indem ich ihn von aller sorge für mich befreite. Je mehr wahre treue Neigung ich bei Julius fand, je fester war ich entschlossen, ihm meine Hand zu versagen, da ich mein Herz nicht ihm allein geben konnte. Er war zufrieden in meinem Kreise zu leben, meiner Freundschaft gewiss zu sein; das Bekenntniss meiner lebhafteren Neigung, welches ich ihm fest versagte, erwartete er von der Zeit und der stillen Kraft seiner treuen Liebe. Der ernstliche Wunsch unsers ganzen kleinen Zirkels, mich in ihre Familie aufzunehmen, rührte mich um so mehr, da ihnen meine Lage ganz unbekannt war. Nie erlaubten sich meine Freunde eine Frage über meine Verhältnisse; nur im Allgemeinen schienen sie zu wissen, dass sie von Seiten des Vermögens nicht glück lich wären. Aus ihrem völligen Schweigen über mein vergangenes Leben konnte ich sogar schliessen, dass sie das geheimnis meiner Geburt ahndeten. Ich schwieg ganz darüber, weil mir die Dunkelheit über meine Existenz immer schmerzlicher wurde; nur in dem Fall, dass Julius dringender mit seinen Anträgen würde, nahm ich mir vor, ihm durch ein offenherziges geständnis meiner ganzen Situation, die Schwierigkeit einer Verbindung mit mir vorzustellen.
Es war ein heitrer Morgen. Ich genoss mit Elisen auf einem der öffentlichen Spaziergänge die lang entbehrten freundlichen Sonnenstrahlen. Unter mehreren bekannten und unbekannten Gestalten, die an unsrer Seite vorübergingen, erblickte ich den Mahler, dem ich auf meiner Reise begegnet war. Er ging ein paar mahl an uns vorbei, ohne zu grüssen, blieb aber an den Schranken der Allee stehen, wo wir notwendig vorbei mussten. Ich war im Begriff, ihn als einen Bekannten anzureden, und ihm für sein Gemählde zu danken; aber er fiel mir ins Wort, und überreichte mir ein kleines zierliches Portefeuille, mit den Worten: Ich bin ein reisender Künstler, liebes fräulein. Sehen Sie diese Blätter durch, Sie haben die Güte, mir sie morgen um dieselbe Stunde auf diesen Platz wieder zu schicken; meine Adresse ist Johannes Charles. Er war uns aus den Augen, eh' ich ihm antworten konnte, und das Portefeuille blieb in meinen Händen. Wir sahen es auf einer Bank in der Promenade durch; es entielt einige fein ausgeführte Landschaften und viele Skizzen, meistens Schweizeraussichten. Unter diesen fand ich einen Brief an Agnes Lilien überschrieben, mit Bitte, ihn allein zu eröfnen. Elise scherzte über diesen Vorfall, und verlangte den Brief zu sehen. Ich will keines Menschen Vertrauen beleidigen, sagte ich halb ernstaft, und steckte ihn ein, in der Vermutung, dass er vielleicht ein aufrichtiges geständnis seiner Bedürfnisse entielte, welches er mir lieber abzulegen wage, als einer ganz Unbekannten. Ich eilte in mein Zimmer, das Blatt zu eröfnen. Es entielt folgende Zeilen von einer kleinen, weiblich zarten Handschrift:
"Meine teure Agnes, deine Mutter schreibt diese Worte; ach schwere Verhältnisse hielten mich bis jetzt gebunden! – Ich konnte mich dieses Nahmens nicht wert machen – noch immer liegen sie auf mir, und nur unter der Decke des tiefsten Geheimnisses kann ich das Glück geniessen, das, was mir auf der Welt am teuersten ist, zu sehen. Johannes Charles wird dich morgen Abend gegen sechs Uhr zu mir bringen. Niemand darf um diese Zeilen und deinen Besuch wissen; suche einen Vorwand, um dich zu entfernen. Ist es dir für morgen unmöglich einen zu finden, so komm einen andern Abend. Aber eile, ich bin krank, schmachte nach deinem blick, und darf mich auch nur kurze Zeit an dem Ort, wo ich dich sehen kann, aufhalten. Auf Johannes Charles kannst du dich ganz verlassen, er ist mein Freund."
Meine Mutter – meine Mutter! rief ich aus, und die Gewalt des neuen süssen Gefühls machte sich durch einen Tränenstrom Luft. Ich werde das heiligste Band der natur kennen lernen! rief ich aus; werde kein verlassnes geschöpf mehr sein, auf das man immer, selbst in den sanften Ergüssen der Freundschaft, mit einem gewissen Mitleiden hinblickt!
Aber wie konnte mich mein Vater in Hohenfels täuschen? Warum konnte er nicht mein Herz wenigstens mit einer leisen Ahndung meines Glücks beleben?
Ich verlor mich in diesen Gedanken. Meine innige Verehrung für meinen Vater litt keinen Schatten der Schuld auf seinem heiligen Bilde. Er wollte dich nicht täuschen, sondern wurde selbst getäuscht, sagte ich mir endlich. Aus sanfter Schonung wollte er mich nicht mit der Ansicht ungewisser Verhältnisse quälen. War ich nicht reich genug in seiner Liebe?
Ich entsann mich jetzt auf alles dessen, was mir Rosine von meines Vaters Gespräch mit Nordheim gesagt, und jeder Zweifel über das Betragen meines Vaters verschwand.
Mit glühender Ungeduld erwartete ich den andern Morgen, um Charles zu sprechen. Die Winterlustbarkeiten waren ihrem Ende nahe, und wurden darum noch eifriger besucht. Den nächsten Morgen war Maskenball, und dieser erleichterte den Plan zu meinem Verschwinden im haus. Ich legte in Charles Portefeuille, aus Vorsicht, im Fall ich ihn nicht unbeobachtet sprechen könnte, ein Billet mit den Worten: "Ich komme zur bestimmten Stunde, hohlen Sie mich um neun Uhr an der Gartentüre ab; ich bin bereit Ihnen überall zu folgen." Zum erstenmahl musste ich Umwege brauchen, um mir den einsamen Morgenspaziergang zu verschaffen. Meine Lage, und das Vertrauen meines Vaters hatten mich vor allen kleinen Unwahrheiten, zu denen die Tyrannei des Scheins zwingt, bewahrt; mit widerstrebendem Herzen nahm ich meine Zuflucht zur List. Eine widrige Empfindung zieht meistens Reflexionen nach