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dem ich die verborgenen Gestalten des Alkovens erblickte. Ich erkannte die Gräfin im vertraulichen Gespräch mit einem mann.

Sie hielt seine hände zwischen den beiden ihrigen, und beugte ihren Kopf an seine Brust. Das Gesicht des Mannes war abgewendet, aber die grosse edle Gestalt erinnerte mich sogleich an das geliebte Bild, welches so klar in meiner Seele lag. Er ist hier, und nicht für mich! fühlte ich schmerzlich; nicht einmal eine Frage nach mir .... Von bangem Zweifel ergriffen, blieb ich wie an den Boden gekettet stehen.

Jetzt richtete sich die Gestalt auf, und ich erkannte wirklich die Gesichtszüge meines Geliebten. Lassen Sie uns jetzt gehen, Liebe, sprach er, und beide näherten sich der Tür. Sehen wir uns morgen? sagte sie zärtlich; – ich konnte seine Antwort nicht verstehen.

Betäubt floh ich in den Saal, und sank auf einen Stuhl. Mein Herz arbeitete in gewaltigen Schlägen gegen meine Brust, und meine Sinne drohten zu erlöschen. Die Gräfin ging, auf den Arm meines Freundes gestützt, dicht an mir vorbei. Ich hatte weder Bewegung noch stimme, und zitterte vor Furcht, dass sie mich erkennen möchte. In diesem Zustande war ich unfähig, das Anschaun des geliebten Mannes zu ertragen, auch wollte ich vor ihm nicht jugendlich unbesonnen erscheinen.

Diese ängstigenden Vorstellungen vermehrten mein Übelsein. Ich war nahe an der Ohnmacht, und da ich keine bekannte Gestalt in meiner Nähe erblickte, blieb ich starr und fühllos auf meinen Stuhl gelehnt, in der Furcht, jeden Moment herabzusinken. Julius erschien mir als ein guter Genius. Er hatte mich erkannt, und kam auf mich zu; ich bat ihn, mich sogleich in ein anderes Zimmer zu führen, wo ich freie Luft schöpfen könnte. Die Entfernung von der betäubenden Musik und einige Erfrischungen brachten mich wieder zu mir selbst, doch fühlte ich mich unfähig länger in dem Getümmel zu bleiben, und am unfähigsten, Nordheim mit der Fassung und Würde zu begegnen, wie ich wünschte. Ich bat Julius, mir einen Wagen, in dem ich nach haus fahren könnte, zu verschaffen. Er drang in mich, noch wenige Momente auszuruhen. Seine zarte sorge, in der der Anteil des Herzens so unverkennbar war, rührte mich innig; dankbar drückte ich seine Hand. Meine teure Agnes, ich bin neu beseelt! rief er aus. Mir dieses Glück! Es war das erste sinnliche Zeichen einer zarten Neigung, welches er von mir empfing; ich hatte es ihm mit dem unbefangensten Herzen gegeben; nur als ich fühlte, wie hoch er es empfand, bereuete ich, es getan zu haben. Er eilte auf meine wiederholte Bitte nach einem Wagen.

Mit der Unbedachtsamkeit, die einem reinen Herzen und ländlich einfachen Sitten so natürlich ist, verschloss ich die Türen des Zimmers, um nicht weiter gesehen zu werden. Ein Fenster ging auf den Vorplatz, und hinter diesem wartete ich Julius Zurückkunft ab. Man machte verschiedene Versuche, die Türen, welche in die Nebenzimmer führten, zu öffnen, und eine Gesellschaft entfernte sich nach ihrer fehlgeschlagenen Mühe mit einem unbescheidenen Gelächter. Julius kam bald zurück, und führte mich zum Wagen; er war etwas verlegen, als er die verschlossene Tür wahrnahm, und meine Erzählung über die Versuche, sie zu öffnen, hörte. Ich bat ihn, der Gräfin zu sagen, dass ich auf dem Ball gewesen sei, aber dass mich ein schneller Anfall von Übelsein gezwungen hätte, sogleich wieder nach haus zu gehen.

Kaum waren wir zur tür hinaus, und auf einer engen Gallerie, als uns Nordheim entgegen kam. Es war unmöglich, ihm auszuweichen, ich hatte unterlassen meine Maske wieder vorzunehmen, weil mir Julius gesagt, dass er mich eine Seitentreppe hinunter führen würde, wo uns niemand begegnen werde. Ich hielt mich mit Mühe an Julius arme aufrecht, so gewaltig wirkte jene geliebte Erscheinung auf mich. Wir standen unter einem Wandleuchter, und Nordheims Gesicht war im vollen Licht. Wie finde ich Sie hier wieder? sagte er mit sanfter stimme, indem sein scharfer blick Julius mass. Meine stimme zitterte, ich stammelte einige verwirrte Laute: Ich wollte die Gräfin überraschen ... Ich wurde nicht wohl ... Herr von Alban will die Güte haben, mich nach haus zu begleiten. Ein blick auf Julius machte meinen Zustand noch schmerzlicher. Eine glühende Röte flammte über seine Wangen, er wagte nicht die Augen aufzuschlagen, und ich fühlte, dass er meine Verwirrung teilte. Ich will Sie hier nicht länger aufhalten, sagte Nordheim, und verliess uns nach einer steifen Verbeugung.

Ich Unbedachtsamer, was habe ich getan! rief Julius, als wir wieder allein waren. Erst nach mehreren Wochen erfuhr ich durch Elisen bei einer andern Veranlassung den Grund dieses sonderbaren Ausrufes, über den mir Julius keine Erklärung geben wollte.

Julius hatte mich, in der dringenden Verlegenheit über mein Übelbefinden, unachtsamer Weise in ein Zimmer geführt, welches die jungen Herren einer gewissen Klasse in übeln Ruf gesetzt hatten. In Nordheims schwankendem Betragen und forschendem blick nahm er zuerst seinen ganzen Irrtum wahr, und meine kindische Unbedachtsamkeit die Türen zu verschliessen, machte den Vorfall noch zweideutiger. Er wollte mir diese unangenehme Entdeckung ersparen, und behielt sich vor, Nordheim, dessen nähere Bekanntschaft er zu suchen gedachte, die nötige Aufklärung über diesen Zufall zu geben. Wie viel musste ich durch diese in Julius Lage so natürliche Delikatesse leiden!

Julius verliess mich, auf mein