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war überaus zärtlich, er versprach mir, in einem Jahre nach Italien zurückzukommen; ich nahm auf ebenso lange von meinen Eltern Urlaub, und trat meine Reise nach Deutschland an.

Ich fühlte mich ohne meinen gefährten recht einsam und verlassen, der Mut wollte sich anfangs gar nicht einstellen, der mich sonst aufrecht gehalten hatte. Die hohen Gebirge der Schweiz und in Tirol, die furchtbare Majestät der natur, alles stimmte mich auf lange Zeit traurig, ich bereute es oft, ihm nicht wider seinen Willen gefolgt zu sein und an seinem Wahnsinne teilzunehmen. Einigemal war ich im Begriff, zu meiner Familie zurückzukehren, aber die Sucht, ein fernes Land, fremde Menschen zu sehen, trieb mich wieder vorwärts, auch die Scham, einer Lebensart untreu zu werden, die bis dahin mein höchstes Glück ausgemacht hatte. Ich will euch die einzelnen Vorfälle verschweigen, und mich zu der Begebenheit wenden, die Ursache ist, dass ihr mich hier angetroffen.

Nach manchen lustigen Abenteuern, nach manchen angenehmen Bekanntschaften langte ich in der Gegend des Schlosses an, wo ihr gekannt seid. Ich sass auf einer Anhöhe und überdachte die Mannigfaltigkeiten meines Lebenslaufs, als eine fröhliche Jagdmusik mich aufmerksam machte. Ein Zug von Jägern kam näher, in ihrer Mitte eine schöne Dame, die einen Falken auf der Hand trug; die Einsamkeit, ihr schimmernder Anzug, alles trug dazu bei, sie ungemein reizend darzustellen. Meine Sinne waren gefangengenommen, ich konnte die Augen nicht von ihr abwenden: alle Schönheiten, die ich sonst gesehen hatte, schienen mir gegen diese alltäglich, es war nicht dieser und jener Zug, der mich an ihr entzückte, nicht der Wuchs, nicht die Farbe der Wangen oder der blick der Augen, sondern auf geheimnisvolle Weise alles dies zusammen. Es war ein Gefühl in meinem Busen, das ich bis dahin noch nicht empfunden hatte, es durchdrang mich ganz, nur sie allein sah ich in der weiten Welt, jenseit ihres Besitzes lag kein Wunsch mehr in der Welt.

Ich suchte ihre Bekanntschaft, ich verschwieg ihr meinen Namen. Ich fand sie meinen Wünschen geneigt, ich war auf dem höchsten Gipfel meiner Seligkeit. Wie arm kam mir mein Leben bis dahin vor, wie entsagte ich allen meinen Schwärmereien! Der Tag unsrer Hochzeit war festgesetzt.

Oh, meine Freunde, ich kann euch nicht beschreiben, ich kann sie selber nicht begreifen, die wunderbare Veränderung, die nun mit mir vorging! Ich sah ein bestimmtes Glück vor mir liegen, aber ich war an diesem Glücke festgeschmiedet: wie wenn ich in Meeresstille vor Anker läge, und nun sähe, wie Mast und Segel vom Schiffe heruntergeschlagen würden, um mich hier, nur hier ewig festzuhalten.

'Oh, süsse Reiselust!' sagte ich zu mir selber, 'geheimnisreiche Ferne, ich werde nun von euch Abschied nehmen und eine Heimat dafür besitzen! Lockt mich nicht mehr weit weg, denn alle eure Töne sind vergeblich, ihr ziehenden Vögel, du Schwalbe mit deinen lieblichen Gesängen, du Lerche mit deinen Reiseliedern! Keine Städte, keine Dörfer werden mir mehr mit ihren glänzenden Fenstern entgegenblicken, und ich werde nun nicht mehr denken: Welche weibliche Gestalt steht dort hinter den Vorhängen, und sieht mir den Berg herauf entgegen? Bei keinem fremden liebreizenden gesicht darf mir nun mehr einfallen: Wir werden bekannter miteinander werden, dieser Busen wird vielleicht am meinigen ruhn, diese Lippen werden vielleicht mit meinen Küssen vertraut sein.'

Mein Gemüt ward hin- und zurückgezogen, häusliche Heimat, rätselhafte Fremde; ich stand in der Mitte, und wusste nicht, wohin. Ich wünschte, die Gräfin möchte mich weniger lieben, ein anderer möchte mich aus ihrer Gunst verdrängen, dann hätte ich sie zürnend und verzweifelt verlassen, um wieder umherzustreifen, und in den Bergen, im Talschatten, den frischen, lebendigen Geist wiederzusuchen, der mich verlassen hatte. Aber sie hing an mir mit allem Feuer der ersten Liebe, sie zählte die Minuten, die ich nicht bei ihr zugebracht: sie haderte mit meiner Kälte. Noch nie war ich so geliebt, und die Fülle meines Glücks übertäubte mich. Sehnsüchtig sah ich jedem Wandersmann nach, der auf der Landstrasse vorüberzog; 'wie wohl ist dir', sagte ich, 'dass du dein ungewisses Glück noch suchst! ich habe es gefunden!'

Ich ritt aus, um mich zu sammeln. Ich hielt mir in der Einsamkeit meinen Undank vor. 'Was willst du in der Welt als Liebe?' so redete ich mich selber an; 'siehe, sie ist dir geworden, sei zufrieden, begnüge dich, du kannst nicht mehr erobern: was du in einsamen Abenden mit aller sehnsucht des Herzens erwünschtest, wonach du in Wäldern jagtest, was die Bergströme dir entgegensangen, dies unnennbare Glück ist dir geworden, ist wirklich dein, die Seele, die du weit umher gesucht, ist dir entgegengekommen.'

Wie kam es, dass die Dörfer mit ihren kleinen Häusern so seltsamlich vor mir lagen? dass mir jede Heimat zu enge und beschränkt dünkte? Das Abendrot schien in die Welt hinein, da ritt ich vor einem niedrigen Bauernhause vorbei, auf dem hof stand ein Brunnen, davor war ein Mägdlein, das sich bückte, den schweren gefüllten Eimer heraufzuziehen. Sie sah zu mir herauf, indem ich stillhielt, der Abendschein lag auf ihren Wangen, ein knappes Mieder schloss sich traulich um den schönen vollen Busen, dessen genaue Umrisse sich nicht verbergen liessen. '