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auf die leis atmende Brust. Diese Stille umfing mich, und mein Busen wallte leichter und stiller. Ach für diese Beiden zu leben! sagt' ich bei mir selbst; keiner ohne den andern kann mich ganz glücklich machen! Ich vollführte mein gewöhnliches Geschäft, und ging dann in die Küche, um das Frühstück anzuordnen.

Nachdem alle häuslichen Geschäfte geordnet waren, setzte ich mich an das Pianoforte, um das Erwachen meines Vaters zu erwarten. Kaum hatte ich Naumanns Kora aufgeschlagen, und ein paar herzerhebende Akkorde aus dem schönen Chor: Geist aller Welten etc. gegriffen, so hörte ich die Tür sich hinter mir öfnen. Mein Herz schlug hoch, und die Noten verwirrten sich vor meinen Augen. Es war der geliebte Mann, und aller Zauber meiner Träume schwebte um seine Gestalt. Die Furcht, meine Empfindungen möchten auf meinem Gesicht ausgedrückt sein, brachte mich in beinahe schmerzliche Verwirrung. Er grüsste mich sanft, seine stimme schien mir noch rührender, als am vergangenen Abend. Er liess mich nicht vom Klavier ausstehen, und begleitete meine zitternden Noten mit dem reinsten vollkommensten Gesang. Ruhe durchströmte mich, die Morgenröte flammte um uns her, und der erhabene Sinn dieser Musik füllte meine Seele; ich konnte ihn bald mit meiner stimme begleiten, und unser Gesang floss so rein in einander, wie der Odem der Liebe. Mein Vater kam noch während des Gesangs aus seinem Kabinet, und blieb still hinter uns stehen. Als ich ausgespielt hatte, ging der Fremde freundlich auf meinen Vater zu, und fasste seine hände. "Wir hielten unser Morgengebet; lieber Vater, möchte ich jeden Tag mit so reiner Andacht beginnen! Der stille Geist Eures Hauses hat mich ergriffen, Ihr seid glücklich, Euch fehlt nichts, mir fehlt auch nur einesund vielleicht können Sie mir es geben." – Er drückte hier des Alten hände heftiger an seine Brust, und seine Augen fielen auf mich; ich stand bebend auf, den Stuhl ans Klavier gelehnt. Mein Vater sah ihm heiter ins Auge, und als er seine hände nicht los liess, sagte er sanft: "Gern, gern, wenn ichs kann!" – Ich konnte mich nicht länger halten, schlich mich an dem Fremden vorbei, und eilte an ein Fenster auf den Vorplatz; die Tränen stürzten aus meinen Augen. Als ich mit dem Frühstück zurück kam, schien mir's als hätte ich die Unterredung gestöhrt; mein Vater schien sehr ernstaft, der Fremde bewegt, und es schien eine Wolke vor seiner Stirn zu liegen. Der Ring blickte mir wieder ins Auge, indem er nachdenklich seine Tasse Kaffee ausleerte, und der Nahme zog wie eine Last mein Herz aus der goldenen Zauberwelt zurück. Der Nahme ist nicht unbedeutend, sagte ich bei mir selbst; ein so feinsinniger Mann trägt kein Zeichen des Andenkens, als wenn es ihm herzlich wert ist. Ob er nur eine Schwester hat? Als er bei einer kleinen Abwesenheit meines Vaters sich mir näherte, sanft die Locken berührte, die über meine Schultern wallten, und dann mit bewegter, leiser stimme sprach: Gutes, liebes Kind, o möchte ich etwas für Ihre Glückseligkeit tun können! dann schwoll mein Herz wieder in freundlichen Hofnungen, und der Nahme war vergessen. Er machte sich reisefertig, ein Schauer fasste mich, als er Hut und Stock ergriff: – vielleicht sehe' ich ihn zum letztenmahl, sagte mir eine Unglück weissagende stimme in meinem inneren, denn er hatte nichts geäussert über seinen Aufentalt, noch seine übrigen Verhältnisse. Bebend stand ich, und hielt mich am Fenstergesimms, denn meine Kniee fingen an zu wanken, während er von meinem Vater mit einer treuherzigen Umarmung Abschied nahm. Nun nahte er sich mir, schlang sanft den einen Arm um meinen Leib, und drückte seine Lippen auf meine glühende Wange. – Vergessen Sie mich nicht, – sprach er mit holder stimme, und kaum konnte ich die hervorstürzenden Tränen zuruckhalten. Schon war er an der Tür, und sah noch einmal auf mich zurück, als wir das Rollen eines ankommenden Wagens vernahmen. Er warf einen blick aus dem Fenster, und befahl dem Kutscher zu halten: er würde augenblicklich einsteigen; aber eine Dame rief ihm aus dem Kutschenfenster zu, sie wünsche hier eine halbe Stunde auszuruhn. Er erwiderte, sie hätten wenig Zeit zu verlieren; aber sie war schon beim Aussteigen, ehe sie seine Antwort ganz vernommen hatte, und mein Vater war an die Tür geeilt, sie zu empfangen.

Der Empfang der Dame liess mir keine Zeit, mich meinen Empfindungen zu überlassen; aber ich war in der disharmonischsten Stimmung. Freude über die aufgeschobene Abreise, und diese neue Erscheinung, die sich so schnell zwischen meinen Freund und mich drängte, kämpften in meinem Busen. Sein Betragen schien mir gezwungener, seitdem sie unter uns war, und drückte doch achtung und Neigung für sie aus. Ihre Züge waren schön, aber sie versprachen mehr Verstand, als Gefühl. Der Firniss der feinen Welt, der über ihr Betragen gezogen war, entfernte mich, ohne mir zu misfallen. Sie begegnete mir auch nur mit jener, Menschen von feinen Sitten mechanisch gewordenen gefälligkeit.

Ihre Entfernung, mein liebster Freund, hat mir Sorgen gemacht, sagte sie halb laut in französischer Sprache; ich fürchtete, es wäre Ihnen ein Unfall begegnet. Er dankte mit einer Beugung des Kopfes für ihre Teilnahme, und wandte sich dann gegen uns. – Ich habe in dieser liebenswürdigen