blick fest und fragend auf mich fiel. Meine Kraft versagte mir; diesem gegenüber etwas Unwahres zu sagen, dünkte mir unmöglich. Mein Atem war gepresst, meine stimme erlosch, und die glühende Verlegenheit presste Tränen aus meinen Augen.
Elise, welche glaubte, ich fände eine Art Vorwurf in den Worten der Gräfin, suchte mich aus der Verlegenheit zu reissen.
Machen Sie mich zur Hofmeisterin unsrer Agnes, gnädige Frau, sagte sie zur Gräfin, über alles was die Etiquette betrifft. Ich werde stolz sein, sie auch nur von dieser armseligen Seite zu übertreffen, da es mir auf jeder andern doch missglücken müsste.
Ich konnte die Augen wieder aufschlagen. Nordheim stand mir sehr ernstaft gegenüber.
Ich fürchte, meine Freundin, sagte ich Elisen, Sie würden eine zu ungelehrige Schülerin an mir finden. Ich fühle zu sehr, dass ich nicht fürs höhere Leben gemacht bin, und die süsse Freiheit meiner Kindheit in Hohenfels wird es mir immer schwer machen, mich mit Leichtigkeit in die künstlichen Schranken der Gesellschaft zu fügen.
Sie sind zu ernstaft, liebste Agnes, sagte die Gräfin. Wollen Sie nicht eine Spatzierfahrt machen? sagte Nordheim. Freie Luft und Bewegung ist die beste Arznei für unsre Freundin. Elise war zugesagt zum Mittagsessen, und konnte nicht mit von der Gesellschaft sein. Die Gräfin und ich nahmen den Vorschlag mit Vergnügen an.
Wir fuhren in der Mittagsstunde weg, Nordheim war uns zu Pferde vorausgeeilt. Die ganze Gegend glänzte im Sonnenlicht, und mein Auge spähte sehnsuchtsvoll in der weiten Fläche umher, um nur eine Spur des Hauses wieder zu finden, in dem ich gestern das reinste Glück genossen hatte. Mein Bemühen blieb fruchtlos, die Gegend war mit Dörfern und Landhäusern so reichlich übersäet, und von so vielen Strassen durchschnitten, dass es mir unmöglich war, den Weg, welchen ich gemacht hatte, wieder zu erkennen. In einem alten, majestätischen Tannenwald, durch welchen die Strasse führte, fanden wir Nordheim wieder. Er ritt ein wildes mutiges Pferd mit grosser Geschicklichkeit, oft warf er einen freundlichen blick in den Wagen. Sahen Sie je einen schönern Mann, liebe Agnes? sagte mir die Gräfin; je einen, dessen ganzes Wesen solchen Adel, solche Grazie zeigt? Und welch eine himmlische Einheit ist in seinem ganzen Wirken und Leben! Schweigend stimmte mein Herz in ihre Gefühle ein; sie verstand es, und schaute gedankenvoll vor sich hin.
Jetzt öfnete sich der dicht verwachsene Wald, und die reizendste Landschaft lag vor uns. Gegen Osten ergoss sich ein breiter Fluss durch eine unabsehbare Fläche, und gegen Westen drängten sich seine Ufer durch zwei Gebirgketten, die die sonderbarsten Formen bildeten. Drohende Felsen neigten sich über den Spiegel des Flusses, wechselnd mit freundlichen Wiesenflächen, an denen einfache, doch reinliche Häuser regellos hingestreut waren. Auf einem dieser Felsen lag ein Schloss, dessen graue Mauern im ernsten Charakter der Festigkeit emporragten.
Wo führen Sie uns hin, Nordheim? rief die Grafin; ist das nicht Ihr Landgut? Ja, erwiderte er, und ich hoffe, Sie nehmen mit der geringen Bewirtung vorlieb, die ich Ihnen für heute anbieten kann. Der Wald war durch ein liebliches Wiesental mit den Felsen, auf welchen das Schloss lag, verbunden; wir wünschten dieses ganz zu geniessen, und beschlossen, es zu fuss zu durchwandern.
Der junge Rasen unter unsern Füssen war von klaren Bächen durchschnitten, die sich aus den Felsen ergossen, und mit frischem Grün umkränzt, in sanften Linien durch das Tal rieselten. Die Pappeln und anderes Gesträuche trugen schon zarte Blätter, und der Hagedorn stand in voller Blüte. Nur an den reinlich gehaltenen Wegen bemerkte man die Hand der Kultur in diesem Tal, in dem sonst die liebliche Freiheit der natur herrschte.
Unser Weg führte uns an einigen zierlichen Häusern vorbei, wo Obst- und Gemüsepflan ungen angelegt waren. Ein alter Mann von ehrwürdigem Ansehen war in dem einen Garten beschäftigt, die Rebengeländer zu ordnen. Sorgfältigere Kultur rief hier die Erscheinungen eines mildern Himmelsstriches hervor. Die Weinranken wanden sich von Baum zu Baum, und bildeten zierliche Bogen. Der Alte grüsste uns schweigend, und fuhr in seiner Arbeit fort. Aus dem zweiten haus kam ein Mädchen und ein Knabe herausgesprungen, der Grösse nach schienen sie beide zwischen vierzehn und sechszehn Jahren. Beide waren von schöner Bildung. Ihre lebhaften schwarzen Augen und dunkeln Haare, das warme Kolorit ihrer Gesichtsfarbe und ihre sprechenden Geberden gaben ihnen einen unter unserm Himmel fremden Anstrich. Warten Sie ein wenig! rief der Knabe Nordheimen auf italiänisch zu, meine Schwester bringt Ihnen Veilchen. Das Mädchen nahte sich bescheiden, und die zurückgehaltene Lebhaftigkeit gab ihrem ganzen Wesen ein reizendes Spiel. Mit einer angenehmen Verbeugung gab sie Nordheimen einen Veilchenstrauss, und sprang schnell wieder fort. Während dem Laufen rief sie uns zu: sie eile, um den Damen auch Blumen zu hohlen. Nein, das will ich tun! rief der Bube, und sprang ihr nach. Auf halbem Weg wendete er wieder um, und fragte Nordheimen: ob er seine Flöte mitbringen dürfe und seiner Schwester Guitarre, um den Damen eine Musik zu machen? Das bitten wir uns einmal in meinem haus aus, Battista, die Damen sind jetzt ermüdet; erwiderte Nordheim, ohnerachtet die Gräfin bat, den Kindern die Freude nicht zu verderben.
Als sich der Kleine entfernt hatte, sagte uns Nordheim: er habe Battista's Gesuch aus Schonung für die Mutter abgewiesen, die durch sonderbare Schicksale verstimmt,