Momente des Schweigens erzeugen Jahre der Freundschaft; die Seelen scheinen sich inniger zu nähern, als bedürften sie schon der Worte nicht mehr. Aber dieses Schweigen, mir so wert und meinem wunden Gemüt so wohltätig, dünkte mir auch ein Beweis zu sehen, dass meine Liebe hofnungslos sei.
Ach diese Amalie ist sein Weib! sagte mir oft eine stimme im inneren, aber eine andere widerlegte die erste. Nein, er würde sich nicht erlaubt haben, dir mit solcher Herzlichkeit zu begegnen. Lag nicht in seiner Rede der ganze Sinn, dass er mich zu besitzen wünsche? So gern gab mein hoffendes Herz der zweiten stimme Gehör!
In Rosinens Betragen war eine sonderbare Feierlichkeit. Nach meines Vaters Beispiel war auch zwischen ihr und mir alles unnütze Geschwätz verbannt, und wir respektirten uns gegenseitig zu sehr, dass wir nicht hätten wünschen sollen, uns immer nur etwas Passendes und Vernünftiges zu sagen. Rosine, die noch mit der alten Gewohnheit der Schwatzhaftigkeit zu kämpfen hatte, und die sich überdem bei mir, ihrem Zögling, der dankbarsten achtung so gewiss hielt, überliess sich doch zuweilen in der Abwesenheit meines Vaters ihrer geschwätzigen Laune. Jetzt wartete ich seit mehrern Tagen vergebens auf ein Wort über die neue Begebenheit, die in einem so einförmigen Leben notwendig Eindruck auf sie gemacht haben musste. So gern hätte ich den geliebten Nahmen von irgend einem lebendigen Wesen aussprechen hören. Es wäre mir ein zeugnis der Wirklichkeit für die ganze Scene gewesen, die oft als ein leichter Traum aus meiner Seele zu entfliehen drohte.
Mehrere Tage verstrichen ohne Nachricht von dem Fremden. Mit neugieriger Eile nahm ich alle ankommenden Briefe in Empfang, und besahe alle Aufschriften und Siegel genau, denn ich kannte den grossen Korrespondentenzirkel meines Vaters. Am fünften Posttage endlich erschien ein Brief mit grossem unbekannten Siegel; mit zitternder Hand reichte ich ihn meinem Vater beim Aufstehen, und vergass vor glühender Ungeduld das Frühstück herbeizuhohlen. Der Alte besah Aufschrift und Siegel, legte den Brief langsam auseinander, und setzte sich zum ruhigen Lesen. Ich kannte alle feinen Falten auf dem stillen Gesicht meines Vaters; mit Zittern nahm ich die wirkung wahr, welche der Innhalt dieser Zeilen auf ihn machte, ein gewisses Staunen, in dem noch etwas Freudiges lag, das aber bald in eine Wolke des Schmerzens vor seiner Stirne verschwand. Meine Unruhe wuchs, als er den Brief hastig einsteckte, und mit einer ruhig sein sollenden Miene nach dem Frühstück fragte. Der Tag verstrich, als wenn eine gewitterschwüle Luft den Atem presst; die gewohnten Geschäfte wurden getan, aber die gedankenschwere Stirn des Hausvaters verbreitete Düsterheit über alles.
Nach einem einsamen Spatziergang fand mich mein Vater bei seiner Zurückkunft allein im Zimmer; ich fühlte mich gedrückt, da er den ganzen Tag vermieden hatte, mit mir allein zu sein, und hielt schon die Türklinke in der Hand, mich zu entfernen. Bleib, mein Kind! rief er mir zu, ich habe dir sehr wichtige Dinge zu sagen, die mir das Herz pressen – und die ich nur mit Geduld und Glauben an die ewige Güte mit Ruhe ertragen werde; – die Zeit ist gekommen, wir müssen uns trennen. Ich flog mit einem lauten Schrei an seinen Hals, seine Tränen träufelten auf meine Wangen, und wir hielten uns sprachlos umschlossen. Nachdem unser Schmerz sich gemildert hatte, fuhr er mit zitternder stimme fort: Die Vorsicht hat mir deine Bildung anvertraut, mein bestes einziges Kind, und ich fand das süsseste Geschäft meines Lebens darinnen. Gott hat mich nicht reich gemacht, aber ich machte mir es zur Pflicht, von meinem kleinen Einkommen jährlich so viel zurückzulegen, dass du nach meinem Tod für Mangel und Abhängigkeit sicher sein könntest. Meine einzige sorge war, wo du leben würdest? Unter dem Zirkel unserer bisherigen Bekannten war niemand, dem ich dich mit ruhigem Gemüt hätte anvertrauen können. Meine Freunde sind zu weit entfernt, und alle in Familienverhältnissen, die für dich nicht taugen. Wir müssen uns nach einem Zufluchtsort für dich nach meinem tod umsehen. – Stille deine Tränen; – einem siebenzigjährigen Mann muss der Tod so bekannt sein, als der Schlaf, und wir finden uns ja wieder beim Erwachen! Ein heiterer Strahl fiel aus seinem Auge in meine Seele, und das Leben schwand vor mir hin als eine Wolke, mit seinen Freuden und seiner Not; ich blickte gelassen zu meinem Vater und zum Himmel auf.
So sehr ich durch deine Entfernung leiden werde, mein bestes Kind, fuhr mein Vater fort, so danke ich doch der Vorsicht für den Wink zu einem künftigen Aufentalt für dich, bei Menschen, die meine achtung verdienen, und die durch Geisteskultur und feine Sitten dein Leben anmutig und glücklich machen können. Die Dame, welche jüngst bei uns war, ist die Gräfin von Wildenfels. Ihr Äusseres verspricht Feinheit und Bildung, aber ich kenne auch ihren Charakter durch einen meiner vertrauten Freunde, und ich kann dich ohne sorge ihrer Führung anvertrauen. Sie wünscht dich für den nächsten Winter zu ihrer Gesellschafterin, und will aus besonderm Anteil, welchen sie an dir nimmt, noch einige kleine Talente dir erwerben helfen, die du in unserm einsamen Aufentalt entbehren würdest. Bist du mit der Gräfin und der neuen Lebensart zufrieden, so wird sie dich gern immer um sich haben. Sie wohnt für jetzt in D**. "Ich werde ihn wiedersehen!" war mein erstes Gefühl bei den Worten meines Vaters, aber die lieblichen Hofnungen, welche bei diesem Gedanken meinen Busen füllten