unverkennbar in der Grazie ihrer Äusserungen! Glücklich, wer sie besitzt und wer sie geniesst. Nur von solchen Gemütern haben wir Schonung zu erwarten, wenn sich die Erbsünde des Übermuts in uns regt; ungebildete Seelen brauchen die rohen Naturwaffen gegen uns, Verschlagenheit und List.

Die Gräfin näherte sich uns, sie wünschte noch einen gang durch die übrigen Zimmer zu machen. An beiden Seiten des Saals waren zwei runde Türme durch wenige Verzierungen in sehr freundliche Zimmer verwandelt. Das eine diente zum Gesellschaftssaal, das andere zur Bibliotek. Aus der Bibliotek ging man in eine Reihe zierlich eingerichteter Zimmer, deren einige trefliche Kupferstichsammlungen, und wenige, aber vorzügliche Gemählde entielten. Zuletzt sah man sich in einer kleinen Rotunde, die das Licht von oben empfing, und worin Abgüsse der vorzüglichsten Antiken aufgestellt waren. Zum erstenmahl sah ich in solcher Vollkommenheit diese unsterblichen Werke, in denen der reinste Geist der Kunst ewig fortlebt.

fräulein R** mit ihrer alten Tante und die beiden Albans kamen gegen Abend. Nordheim hatte sie eingeladen. Julius begrüsste mich mit seiner gewohnten Unbefangenheit, aber ein blick Nordheims, der auf uns fiel, liess mich in seinem Benehmen gegen mich etwas zu Freies finden. Aus Dankbarkeit für die zarte Sorgfalt, mit der er mich gestern gepflegt hatte, zwang ich mich alle Zurückhaltung gegen ihn aus meinem Betragen zu verbannen. Mit Schmerz bemerkte ich, dass Nordheim mich und Julius bei allen Gelegenheiten zusammen zu bringen suchte, wie zwei Liebende, deren zärtliches verhältnis allgemein anerkannt ist. Er sprach viel mit Julius, bezeugte Gefallen an seinen Kenntnissen und an dem geistvollen Ausdruck, den er seinen sehr eigentümlichen Vorstellungsarten zu geben wusste.

Wir brachten den grössten teil des Abends bei der Antikensammlung zu, und das Anschaun der schönen Gestalten versetzte uns in eine erhöhtere Stimmung.

Sinn und Verstand waren bei Nordheim gleich lebendig bewegt,