uns lieber von der Kunst selber sprechen. Ich habe mir in vielen Stunden gewünscht, ein Maler zu sein."
Sternbald fragte: "Wie seid Ihr darauf gekommen?"
"Erstlich", antwortete der junge Ritter, "weil es mir ein grosses Vergnügen sein würde, manche von den Mädchen so mit Farben vor mich hinzustellen, die ich wohl ehemals gekannt habe, dann mir andre noch schönere abzuzeichnen, die ich manchmal in glücklichen Stunden in meinem Gemüte gewahr werde. Dann erleide ich auch zuweilen recht sonderbare Begeisterung, so dass mein Geist sehr heftig bewegt ist, dann glaube ich, wenn mir die Geschicklichkeit zu Gebote stände, ich würde recht wunderbare und merkwürdige Sachen ausarbeiten können. Seht, mein Freund, dann würde ich einsame, schauerliche Gegenden abschildern, morsche zerbrochene Brücken über zwei schroffen Felsen, einem Abgrunde hinüber, durch den sich ein Waldstrom schäumend drängt: verirrte Wandersleute, deren Gewänder im feuchten Winde flattern, furchtbare Räubergestalten aus dem Hohlwege heraus, angefallene und geplünderte Wägen, Kampf mit den Reisenden. – Dann wieder eine Gemsenjagd in einsamen, furchtbaren Felsenklippen, die kletternden Jäger, die springenden, gejagten Tiere von oben herab, die schwindelnden Abstürze. Figuren, die oben auf schmalen überragenden Steinen Schwindel ausdrücken, und sich eben in ihren Fall ergeben wollen, der Freund, der jenen zu hülfe eilt, in der Ferne das ruhige Tal. Einzelne Bäume und Gesträuche, die die Einsamkeit nur noch besser ausdrükken, auf die Verlassenheit noch aufmerksamer machen. – Oder dann wieder den Bach und Wassersturz, mit dem Fischer, der angelt, mit der Mühle, die sich dreht, vom mond beschienen. Ein Kahn auf dem wasser, ausgeworfene Netze. – Zuweilen kämpft meine Imagination, und ruht nicht und gibt sich nicht zufrieden, um etwas durchaus Unerhörtes zu ersinnen und zustande zu bringen. Äusserst seltsame Gestalten würde ich dann hinmalen, in einer verworrenen, fast unverständlichen Verbindung, Figuren, die sich aus allen Tierarten zusammenfänden und unten wieder in Pflanzen endigten: Insekten und Gewürme, denen ich eine wundersame Ähnlichkeit mit menschlichen Charakteren aufdrücken wollte, so dass sie Gesinnungen und Leidenschaften possierlich und doch furchtbar äusserten; ich würde die ganze sichtbare Welt aufbieten, aus jedem das Seltsamste wählen, um ein Gemälde zu machen, das Herz und Sinnen ergriffe, das Erstaunen und Schauder erregte, und wovon man noch nie etwas Ähnliches gesehen und gehört hätte. Denn ich finde das an unsrer Kunst zu tadeln, dass alle Meister ungefähr nach einem Ziele hinarbeiten, es ist alles gut und löblich, aber es ist immer mit wenigen Abänderungen das Alte."
Franz war einen Augenblick stumm, dann sagte er: "Ihr würdet auf eine eigene Weise das Gebiet unsrer Kunst erweitern, mit wunderbaren Mitteln das Wunderbarste erringen, oder in Euren Bemühungen erliegen. Eure Einbildung ist so lebhaft und lebendig, so zahlreich an Gestalt und Erfindung, dass ihr das Unmöglichste nur ein leichtes Spiel dünkt. Oh, wie viel billigere Forderungen muss der Künstler aufgeben, wenn er zur wirklichen Arbeit schreitet!"
Hier stimmte der Pilgrim plötzlich ein geistliches Lied an, denn es war nun die Tageszeit gekommen, an welcher er es nach seinem Gelübde absingen musste. Das Gespräch wurde unterbrochen, weil alle aufmerksam zuhörten, ohne dass eigentlich einer von ihnen wusste, warum er es tat.
Mit dem Schlusse des Gesanges traten sie in ein anmutiges Tal, in dem eine Herde weidete, eine Schalmei tönte herüber, und Sternbalds Gemüt ward so heiter und mutig gestimmt, dass er von freien Stükken Florestans Schalmeilied zum Ergötzen der übrigen wiederholte; als er geendigt hatte, stieg der mutwillige Ludovico auf einen Baum, und sang von oben in den Tönen einer Wachtel, eines Kuckucks und einer Nachtigall herunter. "Nun haben wir alle unsre Pflicht getan," sagte er, "jetzt haben wir es wohl verdient, dass wir uns ausruhen dürfen, wobei uns der junge Florestan mit einem lied erquicken soll."
Sie setzten sich auf den Rasen nieder, und Florestan fragte: "Welcher Inhalt soll denn in meinem lied sein?"
"Welcher du willst", antwortete Ludovico, "wenn es dir recht ist, gar keiner; wir sind mit allem zufrieden, wenn es dir nur gemütlich ist, warum soll eben Inhalt den Inhalt eines Gedichts ausmachen?"
Rudolph sang:
"Durch den Himmel zieht der Vögel Zug,
Sie sind auf Wanderschaft begriffen,
Da hört man gezwitschert und gepfiffen
Von Gross und Klein der Melodien genug.
Der Kleine singt mir feiner Stimm,
Der Grosse krächzt gleich wie im Grimm
Und einge stottern, andre schnarren,
Und Drossel, Gimpel, Schwalbe, Staren.
Sie wissen alle nicht, was sie meinen,
Sie wissen's wohl und sagen's nicht,
Und wenn sie auch zu reden scheinen,
Ist ihr Gerede nicht von Gewicht.
– 'Holla! warum seid ihr auf der Reise?' –
'Das ist nun einmal unsre Weise.'
– 'Warum bleibt ihr nicht zu jeglicher stunde?'-–
'Die Erd ist allentalben rund.'
Auf die armen Lerchen wird Jagd gemacht,
Die Schnepfen gar in Dohnen gefangen,
Dort sind die Vöglein aufgehangen,
An keine Rückfahrt mehr gedacht.
– 'Ist das die Art mit uns zu sprechen?
Uns armen Vögeln den Hals zu brechen?'
– 'Verständlich ist doch diese Sprache',
So ruft der Mensch, 'sie dient zur Sache,
In allen natur die Sprache