Deutscher bin, sondern ich bin aus einer edlen italienischen Familie entsprossen, mein Name ist Roderigo. Meine Eltern gaben mir eine sehr freie Erziehung, mein Vater, der mich übermässig liebte, sah mir in allen Wildheiten nach, und als ich daher älter wurde und er mit seinem guten Rate nachkommen wollte, war es natürlich, dass ich auf seine Worte gar nicht achtete. Seine Liebe zu mir erlaubte ihm aber nicht, zu strengern Mitteln als gelinden Verweisen seine Zuflucht zu nehmen, und darüber wurde ich mit jedem Tage wilder und ausgelassener. Er konnte es nicht verbergen, dass er über meine unbesonnenen Streiche mehr Vergnügen und Zufriedenheit als Kummer empfand, und das machte mich in meinem seltsamen Lebenslaufe nur desto sicherer. Er war selbst in seiner Jugend ein wilder Bursche gewesen, und dadurch hatte er eine Vorliebe für solche Lebensweise behalten, ja er sah in mir nur seine Jugend glänzend wieder aufleben.
Was mich aber mehr als alles übrige bestimmte und begeisterte, war ein junger Mensch von meinem Alter, der sich Ludovico nannte, und bald mein vertrautester Freund wurde. Wir waren unzertrennlich, wir streiften in Romanien, Kalabrien und Oberitalien umher, denn die Reisesucht, das Verlangen, fremde Gegenden zu sehen, das in uns beiden fast gleich stark war, hatte uns zuerst aneinandergeknüpft. Ich habe nie wieder einen so wunderbaren Menschen gesehen, als diesen Ludovico, ja ich kann wohl sagen, dass mir ein solcher Charakter auch vorher in der Imagination nicht als möglich vorgekommen war. Immer ebenso heiter als unbesonnen, auch in der verdriesslichsten Lage fröhlich und voll Mut: jede gelegenheit ergriff er, die ihn in Verwirrung bringen konnte, und seine grösste Freude bestand darin, mich in Not oder Gefahr zu verwickeln, und mich nachher steckenzulassen. Dabei war er so unbeschreiblich gutmütig, dass ich niemals auf ihn zürnen konnte. So vertraut wir miteinander waren, hat er mir doch niemals entdeckt, wer er eigentlich sei, welcher Familie er angehöre, sooft ich ihn darum fragte, wies er mich mit der Antwort zurück: dass mir dergleichen völlig gleichgültig bleiben müsse, wenn ich sein wirklicher Freund sei. Oft verliess er mich wieder auf einige Wochen, und schwärmte für sich allein umher, dann erzählten wir uns unsre Abenteuer, wenn wir uns wiederfanden."
"So gibt es doch noch so vernünftige Menschen in der Welt!" fiel Rudolph heftig aus, "wahrlich, das macht mir ganz neue Lust, in meinem Leben auf meine Art weiterzuleben! Oh, wie freut es mich, dass ich Euch habe kennen lernen, fahrt um Gottes willen in Eurer vortrefflichen Erzählung fort!"
Der Ritter lächelte über diese Unterbrechung, und fuhr mit folgenden Worten fort: "Es war fast kein Stand, keine Verkleidung zu erdenken, in der wir nicht das Land durchstreift hätten, als Bauern, als Bettler, als Künstler, oder wieder als Grafen zogen wir umher, als Spielleute musizierten wir auf Hochzeiten und Jahrmärkten, ja der mutwillige Ludovico verschmähte es nicht, zuweilen als eine artige Zigeunerin herumzuwandern, und den Leuten, besonders den hübschen Mädchen, ihr Glück zu verkündigen. Von den lächerlichen Drangsalen, die wir oft überstehen mussten, so wie von den verliebten Abenteuern, die uns ergötzten, lasst mich schweigen, denn ich würde euch in der Tat ermüden."
"Gewiss nicht", sagte Rudolph, "aber macht es, wie es Euch gefällt, denn ich glaube selbst, Ihr würdet über die Mannigfaltigkeit Eurer Erzählungen müde werden."
"Vielleicht", sagte der Ritter. "Von meinem Freunde glaubte ich heimlich, dass er seinen Eltern entlaufen sei, und sich nun auf gut Glück in der Welt herumtreibe. Aber dann konnte ich wieder nicht begreifen, dass es ihm fast niemals an Gelde fehle, mit dem er verschwenderisch und unbeschreiblich grossmütig umging. Fast so oft er mich verliess, kam er mit einer reichen Börse zurück. Unsre grösste Aufmerksamkeit war auf die schönen Mädchen aus allen Ständen gerichtet; in kurzer Zeit war unsre Bekanntschaft unter diesen ausserordentlich ausgebreitet, wo wir uns aufhielten, wurden wir von den Eltern ungern gesehen, nicht selten wurden wir verfolgt, oft entgingen wir nur mit genauer Not der Rache der beleidigten Liebhaber, den Nachstellungen der Mädchen, wenn wir sie einer neuen Schönheit aufopferten. Aber diese Gefährlichkeiten waren eben die Würze unsres Lebens, wir vermieden mit gutem Willen keine.
Die Reiselust ergriff meinen Freund oft auf eine so gewaltsame Weise, dass er weder auf die Vernunft, noch selber auf meine Einwürfe hörte, der ich doch Tor gern genug war. Nachdem wir Italien genug zu kennen glaubten, wollte er plötzlich nach Afrika übersetzen. Die See war von den Korsaren so beunruhigt, dass kein Schiff gern überfuhr, aber er lachte, als ich ihm davon erzählte, er zwang mich beinahe, sein Begleiter zu sein, und wir schifften mit glücklichem Winde fort. Er stand auf dem Verdecke und sang verliebte Lieder, alle Matrosen waren ihm gut, jedermann drängte sich zu ihm, die afrikanische Küste lag schon vor uns. Plötzlich entdeckten wir ein Schiff, das auf uns zusegelte, es waren Seeräuber. Nach einem hartnäckigen Gefechte, in welchem mein Freund Wunder der Tapferkeit tat, wurden wir erobert und gefangen fortgeführt. Ludovico verlor seine Munterkeit nicht, er verspottete meinen Kleinmut, und die Korsaren beteuerten, dass sie noch nie einen so tollkühnen Wagehals gesehen hätten. 'Was soll mir das Leben?' sagte er dagegen in ihrer Sprache