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in fruchtlosen Seufzern der sehnsucht aushauchen konnte! – Aber Gott sei Dank! jetzt habe ich dich! – Sie sank ermattet auf den Sofa zurück, ihre Augen schlossen sich, und wenn sie zuweilen sich gegen mich öfneten, brannte das feinste Feuer eines liebenden Geistes in ihnen, der gleichsam seine ganze Kraft durch sie auszudrücken strebte, da seine übrigen Organe durch die Gewalt der Krankheit gebunden waren. Ich suchte auf einem Nachttisch, der vor uns stand, krampfstillende Essenzen, und wollte das Licht aus dem Hintergrunde des Zimmers herbei holen. – Um Gottes willen rühre das Licht nicht an, rief meine Mutter mit Heftigkeit, wir sehen uns nie wieder! Diese sonderbaren Worte füllten mich mit Schrecken, ob sie gleich nur einen unverständlichen Sinn für mich entielten. Ich reichte ihr die Arzneigläser, um sie nach dem Gefühl wählen zu lassen. Ich musste ihr einige Tropfen eingeben. Nun setzte ich mich zu ihren Füssen, und versuchte durch ein stilleres Gespräch ihr Gemüt zu beruhigen.

Wie vielen Dank bin ich Ihnen schuldig, meine teure Mutter, für die Erziehung, die Sie mir durch den ehrwürdigen Pfarrer von Hohenfels geben liessen! Mit der väterlichsten Zärtlichkeit pflegte er meiner Kindheit. Ich weiss es, meine Agnes, unterbrach sie mich. Wie freut es mich, diesen Gleichmut in deinem Wesen wahrzunehmen, diese Mässigkeit in deinem Empfinden, die deiner Mutter zu ihrem Unglück fehlten. Mein teures Kind, mein Leben war ein Gewebe von Leiden, meine Gesundheit ist zerrüttet, und ich bin erst in meinem vierzigsten Jahre, könnte mich noch lange mit dir des irdischen Daseins erfreuen. Mein tiefstes Leiden ist, dass ich den Zeitpunkt noch nicht bestimmen kann, in dem ich offen und frei vor den Augen der Welt dich als Tochter anerkennen werde. Bist du recht vorsichtig und verschwiegen, so können wir öfters in geheim zusammen kommen; aber die geringste Unvorsichtigkeit, – und dieses Glück wäre für immer verloren. Deine Geburt ist rechtmässig, du bist von einem vornehmen Geschlecht. Wenn es dir nötig ist, will ich dich in Stand setzen, es zu beweisen; nach meinem tod wirst du die Papiere, die dazu dienen, erhalten. Du wirst einmal meine geschichte erfahren, und wirst mit mir die unglückliche Stellung der Umstände beweinen, die mich des süssesten Glückes beraubte, die sorge für deine Erziehung selbst zu übernehmen. In diesem Portefeuille sind zwanzigtausend Taler in Banknoten entalten, die dir eine unabhängige Existenz versichern, wenn du mit einer mässigen Einrichtung zufrieden sein kannst. Ich hoffe dieses von deiner Erziehung. Da ich nicht wusste, ob ich dir so viel Vermögen hinterlassen könnte, so liess ich diese so einfach und sparsam als möglich einrichten; dein Vater in Hohenfels selbst soll erst jetzt erfahren, dass du ein anständiges Einkommen besitzest. Auf die Frage, ob ich letzterem das Glück schreiben dürfte, sie gefunden zu haben? sagte sie: Nein, er soll es nächstens durch eine sichere gelegenheit erfahren.

Sie sprach noch manches über meine Bildung, und schien sehr zufrieden mit dem gang der Erziehung, welchen mein Vater eingeschlagen hatte. Beinahe, sagte sie mit einem muntern Tone, möchte ich der Vorsicht danken, dass sie mich zwang, dich von dem Kreise entfernt zu halten, in welchem ich unglücklich wurde. Eine ernste, feste Bildung des Geistes ist selten im Zirkel der grossen Welt möglich. Du wärest vielleicht ein Püppchen geworden, das am Seile der Meinung hin und her getanzt hätte, – und so bist du ein selbstständiges Wesen, das in der Flut des Lebens sein besseres Selbst bewahren kann. Wie freue ich mich der Zeit, wenn du als Freundin mit mir leben kannst. Tausendmahl muss ich mir es sagen, dass ich um deines eigenen Besten willen dieses Glück noch entbehren muss. – Meine teure Mutter! rief ich aus, mein grösstes Glück wäre mit Ihnen zu leben, ach und zumahl jetzt, da ich hoffen könnte, Ihnen durch meine Pflege einige Erleichterung zu verschaffen. Welches Auge kann treuer wachen, als das Ihrer Agnes! Und glauben Sie, dass ich ruhig sein kann, wenn ich entfernt von Ihnen in Ungewissheit über Ihre Gesundheit bleiben muss? Was nennen Sie mein Bestes, wenn es nicht die Befreiung aus diesem angstvollen Zustand ist? – Stille! verführerisches Mädchen, sagte sie, und legte ihren Finger auf meinen Mund, stille! Du musst dich den Massregeln, die ich jetzt für uns beide nehmen muss, unterwerfen. – Ja wenn es für Sie ist, rief ich schmerzlich aus! – Du wirst täglich Nachricht von mir erhalten, mein bestes Kind! sagte meine Mutter sanft; sie hatte eine der reinen sonoren Stimmen, die immer zum Herzen sprechen, und sie wusste ihr die mannichfaltigsten Beugungen zu geben; für jeden Affekt der Seele hatte sie einen Ton. Überhaupt schien sie mir eines der zärtesten, feinsinnigsten Geschöpfe, bei denen jedes Wort, jede leise Bewegung bedeutungsvoll ist, als teil eines harmoniereichen Ganzen. Ihre Füsse ruhten unter einer Decke, ihr Nachtgewand war dicht und voller Falten, aber da es von einem weissen Zeuge war, erblickte ich bei dem Schimmer des trüben Lichtes doch die schönen Umrisse und das richtige verhältnis ihrer Gestalt. Die Hande waren zart, und hatten die feinsten Formen. Eine tiefe Haube bedeckte ihr Gesicht. Stirn, Wangen und Kinn waren ganz versteckt, und von den übrigen Zügen konnte ich in dem düstern Zimmer nur einen höchst schwankenden Umriss wahrnehmen. Nur an der lieben sanften stimme