das Anschaun jedes Fremden fliehe, oder nur zuweilen, aus gefälligkeit, mit schmerzlichem inneren Kampf aushalte. Die Schwester eilte mit ihren Veilchen herbei, Battista nahm ihr den einen Strauss ab, und überreichte ihn mir mit einer natürlichen Feinheit, während seine Schwester den ihrigen der Gräfin gab. Nordheim reichte ihr seine Hand zum Abschied, die sie mit Heftigkeit an ihre Lippen drückte. Die Mutter sahen wir nur auf einen blick durchs Fenster, ein edler ausdruckvoller Kopf einer hinwelkenden Schönheit. Sie bevölkern Ihren englischen Garten mit lebendigen Bewohnern, sagte die Gräfin, und das ist freilich interessanter, als die ausgestopften Einsiedler, welche man jetzt überall findet, und die leeren Bauernhäuser, die ein wohlwollendes Herz nur mit dem Gedanken ansehen kann: Hier sollten glückliche Menschen wohnen!
Es ist vielleicht mehr Zufall als Plan in diesen Anlagen, erwiderte Nordheim lächelnd. Wenn es unser Genius gut mit uns meint, so hält er uns eine Pflicht vor, indem wir eben eine Torheit begehen wollten. Sie haben es erraten, der Plan war schon gemacht, dieses Tal zum Park umzuschaffen; das eine Haus sollte eine gotische Kapelle, und das andere ein griechischer Tempel werden. Ein Freund, mit dem ich seit vielen Jahren in inniger Vertraulichkeit lebte, empfahl mir auf seinem Sterbebette eine Sängerin, die er unterhalten hatte, und die bei der Geburt seines zweiten Kindes durch eine heftige Krankheit ihre sehr schöne stimme verloren hatte. Sie und ihre Kinder wurden hülflos durch den Tod meines Freundes; und ich liess meine gotische Kapelle zum einfachen Wohnhause für sie einrichten. Die Kinder wuchsen heran, verrieten Talent, und ich war eben um ihre Erziehung verlegen, da ich sie ungern von der Mutter trennen wollte, als eines Morgens ein alter Hofmeister von mir ankam, der mir in meiner Jugend einen wichtigen Dienst geleistet hatte, und sich jetzt, nach vielen vergeblichen Kämpfen mit dem Schicksal, nach einem Zufluchtsort umsah. Er besitzt mannichfaltige und gründliche Kenntnisse und eine gute Art sie mitzuteilen. Er soll deinen griechischen Tempel bewohnen, dachte ich, bot ihm einen kleinen Jahrgehalt an, den er mit Vergnügen annahm, und von dem er, bei seiner ächt philosophischen Simplicität und in der grössten Unabhängigkeit, sehr glücklich lebt. Die Kinder sind ihm lieb geworden, und er verwendet sich mit Treue und Fleiss auf ihre Bildung. Mir ist wohl, auf dem kleinen Plätzchen einen Zirkel ruhig lebender Menschen vereint zu sehen; wenn ich hier bin, verlebe ich manchen vergnügten Abend unter ihnen.
Ein bequemer Weg, mit Bäumen besetzt, führte von der einen Seite über den Felsenrücken bis an eine Zugbrücke. Mannichfache anmutige Anlagen schmückten den Fels, und nur von einer Seite war er ganz unangebaut, und neigte seine formlosen massen, zwischen denen wildes Gesträuch hervorwuchs, drohend über den Fluss. Wir gingen über die Zugbrücke in den geräumigen Hof, um das Innere des Gebäudes zu sehen. Die Tore waren mit zwei Wappen geschmückt, und alle Verzierungen waren im alten Geschmack in Stein, rein gezeichnet und gearbeitet, und auf das beste unterhalten.
Ich habe mich sehr gehütet, sagte Nordheim, den alten Charakter dieses Gebäudes durch modernes Flickwerk zu verfälschen. Mir dünket oft, die Sprache der alten Zeit in diesen festgewolbien Hallen zu vernehmen. Aus der glatten, neuern Welt flüchte ich mich gern in diese rauhen Mauern, wo lauter feste und starke, wenn gleich etwas grelle Formen mich umgeben. Wir gingen durch einen grossen Saal, dessen Hauptverzierung aus Familienportraits in Lebensgrösse bestand, von denen die meisten durch gute Künstler gemahlt waren. Es war eine Reihe fester biederer Gesichter, in denen die Stärke der hervorstechendste Ausdruck war. Wappen und Titel standen zu ihren Füssen, und die mehresten hatten in den ersten Fürstenhäusern Deutschlands ansehnliche Ämter bekleidet, bis auf Nordheims Vater und Grossvater, die gar keine Titel hatten.
Die Gräfin bemerkte es, und Nordheim sagte lächelnd: Die Talente zum Hofglück verlöschten hier in unserer Familie, oder die Verfassungen änderten sich, und foderten andere Talente, als die wir von unsern redlichen Vorfahren ererben konnten. Was sollten die stolzen ehrlichen Ritter bei den französischen Kabinetskünsten? und die braven und geistvollen verachteten den müssigen Hofdienst. Mein Grossvater merkte, wo der Wind der Zeit herwehte, und zog sich auf seine Güter zurück, nachdem er die Welt durch Reisen hatte kennen lernen. Er kaufte diese zwei Dörfer, die Sie hier längs des Flusses sehen, wieder an sich. Seit langen Jahren hatten sie der Familie zugehört, und nur unter den letzten Besitzern gingen sie verloren, weil diese lieber den grossen Diener in der Stadt spielten, als den Herrn in ihrem haus. Mein Grossvater war ein verständiger Landwirt und ein sorgsamer Vater seiner Untertanen.
Ununterbrochen arbeitete er daran, seinen Nachkommen ein unabhängiges Vermögen zu verschaffen, und da seine Vorfahren oft wenig an die Nachkommen gedacht hatten, so musste er oft zu seiner Unbequemlichkeit an sie denken. Er hatte grosse Neigung zur Pracht, sein Geschmack hatte sich in den Hauptstädten Europens ausgebildet, aber er ordnete alle Liebhabereien den grundsätzen einer weisen Sparsamkeit unter. Er lebte bequem, aber sehr einfach, und verbannte allen Luxus, der nur der Meinung fröhnt, ohne einen reellen Lebensgenuss zu verschaffen. Seine Freunde waren ihm alle Tage an seiner Tafel willkommen, aber nie wurde diese mit Überfluss besetzt. Jedem Fremden war wohl in seinem haus. Weil er allen Zwang des eitlen Scheins abgeworfen hatte, stöhrte selten etwas seine gute Laune, und ich entsinne mich noch, dass ich