fragte ich mit einem herzlichen Anteil, der seinem Auge nicht entging. Gutes Kind, ich weiss selten, was ich tun werde. Meine Zeit ist nicht mein, und mein Wirken folgt dem grossen Laufe der begebenheiten, deren tausendfache Räder auch mein Individuum forttreiben. Ich beobachte Sie vielleicht im Stillen und Ihnen unsichtbar, dann, wann Sie es am wenigsten vermuten. Vielleicht auch verlange ich einmal als Mahler Zutritt bei Ihnen. Sie sind der Kunst hold, üben Sie sie fleissig; gleich der stimme eines treuen weisen Freundes bringt sie klarheit und Frieden in die Seele. Er führte mich an den Wagen, und legte ein aufgerolltes Gemählde mir gegenüber. "Nehmen Sie dieses als ein kleines Andenken. Es sei ein Talisman, sagte er lächelnd, den Sie in Stunden der Liebe vor Augen haben; dann denken Sie noch, liebes Mädchen, dass Sie eine glückliche Mutter werden wollen." Ohne meinen Dank anzuhören, war er mir aus den Augen, und ich erstaunte, als ich die Leinwand aufrollte, eine trefliche Kopie von Raphaels Madonna della Sedia zu finden.
Den nächsten Tag kam ich in D** an. Es war Abend, als ich bei dem haus der Gräfin vorfuhr. Eine lange Reihe von Zimmern war erleuchtet, man sagte mir, eine grosse Gesellschaft sei bei ihr versammelt, und sie habe befohlen, mich in ihr Kabinet zu führen. Nach wenigen Momenten erschien sie selbst, in einem sehr glänzenden Putz, der meinem Willkommen etwas Feierlicheres gab, als ich wollte; da ich mich in die Stimmung, ihr mit Liebe und Offenheit zu begegnen, versetzt hatte. "Ich fühle, wie viel Sie mir durch die Trennung von Ihrem Vater aufopfern, mein bestes Kind," redete sie mich nach einer Umarmung an. "Ich werde alles anwenden Ihren Verlust erträglicher zu machen; wenn Sie mich zufrieden mit sich sehen wollen, so sagen Sie mir mit der Offenherzigkeit einer Freundin alle Ihre Wünsche. Ich muss Sie jetzt für ein paar Stunden verlassen, ich konnte die Gesellschaft heute nicht los werden. Sehen Sie sich in meinen Zimmern, unter meinen Büchern und Kupferstichen um, wenn es Ihnen Freude macht; hernach wird meine Kammerfrau Sie ankleiden, und ich hohle Sie zum Nachtessen ab. Sie verzeihen, dass ich mir die Freude mache, Sie diesen Abend nach meinem Geschmack geputzt zu sehen. Ich hatte es schon bemerkt bei unserer ersten momentanen Bekanntschaft, dass Sie von meiner Taille sind, und liess Ihnen ein Kleid nach dem neuesten Schnitt machen. Wir müssen es mit den alten Kindern, die man in den grösseren Zirkeln so häufig antrift, nicht verderben," setzte sie lächelnd hinzu, und verliess mich.
Ich ging in den Zimmern umher, und die geschmackvolle Pracht, die ich überall erblickte, machte einen gefälligen Eindruck auf mich. Meine Fantasie ward reger, und ich dachte mich in den mannichfaltigen Situationen, die mich vielleicht in diesem haus erwarteten. Das Schlafzimmer der Gräfin war am meisten nach meinem Geschmack. Alle Formen waren angenehm beruhigend, und die hellgrüne Seide der Vorhänge flog als ein leichtes Gewölk in den mahlerischsten Falten um das Ruhebette und die Fenster. Eine schöne antike Lampe war in der Mitte des Platfonds durch goldene Ketten befestigt, und goss ein mildes Licht auf alle Gegenstände umher. Zwischen den Fenstern, gerade dem Ruhebette gegenüber, wallte ein seidener Vorhang herab über ein Gemählde. Ich hob ihn auf, und fand – das Bild Nordheims in schöner geistvoller Wahrheit. Ach es schien mir jetzt nur ein Augenblick, seit er mich verliess! Der holde Zauber seiner Gegenwart bebte durch meine Sinne, gleich der wiederkehrenden Frühlingssonne durch die Nerven eines Kranken. Alle Nebel waren verschwunden; er war wieder mein, und Sonnenschein und freundliches Dasein umglänzten mich. Bald schwand die liebliche Magie; ich betrachtete das Bild. Er war in Lebensgrösse gemahlt, vor einer Herme stehend, welche die Büste der Gräfin vorstellte; die eine Hand ruhte auf dem Marmor, und das Haupt war etwas gesenkt, gleich als wär' er in Betrachtung verloren.
Welch ein inniges verhältnis muss er zu dieser Amalie haben? Kein anderes Portrait ist in diesem Zimmer, gleich als sei es ein Heiligtum der Liebe, nur für diesen Einen bereitet! Die Gräfin stand neben mir, ohne dass ich sie wahrgenommen hatte. Ihre grossen forschenden Augen waren fest auf mich gerichtet. Sie schien meine Verlegenheit nicht bemerken zu wollen, und sagte mit einem leichten Ton: "Sie werden das Bild vortreflich gemahlt und getroffen finden! Ich pflege es sonst immer so für den Staub zu bewahren" – Sie drückte an einer Feder, und ein Feld der Tapete bedeckte das Gemählde. Sie schob ein kleines Ruhebette unter die Vorhänge, und führte mich aus dem Zimmer. Eine Wolke schien mir vor ihrer Stirn zu schweben, und ihr Betragen etwas minder herzlich zu sein, doch sagte sie freundlich: "Ich werde Sie nun in die, für Sie bereiteten, Zimmer führen; Sie bewohnen sie, so lang es Ihnen gefällt; ich werde meine liebe kleine Gesellschafterin immer zu früh verlieren, und alle Künste anwenden, um sie zu fesseln. Vielleicht hilft mir ein gewisser Geist, den magischen Kreis um sie zu ziehen."
Ich hatte ein Besuchzimmer, ein Schlafzimmer und ein Ankleidezimmer; alle drei waren anmutig geschmückt, und mit allen Bequemlichkeiten versehen. Ich musste mich ungeachtet alles Widerstrebens, von der Kammerfrau ankleiden lassen, und als ich fertig war, führte mich die Gräfin