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selten zeigte sich ein Funke ihres überlegenen Verstandes, vor welchem der Kurzsinn und die elende Egoisterei, gleich den lichtscheuen Vögeln, in ihre Dunkelheit zurückflohen. In kleinern gewählteren Zirkeln schien sie mir oft eine Schülerin der Aspasia. Jedes geringe Talent fühlte sich in ihrer Gegenwart erhöht, und jedes edle wahrhaft menschliche Gefühl stärkte sich. Die Unterhaltung war meist nur durch ihren Geist interessant, aber er wirkte in so leisen flüchtigen Zügen, dass man seine Wirksamkeit, wie das Element welches uns immer umgiebt, nur genoss, nicht bemerkte. Ich achtete diese Talente, aber in einem gewissen Alter erwirbt sich Einseitigkeit eher Vertrauen und Liebe, als Vielseitigkeit.

Der teure Nahme wurde nicht genannt, und meine bebenden Lippen wagten keine Frage. Hat er nicht befohlen, seine Briefe nach D** zu addressiren? Warum wird eines so vorzüglichen Mannes nirgends gedacht? Und vor allen, warum spricht die Gräfin nicht ein Wort von ihm, da sie doch mein Herz bei seinem Bilde überraschte? Das erste leidenschaftliche Begehren weckt in dem jungen Gemüt alle Kräfte zur Tugend und zum Laster. Ein qualender Argwohn füllte meine Seele, die Gräfin habe mich in ihr Haus genommen, um mich von meinem Geliebten zu entfernen, und seine vielleicht flüchtige Neigung für mich durch die Abwesenheit zu unterdrücken. Vielleicht sucht er mich eben jetzt bei meinem Vater auf, findet mich nicht, und das höchste Glück des Lebens, seine Liebe, geht mir für immer verloren. Diese ganze Lage, nebst der sehnsucht nach meinem Vater, zog eine schwarze Wolke vor mein Gemüt, die meine neuen Freunde mit Anteil bemerkten, und durch eine verdoppelte gefälligkeit zu zerstreuen suchten.

Der Umgang mit den beiden Albans wurde mir immer interessanter, vorzüglich durch die Kenntniss von der politischen Welt, die sie mir mitteilten. Sie hatten beide in den wichtigsten Geschäften gearbeitet, und kannten die Menschen, welche die Staatsmaschine dirigirten. Ich las die neuern Geschichten der europäischen Staaten, und lernte die begebenheiten an einander reihen, aus denen das Gemählde der gegenwärtigen Welt entstand. Die beiden Brüder freuten sich meines lebhaften Sinnes und Verstandes für diese Verhältnisse, aber mit wundem Herzen fühlte ich, dass fräulein R** sich von mir entfernte, jemehr sich die Brüder mir näherten; ihre Augen ruhten mit sorge und Unruh auf mir, wenn ich mit ihrem Bräutigam sprach, und sie war nie ganz frei und heiter, als wenn sie mich mit Julius allein beschäftigt sah. Julius heftete sich jeden Tag inniger an mich; meine Liebhabereien wurden die seinen; er bildete sich mit dem zärtesten Sinn nach meinem Geschmack, sein Ausdruck wurde einfacher, da sein Gefühl tiefer wurde, und mein Herz konnte ihm eine zarte Neigung nicht versagen.

Da mich fräulein R** Stimmung nötigte, seinen Umgang ausschliessend zu suchen, so überliess er sich ganz der hoffnung, geliebt zu werden. Aus Schonung für Elisen von R** konnte ich ihm den Grund meines Betragens nicht entdecken, und ich litt durch die Täuschung, in die ich ihn vielleicht über mein Herz setzte. Julius war ein schöner junger Mann, ein vollkommenes Ebenmass war in seiner Gestalt und seinen Gesichtszügen, aber es fehlte dem Ganzen jener Ausdruck von Kraft, von ruhigem Bestand auf sich selbst, an den ein weibliches Herz sich gern anschmiegt. Er hatte poetisches Talent, und war oft versunken in seine Dichterwelt, wenn es darauf ankam, Würde und Kraft in der Wirklichkeit zu zeigen. Nur dem ächten Himmelssohn Genie gebührt es, aus der klarheit seiner inneren Welt als ein Fremdling auf die Erde zu schauen. Mein Geschmack war durch die Lektüre der Alten zu sehr gebildet, um Julius Gedichte reizend zu finden. Aber ich selbst war meist der Gegenstand seiner Lieder, und sie sprachen nicht selten an mein Herz, da er sie mit so reiner Gutmütigkeit und Anspruchlosigkeit überreichte.

Elisa sagte mir mit klaren Worten, dass sie mich gern als ihre künftige Schwägerin ansähe, und in den bunten Lebensansichten und Planen, in denen wir mit leichter, fröhlicher Jugendfantasie umherschwärmten, war immer ein ununterbrochenes Zusammenleben vorausgesetzt.

Ich sehnte mich nach einer unabhängigen Existenz. Die glückliche Unkenntniss der Verhältnisse des Eigentums war für mich entflohen. Stolz, und eine beinahe kranke Empfindlichkeit trat an die Stelle der Sorglosigkeit; ich empfing das kleinste Geschenk mit einem unaussprechlichen Widerstreben. Nur von meinem Vater empfing ich ohne Widerwillen, aber seine eingeschränkten Umstände schufen mir Leiden einer andern Art. Es ist ein unaussprechlicher, zwischen Wonne und Schmerz schwebender Zustand des Herzens, mit dem wir ein Geschenk von einem armen Freund empfangen.

Als ich meinen Koffre in D** auspackte, fand ich ein Paquet mit funfzig Louisd'ors, von meines Vaters Hand überschrieben: "Empfange und verbrauche es ohne Sorgen, ich geniesse meine beste Freude in dir." Ich nahm es mit dem Gelübde der grössten Sparsamkeit, und, um auch den Geschenken der Gräfin auszuweichen, nahm ich die grösste Simplicität in der Kleidung an. Es kostete mich nicht wenig Erfindungskunst, immer gut und der Mode gemäss gekleidet zu sein, um die Gräfin nicht aufmerksam zu machen; sonst wurde ich gezwungen, ein neues Kleidungsstück anzunehmen. Die Furcht, meinem Vater, selbst bei den eingeschränktesten Bedürfnissen, zur Last zu fallen, umzog mir oft die Aussicht in die Zukunft mit sorge. Ich übte mein Talent für die Mahlerei, und, nicht ganz nach meiner Neigung, ausschliessend die Portraitmahlerei; diese sah ich als ein Mittel an, die Unabhängigkeit meiner Existenz zu erhalten, und meinem Vater ein gemächlicheres Alter zu verschaffen,