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verständigen Wahl. Was denken Sie von ihnen, beste Agnes, und da Sie sie noch genauer als ich kennen, welchem geben Sie den Vorzug unter den beiden Brüdern?" Ich erwiderte: dem charakter nach wären sie beide gleich achtungswürdig. Beide hätten den reinsten Willen. Über ihre Talente wage ich nicht zu entscheiden. Mir schiene der älteste einen sicherern blick, der jüngste hingegen einen schnelleren zu haben. Er übersähe immer ein weiteres Feld als fein Bruder. Der älteste kombinire in seinem engern Zirkel meist immer richtig; der zweite in seinem weiteren freilich manchmahl falsch, aber er ehre die Wahrheit über alles, und sei immer geneigt, jede fremde Meinung gegen die seine zu prüfen. übrigens könne ich nicht ganz richtig urteilen, weil ich mit Julius näher bekannt sei, als mit seinem Bruder.

Ich hatte dieses mit der grössten Unbefangenheit gesagt, aber ein schlauer blick der Gräfin brachte mich bei Julius Lobe ausser Fassung, und beinahe geriet ich in's Stocken, weil mir die Folgerungen durch den Sinn flogen, die Nordheim über ein zärtliches verhältnis unter uns daraus ziehen könnte. Ich schämte mich dieser egoistischen Ansicht, und nahm mir vor, da, wo es den Vorteil eines Freundes gälte, alle Launen der Liebe ausser Spiel zu setzen. Mit glühenden Wangen und bebender stimme fuhr ich fort: Julius schiene mir ganz gemacht, durch die rastlose Tätigkeit seines Geistes und edle Wärme seines Herzens, einen grossen Kreis der Wirksamkeit würdig zu durchlaufen.

Nordheim sass mit niedergeschlagenen Augen, und nur dann und wann traf mich ein blick von ihm. Er antwortete nicht auf meine Äusserungen, sprach wieder von mir, sah meine Mahlereien durch, und wunderte sich, dass ich die Portraitmahlerei nur allein übe, und die Landschaft ganz vernachlässige. Ich sagte ihm offenherzig meine Gedanken dabei, dass ich diesen Zweig der Kunst nur in Rücksicht auf meine und meines Vaters in Hohenfels ökonomische Lage erwählt hätte. O liebe Seele! ... sagte er, und legte seine Hand sanft auf meinen Arm. Ich fühlte, dass er ein grossmütiges Anerbieten aus Feinheit zurückhielt. Ich war bewegt, und fasste den Augenblick, um auch der Gräfin in seinen Augen über ihr Benehmen gegen mich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich fühle es, sagte ich, an der grossmütigen Sorgfalt, mit welcher man in diesem haus allen meinen Wünschen zuvorkommt, dass ich auch der sorge für die Zukunft überhoben sein könnte; aber ich läugne nicht, es schiene mir Pflicht, und meinem innigsten Empfinden angemessener, mich durch eignen Fleiss zu erhalten, und die Wohltaten gutmütiger Menschen Unbemittelten zu überlassen, die sich durch kein Talent fortelfen können. liebes Kind, o schweig mir davon! rief die Gräfin, und schloss mich in ihre arme. Es war der erste Ausdruck einer lebhafteren Empfindung, den ich an ihr wahrnahm; sie erschien mir in erhöhter Liebenswürdigkeit. Tränen glänzten in ihren Augen, als sich ihr Haupt aus meiner Umarmung wieder erhob, und mit einer ganz eignen Grazie lächelte sie unter den Tränen hervor. Die Kleine ist fürwahr recht eigensinnig, Nordheim, sagte sie; meinen Sie, dass sie mir erlaubte, mich nur im geringsten in ihre Garderobe zu mischen! Ich spreche von den ersten Kleinigkeiten. Schmälen Sie mit ihr! Lieber verdirbt sie ihre schöne kostbare Zeit damit, einer alten Haube eine neue Form zu geben, einen verwaschnen Zeug aufzufärben, ehe sie mir erlaubte, ihr für ein paar Dukaten solchen Plunder zu kaufen. Wir haben schon manchen Streit darüber gehabt.

Nordheim sah uns mit stillem Wohlgefallen zu, ging in meinem Zimmer auf und ab, und verweilte vorzüglich bei meinem Bücherschrank. Er nahm meinen griechischen Homer, in welchem einige Blätter von meinen Übersetzungen lagen. – Darf ich, liebe Agnes? fragte er, indem er eines derselben herauszog. – Ich antwortete etwas verwirrt, es sei eine Arbeit, die ich noch bei meinem Vater in Hohenfels, und mit seiner hülfe unternommen hätte. Es freut mich, liebes Mädchen, erwiderte Nordheim, dass Sie die griechische Sprache treiben; ich hoffe nicht, dass Sie mich für einen der Männer ansehen, die die Krücken der weiblichen Umwissenheit gern zu ihrem eignen Fortkommen brauchen. Schon längst hielt ich es für ein schädliches Vorurteil, dass man den Weibern in unsern höhern Ständen nicht durch eine sorgfältigere Erziehung die Bekanntschaft mit der alten Literatur erleichtere, die die Blüte ächter Kultur für Geist und Herz so glücklich entfaltet. Die Gräfin bat mich, Nordheimen ihr von mir angefangenes Portrait zu zeigen; ich hohlte es aus dem Nebenzimmer, und als ich an der tür war, hörte ich Nordheimen folgende Worte aussprechen: – Nein, es ist unmöglich bei solcher Wahrheit und solchem Geist! Sie waren mir rätselhaft, und nur durch Elisens Entdeckung über das unglückliche Zimmer im Komödienhause wurden sie mir in der Folge verständlich.

Elise kam, sich nach meiner Gesundheit zu erkundigen, und sprach mit der natürlichsten Unbefangenheit von meinem Übelbefinden auf dem Ball. Nordheims ganze Aufmerksamkeit war bei unserm Gespräch, ob er gleich nur mit meinem Gemählde beschäftigt zu sein schien.

Aber nicht wahr, fräulein R...., sagte die Gräfin scherzhaft, die Kleine soll uns nicht mehr aus den Augen! Scheues Vögelchen, wo in aller Welt hast du nur das Herz hergenommen, dich unter solch einem Gewühl von Menschen allein zu verlieren?

Schon schwebte mir eine feine Antwort auf den Lippen, die mich durch einen Scherz aus der Schlinge gezogen hätte, als Nordheims