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zur Gesellschaft. "Sie waren vielleicht noch nie in so einem grossen Zirkel, als der ist, in den ich Sie heute einführe," sagte sie mir, während wir über die lange Gallerie gingen. "Ihr feiner Sinn wird Sie in jeder Lage ein passendes schönes Betragen finden lassen. Die Kunst der grossen Zirkel, liebes Kind, ist übrigens die der Unbedeutenheit."

Die Gesellschaft sass grösstenteils beim Spiel, die Gräfin präsentirte mich an einigen Tischen unter dem Nahmen der fräulein von Lilien. Lilien war der Nahme meines Vaters, nach welchem ich mich immer mit Freude und Stolz nennen hörte; aber die F r ä u l e i n fiel mir auf; es war mir widrig, mich mit fremden Federn zu schmücken, und mein Stolz konnte sich zu keinem Schein bequemen. Für jetzt musste ich's schon schweigend hingehen lassen. Man tat ein paar leere fragen an mich, auf die ich eben so flache Antworten gab. Die Gräfin hiess mich zu ihrer Partie hinsitzen, und begegnete mir mit der gefälligsten achtung, die bald die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich zog. Nach geendigtem Spiel glaubte mir jeder etwas sagen zu müssen, und fragen nach meinem vorhergehenden Aufentalt, nach meiner Reise, wechselten mit Schmeicheleien ab. Die Gräfin wusste auf eine geschickte Art alle fragen nach meinen vorigen Verhältnissen abzuschneiden, welches mir, da seit Rosinens Entdeckungen das Gefühl einer sonderbaren geheimnissvollen Existenz drückend auf meinem Herzen lag, zum erstenmahl eine dankbare, zarte Neigung für sie einflösste.

Bei der Abendtafel, wo der grössere teil der Gesellschaft sich entfernt hatte, wurde die Unterhaltung zusammenhängender, und ich konnte mir den Umriss von einigen Charakteren entwerfen. Ich kannte noch wenig vom konventionellen Leben und der Sprache der Weltleute. Meine einfachen Grundsätze fanden so manches paradox, womit der durch Gewohnheit geschmeidige Sinn sich ohne Mühe aussöhnet. Es war mir so natürlich, als dass die Nacht auf den Tag folgt, den Betrogenen zu beklagen und den Betrüger zu hassen, die Tugend der Ehre, und die Ehre dem eigenen Vorteil vorzuziehen. In den Urteilen dieser Gesellschaft sah ich alle diese Begriffe umgestossen; selbst die Leidenschaften, die eine ungewöhnliche Kraft des Gemüts erfordern, als die Liebe und der Ehrgeiz, dienten vielen Personen aus derselben zum Spott. Mir schien diese Höhe, von der sie auf alle ächten Verhältnisse unsers Daseins herabblickten, eine schauervolle Öde zu sein; nur Dornen und Disteln wachsen auf dem Felsengrunde des Egoismus. Die Gräfin gab kein Zeichen weder des Tadels noch der Billigung. Ihr Charakter blieb fleckenlos für mich; aber warum sind diese Menschen ihre Gesellschaft? Noch eine junge weibliche Gestalt, und zwei junge Männer, die ihr zur Seite sassen, zogen mich durch ein liebenswürdiges einfaches Betragen an. Einer der Männer warf oft betrachtende Blicke um sich, wenn eine gemeine, niedrige Gesinnung sich äusserte, oder zeigte durch feinen Spott die Nichtigkeit des Gesagten. Die Dame war mir als fräulein von R** vorgestellt worden, und ich fühlte, dass sie und ihre beiden Nachbarn mich genau beobachteten.

Die Gräfin brachte gewöhnlich einige Abende jeder Woche in der Gesellschaft des Fürsten zu, und ich musste sie begleiten. Der Fürst war zwischen sechzig und siebenzig Jahren, und belästigte sich und andere noch mit der steifen, altfranzösischen Etiquette, die die deutschen Fürstensöhne am hof der französischen Könige erlernt, und auf ihren Boden, freilich in etwas verminderten Dimensionen verpflanzt hatten. Der Fürst hatte durch Alter und Gewohnheit sich beinahe natürlich unter dieser schweren Rüstung des Ceremoniels bewegen lernen. Gegen die Frauen beobachtete er die feine hochgespannte Höflichkeit der alten Ritterzeit, so dass sein Äusseres für diese nicht ungefällig war; aber ausser der Sphäre der feinen Manieren durfte er keinen Moment geraten, um erträglich zu sein. Seine Kinder suchten so viel wie möglich entfernt von ihm zu leben, weil sie nur den Despoten in dem Vater fanden. Der Sohn blieb auf Reisen, so lange es der Anstand erlaubte, und machte nur seltene Besuche bei seinem Vater; die Prinzessin, von der man als einer der besten sanftesten Seelen sprach, lebte unter dem Vorwand ihrer Gesundheit bei ihrer verheurateten Schwester.

Die Karrikaturen unter den Hofleuten schienen mir bald lächerlich, bald beweinenswert. Die Ehrfurcht, die sie sogleich bei der Erscheinung ihres Herrn aus ihren Herzen in ihre hände und Füsse rufen konnten; ein gnädiger oder zorniger blick, der wie ein elektrischer Schlag durch ihren Körper fuhr, und seine natürlichen Bewegungen veränderte; das augenblickliche Beugen ihrer Meinung nach der letzten Äusserung der fürstlichen Lippen, – dieses alles war mir unbegreiflich; ich stand wie vor einem Puppenkasten, so wenig Menschliches, Wahres sorach an mein Herz. Der Fürst bezeigte mir viel Aufmerksamkeit, als mich die Gräfin vorstellte, und meine natürliche Unbefangenheit schien ihm, als eine ungewöhnliche Erscheinung, keinen unangenehmen Eindruck zu machen. Die Gräfin verstand es vortrefflich mit dem Fürsten umzugehen, und diese schwere Masse alter verrosteter Gefühle und Vorstellungen oft in ein gefälliges Spiel zu setzen. Ich schloss daraus, dass die Geistesarmut der Hofleute vielleicht selbst den Fürsten bewog, ihnen nur als Maschinen zu begegnen. fräulein R**, die beiden Herren von Alban, und der Arzt des Fürsten, der sich als eine unentbehrliche person fühlte, diese blieben in ihrem natürlichen Wesen.

Nach der Tafel kam fräulein R** auf mich zu, und stellte mir die beiden Albans vor. Sie hatten Langeweile während der Tafel, sagte mir fräulein R**, aber wir genossen nicht wenig Vergnügen, indem wir Sie beobachteten. natur und Grazie