sind uns hier eine seltene Erscheinung. Ich hoffe, Sie halten sich künftig zu uns. Wie Sie uns hier sehen, fuhr sie lächelnd fort, machen wir drei, die beiden Herren von Alban und ich, einen kleinen Staat im grossen Staat der Gesellschaft aus. Herr von Alban der jüngere behauptet aus Ihrer Physiognomie zu sehen, dass Sie zu uns gehören müssen, und ich fühle es.
Wenn Sie in Ihren Staat nur stille friedliche Bürger aufnehmen, erwiderte ich, so denke ich Ihr Vertrauen zu verdienen. Zu grossen Geschäften und Negoziationen hoffe ich, werden Sie ohnedem ein Landmädchen, das die Welt noch so wenig kennt, nicht brauchen wollen. Wen die natur so reich machte, fiel der jüngere Alban ein, den kann die Kunst wenig lehren. – Übergeben Sie sich uns nur ohne Bedingungen, lassen Sie mich nur fräulein Lilien mit unserer Verfassung bekannt machen, rief fräulein R** und führte mich in ein Fenster. Die zwei Herren und ich, fuhr sie fort, sind von Kindheit an zusammen aufgewachsen. Ein guter Genius bewahrte uns vor einigen Torheiten der Welt um uns her. Wir haben vielleicht andere dafür, aber wir bleiben dabei doch froh und unschädlich. Wir hassen die Falschheit, wir verachten die Kleinheit, die nur den Schein sucht, fliehen die Leerheit, und suchen uns selbst dafür zu bewahren. Da wir nicht alt und vornehm genug sind, um den Ton anzugeben, so helfen wir uns mit dem pytagoräischen Schweigen so gut durch, als wir können. Wir sind durch unsere Verhältnisse verbunden, einen grossen teil unsers Lebens in den grossen Zirkeln zu verlieren, wo die Mittelmässigkeit das Regiment führt, aber wir streben, unser eigenes Selbst unverdorben durch den Strom der Gesellschaft hindurch zu treiben. Aber Sie müssen unsere Art zu sein erst beobachten und prüfen. Ich danke, fuhr sie fort, der Existenz dieser kleinen Gesellschaft vieles von meiner moralischen Bildung. Viele gute Menschen haben stillschweigend unter sich dasselbe Bündniss, aber es schleicht sich nach und nach eine Art von Trägheit unter ihnen ein, die unter dem Nahmen der Toleranz am Ende alles, und sich selbst mit allem Andern hingehen lässt, wie es kann oder will. Wir vermeiden dieses durch ein Gesetz, uns alle acht Tage Rechenschaft von unsern Beobachtungen zu geben. Die Mitteilung unserer Gedanken zwingt uns, unsere Wahrnehmungen aufzuklären. Wir leben glücklich durch diese Verbindung unter den heterogenen Menschen, die uns umgeben. Ich fand auch das Glück meines Herzens in unserm kleinen Zirkel. Der ältere Alban wird mein Gemahl werden, sobald unsere Familienverhältnisse es erlauben. Mein künftiger Schwager ist eigentlich die Seele des ganzen Verhältnisses durch die grosse Lebhaftigkeit seines Verstandes und seiner Einbildungskraft. Der ruhigere, aber nicht weniger tiefe blick meines Albans macht einen angenehmen Kontrast mit der glühenden Fantasie seines Bruders. Oft belehrt uns die Erfahrung, dass Julius, dieses ist der Nahme meines Schwagers, durch seine Fantasie uns und sich selber getäuscht hat. Wir lachen ihn aus, und glauben ihm doch das nächste mahl wieder. Teilen Sie uns Ihre Bemerkungen und Ihre Erfahrungen, wenn Sie wollen, mit, nehmen Sie dagegen das Gelübde der Aufrichtigkeit und Freundschaft von uns an.
Julius von Alban trat zu uns, und sagte halb feierlich: Nehmen Sie die Gelübde dreier Menschen an, die nach dem hohen Sinn der Schönheit streben. Noch rein von jedem verfinsterten Hauche der Weltluft wird uns die himmlische klarheit Ihrer Seele die Gegenstände im treuesten Spiegel wiederstrahlen. Mit Vergnügen, liebe fräulein R**, antwortete ich, werde ich meine besten Gedanken vor Ihnen und Ihren Freunden darlegen, weil ich Belehrung von Ihnen erwarte. Julius schien mehr Wärme von mir zu erwarten, aber es lag von jeher in meinem Wesen, dass ein exaltirter Ausdruck meine eignen Empfindungen herabstimmte. Mein Vater hatte mich immer gelehrt, grosse Worte nur für wirklich grosse Dinge zu brauchen.
Ich verlebte alle Abende in derselben Gesellschaft in verschiedenen Häusern. fräulein R** und die beiden Albans waren geistvoll und liebenswürdig. Mein Herz öfnete sich gegen sie; vorzüglich zog mich ihre zarte Neigung für ihren Bräutigam an; der Odem der Liebe ist einer sehnsuchtsvollen Seele so erquickend. Die Gräfin war sehr gefällig gegen mich, aber die glatten Weltsitten, vielleicht noch mehr meine Zweifel über ihr verhältnis zu meinem Freund, hielten jedes vertrauliche Wort in meinem Busen zurück. Sie schien auch nur auf mein Äusseres wirken zu wollen, und sagte mir nach den ersten Tagen: "Ich bin zufrieden mit Ihrem gesellschaftlichen Betragen, und bewundere, wie Ihr Vater auch hier nur die freie schöne natur in Ihnen entfaltet hat. Sie besitzen die Elemente der feinen Lebensart, sanfte bescheidene gefälligkeit, und einen heitern Geist, der immer die momentane Lage richtig fasst, und das passendste, was in ihr zu tun ist, findet."
Wir sahen uns übrigens sehr selten allein, und ich konnte nicht begreifen, wie die Gräfin mit so viel Geist und Geschmack, und in solch einer freien Lage, den grössten teil ihrer Zeit in leeren, geistlosen Zirkeln verlor. Ich bewunderte ihr Talent, mit dem grossen Haufen zu leben, ohne dabei von ihrer feinern Individualität etwas einzubüssen. Sie wusste die gehörige Entfernung der feinen Lebensart vortreflich zu benutzen, um ihr verhältnis zu fremdartigen Menschen auf die leichteste, beste Art zu stellen, und sich selbst die Ausserung jeder gemeinen Empfindungsart zu ersparen. Da sie selbst bei den Zwisten der kleinen armseligen Eitelkeit immer von leidenschaft frei blieb, so wurde sie die Vertraute jeder Partei. Nur