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dünkte mir, würde ich meine Mutter unter tausend fremden Gestalten erkennen können.

Sobald ich bemerkte, dass sie vermied, von mir gesehen zu werden, musste ich meiner Neugier Gewalt antun, und wagte nur flüchtige Blicke auf sie. Unter tausend zärtlichen Äusserungen, unter den gefälligsten Hofnungen für die Zukunft, sagte meine Mutter kein Wort über ihre äussere Verhältnisse; erst da ich wieder von ihr entfernt war, dachte ich darüber nach. Sie empfahl mir mehrmahlen dringend die grösste Vorsichtigkeit. Verbirg auch, sagte sie, dein Vermögen. Charles wird dir die Einnahme der Zinsen besorgen, und bald werde ich eine Zusammenkunft mit deinem Vater von Hohenfels veranstalten, in welcher du dich mit ihm verabreden kannst, wie dein Kapital auf eine vorteilhafte Art anzulegen ist. Dein Aufentalt bei der Gräfin ist für jetzt unsern Zusammenkünften dienlich. Eine Wanduhr schlug Neune. Meine Agnes, ach, da schlägt die Glocke des Abschieds! Diese Stunde des Genusses war die Frucht tränenvoller Jahre, aber ich habe sie nun auch rein genossen, rein wie den Sterblichen ein Genuss vergönnt ist! So ein liebes geschöpf in der Blüte seiner Schönheit und Unschuld vor sich zu erblicken, und der natur danken zu können, dass ich das innigste zärteste verhältnis zu ihm habe. – Ich hoffe, meine Agnes soll ein glückliches geschöpf werden; ein ruhiges, weises Gemüt, das das Leben mit freier Kraft ergreift, statt sich von dem schnellen Strom fortreissen zu lassenmöge es dein los sein! Möge dich eine glückliche natur in früher Jugend schon lehren, was wir in dieser Welt sind und können. Mich lehrten es schmerzliche Erfahrungen! Sage mir, Liebe, hat dein Herz schon eine heftige Neigung...

Charles erschien unter der tür, wo ich hereingekommen war. Ach es ist Zeit! rief meine Mutter, und die Wallungen, die bei ihrer Frage mein Herz bewegten, vereinigten sich mit den Tränen des Abschieds. Ihre arme hielten mich fest umschlossen, und mit lautem Weinen und Stöhnen liess sie mich los. Charles riss mich mit Gewalt von ihrem Bette, und als ich laut über Grausamkeit klagte, meine Mutter in diesem Zustand zu verlassen, rief sie mir selbst noch zu: Gehe, gehe mein Kind! eile! Charles zog die Schelle, ehe wir das Zimmer verliessen, und sprach mir zu, ruhig zu sein, meine Mutter sei jetzt in den Händen ihrer Kammerfrauen, die ihr innigst ergeben seien, und von welchen sie mit der zärtlichsten Sorgfalt behandelt werde.

Wir verabredeten während unsrer Rückfahrt noch die Art, wie wir uns künftig sehen wollten, und wie ich alle Tage Nachricht von meiner Mutter empfangen könnte. Charles sollte als Zeichenmeister im haus erscheinen, und so auf die natürlichste Art die gelegenheit gewinnen, jeden Tag eine Stunde um mich zu sein. Mein Herz war voll überwallender Freude, mich in so glücklichen Verhältnissen zu befinden. Vermögen, Stand, eine liebende Mutter, Unabhängigkeit, und die hoffnung meinem Vater in Hohenfels ein sorgenfreies Alter zu verschaffen! Wie viel reines Glück schenkst du mir, ewige Vorsicht! rief ich aus, und fasste Charles Hand, um dem nächsten vernünftigen geschöpf mein frohes Dasein mitzuteilen. Charles drückte meine Hand, und sagte: Welcher Genuss ist es, eine freudenwallende Seele zu sehen, die in der Fülle ihres Herzens sich zu dem ewigen Lebendigen über den Wolken kehrt! Dank war gewiss das erste Opfer, welches ein edles Gemüt den Unsterblichen brachte. Die Bitte ist ein Zeichen der Schwachheit, das gepresste Herz seufzet nach hülfe. Ich ehre den, der im Unglück sich auf seine eigne Kraft zurückstemmt, und keinen laut des Schmerzens zum Himmel schickt; aber ein Gemüt, dem die irrdischen Bande der sorge gelöst sind, in dem das Leben rein und frei auf und ab flutet, muss sich in Dank und Liebe der Gotteit verwandt fühlen.

Die Wolken hatten sich zersireut, und die Sterne glänzten hell. Charles fuhr fort: Sieh wie der Himmel seine tausend Augen öfnet, um in dein freudiges Herz zu blicken, und ihm eine ewig fröhliche Zukunft zuzulächeln! Das Glück der Menschen ist wie eine hochgetriebene Woge, die notwendig wieder zur Tiefe muss; aber die Erinnerung der Herzensfülle bleibt dem, der es als eine Erscheinung einer bessern Welt aufnahm, und sich durch keinen Genuss zum Übermut versuchen liess.

Am Komödienhause mussten wir uns trennen, so gern ich auch Charles länger angehört hätte. Seine sinnvollen Reden brachten Licht in meine Seele; gleichwie eine schöne Dichtung der Musik dunkle Empfindungen entwickelt. Mein Innres wurde klärer, Entschlüsse und Regeln für mein künftiges Leben reihten sich in dieser Stimmung an einander.

Ich suchte die tür des Ballsaals, um mich unter dem Gewühl der Masken unbemerkt mit einzudrängen, aber aus versehen geriet ich in ein Nebenzimmer, welches noch durch einige andere Zimmer vom saal getrennt war. Neben der Seitentüre, durch welche ich eintrat, befand sich ein Alkove mit einem Vorhang drappirt; dieser war halb heruntergezogen. Ich hörte ein paar leise flüsternde Stimmen hinter dem Vorhange. Ich glaubte den Ton der Gräfin zu vernehmen, und wollte deutlicher hören, ob ich nicht irre, und sie dann, nach meinem Plan, durch meine Erscheinung überraschen. Ich hofte so jede Spur meiner Entfernung aus dem haus zu vertilgen. Ich blieb einige Momente in der Ecke des Zimmers stehen; die Stimmen sprachen immer leiser. Schon näherte ich mich der tür, welche ins Nebenzimmer führte, als meine Augen auf einen Spiegel fielen, in