! ich dachte es mit stillem Entzücken. Doch schämte ich mich beinahe, meinem Vater gegenüber, etwas gegen seinen Willen erfahren zu haben; und die peinliche Empfindung, ihm etwas verbergen zu müssen, liess mich mit mehrerer Ruhe an die Trennung von ihm denken.
Der Tag des Abschieds brach an, alle nahmenlose Liebe, die ich empfangen hatte, füllte einzig meine Seele; sprachlos lag ich zu den Füssen meines Vaters, als der Wagen vorfuhr. Er wollte mich trösten, aber Tränen erstickten seine Worte: Gott segne dich in Zeit und Ewigkeit, meine Tochter! rief er mit zitternder stimme. Endlich schieden wir beide in jener stillen Erhebung der Seele, welche nur der tiefern Empfindung eigen ist.
Meine Begleiterin war ein gutes harmloses geschöpf, das mir meine neue Lage mit den glänzendsten Farben vorzumahlen strebte. Zum erstenmahl dachte ich jetzt über meine Geburt und den Stand meiner Eltern nach. Ich fand mich fremd und allein in der Welt, da ich aus den Augen meines Vaters war. Das Gefühl war mir schmerzlich, und ich ermunterte mein Gemüt nur durch das Bestreben, sich selbst gleich zu bleiben, und keiner äussern Lage Gewalt über mich einzuräumen. Ernstlich nahm ich mir vor, meinen ganzen Sinn nur auf die Ausbildung der Talente zu richten, die ich jetzt erwerben konnte, und die meine Einsamkeit beschäftigen, und meine Unabhängigkeit in jeder Periode des Lebens mir versichern sollten. Reizend dachte ich mir es, durch eine feine Mahlerei eine Summe zu erwerben, und dann meinen Vater unvermutet mit einem buch, welches er sich längst gewünscht hatte, zu überraschen. Ach ich wusste, dass er sich manches versagte, um mir irgend ein kleines Geschenk zu machen!
Die Neigung, welche mein Herz füllte, war zu rein, als dass ich sie mit einer Aussicht auf äusseres Glück hätte verknüpfen sollen. Wenn ich den geliebten Mann dachte, lagen alle Verhältnisse unter mir, so wie einer gläubigen Seele in dem Gedanken des himmels alles Irrdische entschwindet.
Den zweiten Tag meiner Reise hielt ich Mittag in N**. Die Kälte nötigte uns in der Wirtsstube zu bleiben, bis ein besonders Zimmer erwärmt wurde. Mehrere Reisende befanden sich darinnen. Ausser den gewöhnlichen fragen und Gesprächen, nahm niemand aus der Gesellschaft besonderen Anteil an mir. Ein Mann sass nachdenklich am Feuer; als er mich erblickte, stand er auf und sah mich einige Minuten hindurch scharf an. Wohin geht Ihre Reise, mein schönes Kind? redete er mich an; und als ich erwiderte: "nach D**." schüttelte er den Kopf einigemahl bedeutend, und murmelte: so jung, so schön! zwischen den Zähnen. Er war ein Mann von mehr als mittlerer Grösse, er trug einen dunkelblauen abgetragenen Überrock, seine schwarzen Haare hingen zerstreut ums Haupt, und seine düstern Augen blickten scharf unter der hochgewölbten Stirne hervor. Seine Wäsche war sehr fein und reinlich. Er zog eine Schreibtafel hervor, bat mich um meinen Nahmen und um den Ort meines Aufentalts. Dann bat er mich, mich in ein günstiges Licht zu setzen, weil er mein Portrait zu zeichnen wünsche.
Sein Benehmen dünkte mir sonderbar, aber es war von solch einer Unbefangenheit begleitet, dass man ihm seine Bitten nicht wohl versagen konnte. Sie sind unter einem glücklichen Zeichen gebohren, rief er aus, nachdem er einige Linien gezogen hatte. Es ist nichts Streitendes in deinen Zügen, holdes geschöpf! O ermüde nicht, diese holde Einheit durch das innigste Streben deines Gemütes zu erhalten! Deine ganze Tugend ist, das zu bleiben, wozu die natur dich machte. Dieses klare, blaue Auge vermag die Wahrheit vom Irrtum zu scheiden, und unter dem freien Gewölbe dieser Stirn entwickeln sich die Gedanken rein und zart. Wie fein ründet sich das Näschen, noch schwankend, ob es sich mehr zur Vorsichtigkeit und Klugheit, oder zur gutmütigen, beinahe leichtsinnigen Hingebung formen wird. Aber den Übergang von der Nase zur Lippe, den hat ein guter Engel mit dem Finger der Liebe gezeichnet. Der Mund ist fest und unverstellt; er sprach nur Wahrheit und Liebe. Gutes Mädchen, o lass deine unentweihte Lippen nie etwas anders reden! Gott gebe dir eine glückliche Liebe, und du kannst ein vollkommenes Weib werden.
Er arbeitete während dieser Rede, die er ganz als einen Monolog zu betrachten schien, an seiner Zeichnung fort. Als er die Hauptzüge entworfen hatte, hielt er mir das Blatt vor die Augen, und sagte mit einem feierlichen Ton: "So sind Sie jetzt; die Fülle der Jugend muss von der Zeit verweht werden, aber möge nach dreissig Jahren derselbe reine Geist diese Formen durchatmen! Sähe ich Sie wieder, und zum gemeinen weib gesunken, dann soll dieses Blatt Ihr strafender Richter sein. Sollte in diesen geradblickenden treuen Augen je Koketterie spielen, der liebeatmende Mund sich flach und falsch hin und her ziehen – O ich sah schon mehr solche gefallene Engel! Wie ein armer Landmann auf einem vom Hagel zerschlagenen Acker, den vor wenig Stunden noch eine blühende Saat schmückte, so ging ich oft unter den Ruinen der Menschheit. Mädchen, rief er aus, indem er mir freundlich die Hand bot, mache mir die Freude, ein reines einfaches Weib zu bleiben, dem Wahrheit und Liebe über alles geht.
Das ganz eigene Wesen dieses Mannes hatte mich bewegt. Es war eine solche Wahrheit in seinem Ton und seiner Miene, dass alles Karrikaturmässige aus seinem sonderbaren Benehmen verschwand. Werde ich Sie bald wieder sehen?