1798_Wolzogen_113_13.txt

, wurden bald von dem schmerzlichen Gefühl der Trennung verscheucht. "Du versuchst die neue Lage für ein halbes Jahr," sagte mir mein Vater, als er meinen tiefen Schmerz wahrnahm; "misfällt sie dir ganz, so kehrst du zu mir zurück, schliessest meine Augen, und ich empfehle dich unserm himmlischen Vater. Aber ich kann nicht wünschen, den Sonnenschein weniger Tage für mich durch den Frieden deines künftigen Lebens zu erkaufen. Wende alles an, um dein Gemüt zu der neuen Welt gefällig zu stimmen, in welche du eintreten wirst."

Schon in drei Tagen wollte mich die Gräfin durch ihre Kammerfrau abhohlen lassen. Meine Seele zerfloss in schmerzlichen Gefühlen. Alle Freuden einer glücklichen Kindheit, alle einsam genossene Stunden der erwachenden Jugendfantasie gingen in den Tagen der Trennung wieder auf, und drangten sich fester an mein Gemüt. Ich ging durch das Dorf, und empfing mit gerührtem Herzen den treugemeinten Segenswunsch der guten Landleute; mein Vater, welcher den Verständigsten unter seiner Gemeinde gern Rechenschaft von seinem Tun und Lassen gab, hatte auch über meine Reise mit ihnen gesprochen, und ihnen gesagt, dass er sich um einen Aufentalt für mich nach seinem tod umsehen müsste. Einige der Wohlhabendsten drangen mit Bitten in ihn, für die Zukunft nicht zu sorgen, und wollten mich durchaus zwingen, Geschenke anzunehmen, die für ihre Umstände ansehnlich waren. In jedem Abschied, den ich nehmen musste, fühlte ich schon den allerschmerzlichsten, den von meinem Vater.

Die Salmische Familie empfing meinen Abschiedsbesuch mit ungewöhnlicher Feierlichkeit. Ich umarme Sie vielleicht als eine grosse Dame, wenn wir uns wiedersehen, sagte mir die älteste fräulein beim Abschied. Ich achtete nicht mehr auf ihre Rede, als wie auf einen gewöhnlichen Mädchenscherz, und erzählte sie in diesem Tone Rosinen. Die gute Alte sah mich einige Minuten lang forschend an, führte mich mit geheimnissvollem Schweigen in ihr Kabinet, und verschloss die tür hinter uns. Sie drückte mich an ihre Brust, bedeckte mein Gesicht mit Küssen und Tränen, und rief aus: "Du bist unschuldig, bestes Kind, Gott sei Dank, du bist unschuldig! – Ach ich war so traurig; ich wähnte, du wüsstest um den Heuratsantrag des Fremden, und fürchtete deine Liebe und dein Vertrauen verloren zu haben, weil du mir nicht ein Wort darüber sagtest. Jetzt sehe ich, dass ich dir Unrecht tat. Schweigen konntest du gegen mich, aber dich verstellen und die Unwissende spielen, das kann mein aufrichtiges gutes Mädchen nicht." Von was schwatzest du, Mütterchen? erwiderte ich, indem ich sie mit grossen Augen anstarrte. liebes Kind, du sollst alles wissen, aber schweigen musst du, selbst gegen deinen Vater, so hart es dir auch ankommen mag. Nein, ich begreife deinen Vater nicht, so sehr ich auch sonst alles recht getan finde, was er tut: – mir mag er's verzeihen, dass ich meiner Agnes alles entdecke.

Entsinnest du dich jenes Morgens, Liebe, als jener fremde schöne Mann bei uns war? Du verliessest einmal schnell das Zimmer, und er blieb allein mit deinem Vater; da war ich in dem Seitenkabinet. Du weisst, es ist nur durch eine Bretterwand von dem grossen Zimmer geschieden, und ich verstand alle Worte, die gesprochen wurden. Da die Rede von dir war, half mein Herz meinem Gedächtniss, mir entfiel nicht eine Silbe der Unterredung. Liebliches geschöpf! rief der Fremde aus, als du die Tür geschlossen hattest. – O dass diese Wahrheit und Reinheit in deinem Wesen nie verfälscht werden möchte, ich wäre dann der glücklichste Mann, dich gefunden zu haben! Mein Vater, unsere Gemüter sind eins in der Liebe der Wahrheit, unter uns braucht es keine Umschweife, Sie sollen mich ganz kennen, ich will Ihre Tochter ganz kennen, und ist alles, wie ich mir es denke, wie Sie es wünschen, dann bitte ich aus voller Seele: Vater gib sie mir zum weib! und ich gelobe es Ihnen, sie soll ein glückliches Weib werden.

Sie kann sich nur selbst geben, sagte der Pfarrer. Du seiest seine Tochter nicht. Wessen Tochter sie ist, gilt mir gleich, erwiderte der Fremde. Ich besitze die Eigenschaften, die die Väter meist bei einer Heurat für ihre Töchter suchen, ich bin reich, und von hoher Geburt. Aber wenn der Vater ihres Geistes mich wert findet, durch das holde Wesen glücklich zu werden, dann werde ich dreifach glücklich sein. Ich frage nach nichts was ihr äusseres verhältnis betrift, weil ich unabhängig bin, aber Sie werden einen sonderbaren Mann finden, der Ihnen seine Seele öfnen wird; – ich schreibe Ihnen. Meine Adresse ist: Baron von Nordheim in D. Über die äussere Existenz des lieben Kindes haben Sie keine sorge von heute an. Kann sie mein Weib nicht werden, so schenk' ich ihr ein Vermögen, das sie unabhängig macht; aber sie muss kein Wort von meinem Plane wissen. Ihre Güte rührt mich tief, sagte mein Vater. Tröstend wäre es mir, meine Agnes als Weib eines edlen Mannes auf der Welt zurück zu lassen; ihre Geburt ist mir selbst noch ein unergründliches geheimnis, und selbst meine Ahndungen darüber muss ich in meinen Busen verschliessen. Alles was ich sagen kann, ist –" Du tratest wieder herein, mein Kind. –

wunderbar, klar und leicht wurde mir bei dieser Erzählung. Sein Weib, des liebenswürdigen Mannes nächstes innigstes verhältnis