1798_Wolzogen_113_20.txt

sich. Wie wär' es, raunte mir ein böser Dämon ins Ohr, als ich, statt zu Elisen zu gehen, wie ich gesagt hatte, die Strasse nach der Promenade einschlug, wie wär' es, wenn man sich deiner Unerfahrenheit bediente, um dir Fallstricke zu legen? Ist es nicht eine Unbesonnenheit zu kommen? Aber der teure, teure Nahme, – und sie ist krank! Eh' ich mich bei meinem Vater in Hohenfels Rats erhohlen kann, müsste ich sie in der Ungewissheit lassen, könnte sie vielleicht verlieren, – sie niemals sehen.

Charles stand vor mir. Ich komme, ja ich komme, sagte ich bei mir selbst, mein Herz fodert es, mag mich die Welt auch verkennen. Charles gerades, edles Gesicht gab mir meine Ruhe wieder. So erscheint oft im Moment der Not ein Genius, wie mir Treue und Wahrheit jetzt in seinen Zügen aufging, und allen Schatten von Betrug verbannte. Er war sauber gekleidet, seine braunen, sonst wildfliegenden Haare lagen natürlich, doch wohl geordnet um Stirn und Wangen, und in seinem Benehmen war etwas feierlich stilles. "Sie finden meine Antwort in dem Portefeuille. Wie geht es meiner teuern Mutter?" flüsterte ich ihm ins Ohr, indem ich ihm das Portefeuille übergab, denn mehrere meiner Bekannten näherten sich mir. "Ihre Mutter ist glücklich in der hoffnung, ihr geliebtes Kind zu sehen, erwiderte er; ich hoffe, ihre Unpässlichkeit entstand nur durch die weite und schnelle Reise. Sie kommen heute, ich lese es in Ihren Mienen." Ich winkte Ja, und entfernte mich schnell.

Die Gräfin fuhr um fünf Uhr in eine Assemblee, von der sie dann gleich auf den Ball gehen wollte. Unter dem Vorwand einer Unpässlichkeit erhielt ich, wiewohl ungern, die erlaubnis zu haus zu bleiben. Um allen Nachforschungen und allem Geschwätz der Bedienten auszuweichen, kleidete ich mich an, als wollte ich heimlich auf den Ball gehen, um die Gräfin und meine Bekannten zu überraschen. Die Gräfin liebte solche Auftritte, höchstens konnte sie diesen Schritt nur jugendlich unbesonnen, und bei meinem Mangel an Weltkenntniss natürlich und verzeihlich finden. In einer weissen griechischen Kleidung, umhüllt mit einem langen Schleier, eilte ich um sechs Uhr in den Garten, und verbat alle Begleitung, weil Niemand ausser meinem Kammermädchen wissen sollte, wie ich angekleidet sei. Charles erwartete mich schon, und führte mich schweigend durch die am wenigsten besuchten Strassen der Stadt, bis zu einem Tore, wo ein Wagen unser wartete. Er half mir einsteigen, und setzte sich neben mich. Die Nacht war sehr finster, und ich konnte weder Weg noch Gegend erkennen. Ich musste ihm sagen, welche Massregeln ich im haus der Gräfin über meine Entfernung genommen hatte. Er lobte meine Vorsicht, und sagte: Nun so mögen die Schellen der Torheit auch einmal den ächten Gefühlen der natur dienen, die sie sonst mit ihrem Geklingel so oft übertäuben helfen! Er war sonst still und in sich gekehrt, seine stimme war sanfter, als suchte er meine bewegte Seele in Gleichmut zu wiegen Wir waren, so dünkte es mir, schon eine Stunde weit gefahren, und ein ängstigender Zweifel flog durch meine Brust. Charles schien ihn im Augenblick zu ahnden. liebes, liebes Mädchen, haben Sie keine Angst, wir sind bald an dem Ort unsrer Bestimmung. Ach könnte ich jeden Zweifel ... er stockte, seine stimme bebte, er nahm meine Hand zwischen seine beiden hände, drückte sie an seine Lippen; ich fühlte dass er weinte. Sein Schmerz lag mit solcher Gewalt auf meinem Herzen, als wäre ich die Ursache desselben. Die Zukunft erklärte mir diese sonderbare Ahndung nur allzu gut.

Ein grosses erleuchtetes Haus glänzte mir aus der finstern Nacht entgegen, es lag einsam und war nur von einigen Nebengebäuden umgeben. Hier werden Sie Ihre Mutter sehen, sagte mir Charles. Wir fuhren an einer langen Gartenmauer hin, und der Wagen hielt an einer kleinen tür. Ein Schauer fasste mich beim Aussteigen. Die Nähe eines unaussprechlichen Glücks, – die Furcht vor einem unbekannten Übel, pressten meine Brust bis zum Ersticken. Meine Unschuld und Unerfahrenheit über die Sitten in D ** verbargen mir was ich hätte fürchten können. Jetzt erhielt mich die notwendigkeit, weiter zu gehen, bei klaren Sinnen, und mein Herz sammelte seine Kräfte, um jeder Begebenheit zu begegnen. Die kleine tür führte zu einem langen schmalen gang, den eine Lampe nur sparsam erleuchtete. Charles öfnete eine Seitentüre, und hiess mich hineingehen. Ich trat in ein dunkles Zimmer, Charles schloss die tür hinter mir ab, und befahl mir auf dieser Stelle zu warten. Nach wenigen Augenblicken öfnete sich eine tür mir gegenüber, aus welcher ein mattes Licht drang, und eine sanfte stimme rief: – "Komm herein, meine Agnes, deine Mutter erwartet dich mit Ungeduld." Ich folgte dem Ton dieser stimme, und bei dem trüben Schimmer einer einzigen Wachskerze, die im Hintergrunde des Zimmers brannte, erblickte ich eine Gestalt in einem weissen Gewand, die auf einem Sofa lag, und ihre arme nach mir ausstreckte. O mein Kind! mein Kind! rief sie aus, endlich mein nach so langer sehnsucht! Sie drückte mich fest an ihre Brust, und die sanftesten Wallungen der natur und Liebe bewegten mein Innerstes. Meine Mutter weinte heftig. – Ach dass ich dich so lang entbehren musste, dass alle meine Liebe für dich sich nur