1798_Tieck_096_94.txt

, die wir beide gelernt hatten, 'heute ist es da, morgen wieder fort; jedermann sei froh, so hat er seine Pflicht getan, keiner weiss, was morgen ist, keiner hat das Angesicht der zukünftigen Stunde gesehen. Spotte über die Falten, über das Zürnen, das uns Saturn oft im Vorüberfliegen vorhält, der Alte wird schon wieder gut, er ist wacker, und lächelt endlich über seine eigne Verspottung, er bittet euch, wie Alte Kindern tun, nachher seine Unfreundlichkeit ab. Heute mir, morgen dir: wer Glück liebt, muss auch sein Unglück willkommen heissen. Das ganze Leben ist nicht der sorge wert.'

So stand er mit seinen Ketten unter ihnen, und wahrlich! ich vergass über seinen Heldenmut mein eigenes Elend. – Wir wurden ans Land gesetzt und als Sklaven verkauft: noch als wir getrennt wurden, nickte Ludovico mir ein freundliches Lebewohl zu.

Wir arbeiteten in zwei benachbarten Gärten, ich verlor in meiner Dürftigkeit, in dieser Unterjochung allen Mut, aber ich hörte ihn aus der Ferne seine gewöhnlichen Lieder singen, und wenn ich ihn einmal sah, war er so freundlich und vergnügt, wie immer. Er tat gar nicht, als wäre etwas Besondres vorgefallen. Ich konnte innerlich über seinen Leichtsinn recht von Herzen böse sein, und wenn ich dann wieder sein lächelndes Gesicht vor mir sah, war aller Zorn verschwunden, alles vergessen.

Nach acht Wochen steckte er mir ein Briefchen zu, er hatte andre Christensklaven auf seine Seite gebracht, sie wollten sich eines Fahrzeugs bemächtigen und darauf entfliehen: er meldete mir, dass er mich mitnehmen wolle, wenn dieser Vorsatz gleich seine Flucht um vieles erschwere; ich solle den Mut nicht verlieren.

Ich verliess mich auf sein gutes Glück, dass uns der Vorsatz gelingen werde. Wir kamen in einer Nacht am Ufer der See zusammen, wir bemächtigten uns des kleinen schiffes, der Wind war uns anfangs günstig. Wir waren schon tief ins Meer hinein, wir glaubten uns bald der italienischen Küste zu nähern, als sich mit dem Anbruche des Morgens ein Sturm erhob, der immer stärker wurde. Ich riet, ans nächste Land zurückzufahren, um uns dort zu verbergen, bis sich der Sturm gelegt hätte, aber mein Freund war andrer Meinung, er glaubte, wir könnten dann von unsern Feinden entdeckt werden, er schlug vor, dass wir auf der See bleiben, und uns lieber der Gnade des Sturms überlassen sollten. Seine Überredung drang durch, wir zogen alle Segel ein, und suchten uns so viel als möglich zu erhalten, denn wir konnten überzeugt sein, dass bei diesem Ungewitter uns niemand verfolgen würde. Der Wind drehte sich, Sturm und Donner nahmen zu, das empörte Meer warf uns bald bis in die Wolken, bald verschlang uns der Abgrund. Alle verliess der Mut, ich brach in Klagen aus, in Vorwürfe gegen meinen Freund. Ludovico, der bis dahin unablässig gearbeitet und mit allen Elementen gerungen hatte, wurde nun zum ersten Male in seinem Leben zornig, er ergriff mich und warf mich im Schiffe zu Boden. 'Bist du, Elender', rief er aus, 'mein Freund, und unterstehst dich zu klagen, wie die Sklaven dort? Roderigo, sei munter und fröhlich, das rat ich dir, wenn ich dir gewogen bleiben soll, denn wir können ins Teufels Namen nicht mehr als sterben!' Und unter diesen Worten setzte er mir mit derben Faustschlägen dermassen zu, dass ich bald alle Besinnung verlor, und den Donner, die See und den Sturm nicht mehr vernahm.

Als ich wieder zu mir kam, sah ich Land vor mir, der Sturm hatte sich gelegt, ich lag in den Armen meines Freundes. 'Vergib mir', sagte er leutselig, 'wir sind gerettet, dort ist Italien, du hättest den Mut nicht verlieren sollen.' – Ich gab ihm die Hand, und nahm mir im Herzen vor, den Menschen künftig zu vermeiden, der meinem Glücke und Leben gleichsam auf alle Weise nachstellte; aber ich hatte meinen Vorsatz schon vergessen, noch ehe wir ans Land gestiegen waren, denn ich sah ein, dass er mein eigentliches Glück sei."

Rudolph, der mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört hatte, konnte sich nun nicht länger halten, er sprang heftig auf, und rief: "Nun, bei allen Heiligen, Euer Freund ist ein wahrer Teufelskerl! Wie lumpig ist alles, was ich erlebt habe, und worauf ich mir wohl manchmal etwas zugute tat, gegen diesen Menschen! Ich muss ihn kennenlernen, wahrhaftig, und sollte ich nach dieser Seltenheit bis ans Ende der Welt laufen!"

"Wenn er nur noch lebt", antwortete Roderigo, "denn nun ist es schon länger als ein Jahr, dass ich ihn nicht gesehen habe. Ich habe euch diesen Vorfall nur darum weitläuftiger erzählt, um euch einigermassen einen Begriff von seinem Charakter zu geben. Meine Eltern priesen sich glücklich, als sie mich wiedersahen, aber Ludovico hatte mich bald wieder in neue Abenteuer verwickelt. Ich wollte die Schweiz und Deutschland besuchen, er wollte ohne meine Gesellschaft eine andre Reise unternehmen, es war nichts Geringeres, als dass er nach Ägypten gehen wollte, die seltsamen uralten Pyramiden, das wunderbare Rote Meer, die Sandwüsten mit ihren Sphinxen, der fruchtbare Nil, diese Gegenstände, von denen man schon in der Kindheit so viel hört, waren es, die ihn dortin riefen. Unser Abschied