Caroline von Wolzogen
Agnes von Lilien
An meine Kinder
Für Euch, meine Kinder, entriss ich diese Blätter dem Strome der Vergangenheit! Ich habe die Blütenzeit meines Lebens noch einmal durchlebt, während ich sie schrieb. Die natur gab mir jenen wohltätigen Schleier, der den Bildern der Vergangenheit ihren lebendigen Zauber bewahrt, und mit ihm tausendfachen Genuss und reicheres Leben.
Die klare Ansicht einer fremden Existenz ist nie ganz ohne wirkung auf unsre eigne. Was ich bin, oder was ich zu sein wähne, und unter welchem freundlichen Einfluss des Schicksals ich es wurde, – sollen Euch diese Blätter zeigen.
Alle Kunstforderungen müsst Ihr hier aufgeben. Nur die Erinnerung bewegte meinen bildenden Sinn, und die Geister der Vergangenheit erschienen wie Ossians Geister auf flüchtigen Wolkengestalten.
Wie sanft ist der Übergang aus der jugendlichen Täuschung zur Wahrheit des Lebens, wenn selbst der Besitz des höchsten Gutes, welches wir wünschten, uns in den Kreis der Wirklichkeit zurückführt! Es bleibt nichts unbefriedigtes in unsrer Seele, und das stille Geschäft einer höheren Bildung nimmt seinen ununterbrochnen Fortgang, ohne von den beunruhigenden Träumen eines ungestillten Verlangens gestöhrt zu werden.
Die Verbindung zweier liebenden Seelen löst das sonderbare Rätsel unsrer Existenz, im Gefühl einer ewigen Befriedigung und eines ewigen Strebens nach etwas Unerreichbarem.
Euer holdes Dasein gab unserm Leben die schönste würdigste Bedeutung. Eure klaren Augen, in denen die Welt sich von so einfachen Seiten spiegelte, Euer kindisches Begehren und Streben – führte uns sanft in die Unschuldswelt zurück, erhielt den zärtesten Bildern unsres Gemüts ihre frischen Farben, und klärte die Quellen des heiligsten innren Lebens auf. Als Ihr denken und wollen lerntet, sah ich mit Entzücken, dass das schöne verhältnis der Gemütskräfte Euch wie die Gestalt Eures Vaters angebildet wurde.
Den Kreis von Freunden, der sich um uns versammelte, vermochte keine Laune des Schicksals zu zerstreuen. Im Drang der Verhältnisse hatten sich die edlen Naturen erprobt und bewährt erfunden.
Kindliches Vertrauen verband alle Herzen, Mut und Weisheit vereinte sie zu edlem Wirken, Geist und Grazie webte das Band des Umgangs.
Eure verehrten Grosseltern lebten ein glückliches Alter.
Mein Pflegevater wiegte Euch noch auf seinen Knieen. Mit freudestrahlendem blick sah er in meinem ältesten Sohn den künftigen Herrn seines geliebten Dörfchens. Die stille wirkung dieses edlen Geistes blieb unter uns ewig lebendig, sein Glaube glühte in unserm Herzen.
Die Obergewalt der Güte in der natur zu fühlen, wie er, das war die Quelle und die wirkung unsres Glücks.
Die Ruhe, die sich unter die blinde notwendigkeit beugt, tödtet die schönsten Blüten unsers Wesens, sie erzeugt nur das kräftige Selbstgefühl eines Atleten; – aber die Stille der Seele, die ihr eigenes Glück wieder in der natur auszuatmen strebt, die liebliche Fülle der Freiheit und Schönheit, die Wohltätigkeit des ganzen Daseins, bildet sich nur in einem Gemüt, dem die notwendigkeit als höchste Güte erscheint.
Über der Wiege meines ersten Kindes gelobte mir Julius auch Vater zu werden, und in dem ersten reinsten Naturverhältniss alles liebende Vermögen seines reichen Herzens zu beschäftigen.
Bettina hatte sich schön ausgebildet unter den Augen der Gräfin und ihres Vaters. Ihr Geist, ihr Talent war bezaubernd.
Sie scherzte selbst mit mir in Nordheims Gegenwart über ihren ersten Jugendtraum; ich hielt sie für ganz geheilt.
Bald fühlte ich, dass sie Julius in einem neuen Lichte wahrnahm. Leidenschaftliche Liebe, Neigung ohne Grenzen war die natur des Mädchens, und Julius nahm sie mit dem zärtesten Herzen auf. Er selbst schien sich mehr hinzugeben, als sie lebhaft zu ergreifen, aber es war im höchsten feinsten Sinn; sie wurden ein glückliches Paar.
Die Gestalt des alternden Mütterchens macht einen sonderbaren Kontrast mit der glühenden leidenschaft die in diesen Blättern atmet. Die Zeit macht von selbst unser Leben zu einem vollendeten Gemählde, in dem jede Farbe der allgemeinen Harmonie untergeordnet ist. Nur wenn ein irrer Wille dem stillen Naturgang widerstrebt, entstehen grelle Töne.
Euer Vater lächelte bei manchem Zug dieser geschichte, und freute sich unter dem ergrauenden Scheitel, das freundliche Leben der Jugend noch einmal aufglühen zu sehen.
Wir freuten uns dessen, was wir gewesen sind und noch sind. Die Form ist unverändert geblieben. Wir gehen dann in den grossen Saal, und sehen unsre Bilder an.
Die Vergangenheit umleuchtet uns als ein freundlicher Strahl, und wenn wir uns die hände drücken, die sich durch eine Reihe von Jahren zu mildem Wirken vereinten, – dann fühlen wir nicht, dass uns die Jugend entflohen ist, sondern dass eine neue Jugend in uns aufblüht.
Erster teil
Ich wurde in dem haus des Pfarrers zu Hohenfels, als seines Bruders Tochter erzogen. Sobald ich es verstehen konnte, sagte mir der Pfarrer, meine Eltern wären während meiner ersten Kindheit gestorben, aber ich sollte ihn als meinen Vater ansehen. Ich erfüllte dieses Verlangen in seinem vollen Sinn, denn ich fühlte nie, dass meine Eltern mir fehlten. Er war ein seltener Mann, und ich werde in der geschichte meiner Erziehung ausführlicher sein, als ich vielleicht sollte, weil sich sein Charakter in derselben am besten darstellt. Sein Gemüt war eine reine Harmonie, der sich jeder mit Vergnügen näherte, und ohne es zu suchen, wirkte er auf einen grossen Cirkel. Er liess sich gern und leicht in ein Gespräch ein, und wusste das gemeinste an die wichtigsten Gegenstände so natürlich und leicht anzuknüpfen, dass er das innere Wesen der Menschen aufschloss.
Als mein Verstand reif genug war, um die Menschen gegen einander zu vergleichen, sagte ich oft