eine erhabene Ruhe. Gerade diese anscheinende Kälte, die Unbiegsamkeit im Stoffe ist das, was mir so oft einen wehmütigen Schauder bei der Betrachtung erregte: dass hier allgemeine Begriffe in sinnlichen Gestalten mit so ernster Bedeutung aufgestellt sind, Kind und Greis in ihren Empfindungen vereinigt, dass das Ganze unzusammenhängend erscheint, wie das menschliche Leben, und doch eins um des andern notwendig ist, wie man auch im Leben nichts aus seiner Verkettung reissen darf, alles dies ist mir immer ungemein erhaben erschienen."
"Ich erinnere mich", antwortete Rudolph, "eines alten Bildes in Pisa, das dir auch vielleicht gefallen wird; wenn ich nicht irre, ist es von Andrea Orgagna gemalt. Dieser Künstler hat den Dante mit besondrer Vorliebe studiert, und in seiner Kunst auch etwas Ähnliches dichten wollen. Auf seinem grossen Bilde ist in der Tat das ganze menschliche Leben auf eine recht wehmütige Art abgebildet. Ein Feld prangt mit schönen Blumen von frischen und glänzenden Farben, geschmückte Herren und Damen gehen umher, und ergötzen sich an der Pracht. Tanzende Mädchen ziehen mit ihrer muntern Bewegung den blick auf sich, in den Bäumen, die von Orangen glühn, erblickt man Liebesgötter, die schalkhaft mit ihren Geschossen herunterzielen, über den Mädchen schweben andre Amorinen, die nach den geschmückten Spaziergängern zur Vergeltung zielen. Spielleute blasen auf Instrumenten zum Tanz, eine bedeckte Tafel steht in der Ferne. – Gegenüber sieht man steile Felsen, auf denen Einsiedler Busse tun und in andächtiger Stellung beten, einige lesen, einer melkt eine Ziege. Hier ist die Dürftigkeit des armutseligen Lebens dem üppigen glückseligen recht herzhaft gegenübergestellt. – Unten sieht man drei Könige auf die Jagd reiten, denen ein heiliger Mann eröffnete Gräber zeigt, in denen man von Königen verweste Leichname sieht. – Durch die Luft fliegt der Tod, mit schwarzem Gewand, die Sense in der Hand, unter ihm Leichen aus allen Ständen, auf die er hindeutet. – Dieses Gemälde hat immer in mir das Bild des grossen menschlichen Lebens hervorgebracht, in welchem keiner vom andern weiss, und sich alle blind und taub durcheinander bewegen."
Unter diesen Gesprächen waren sie an eine dichte Stelle im wald gekommen, abseits an einer Eiche gelehnt lag ein Rittersmann, mit dem sich ein Pilgrim beschäftigte, und ihm eine Wunde zu verbinden suchte. Die beiden Wanderer eilten sogleich hinzu, sie erkannten den Ritter, Franz zuerst, es war derselbe, den sie vor einiger Zeit als Mönch gesehen hatten, und den Sternbald im schloss gemalt hatte. Der Ritter war in Ohnmacht gesunken, er hatte viel Blut verloren, aber durch die vereinigte hülfe kam er bald wieder zu sich. Der Pilgrim dankte den beiden Freunden herzlich, dass sie ihm geholfen, den armen Verwundeten zu pflegen, sie machten in der Eile eine Trage von Zweigen und Blättern, worauf sie ihn legten und so abwechselnd trugen. Der Ritter erholte sich bald, so dass er bat, sie möchten diese Mühe unterlassen; er versuchte es, auf die Füsse zu kommen, und es gelang ihm, dass er sich mit einiger Beschwerlichkeit und langsam fortbewegen konnte, die übrigen führten und unterstützten ihn. Der Ritter erkannte Franz und Rudolph ebenfalls, er gestand, dass er derselbe sei, den sie neulich in einer Verkleidung getroffen. Der Pilgrim erzählte, dass er nach Loreto wallfahrte, um ein Gelübde zu bezahlen, das er in einem Sturm auf der See getan.
Es wurde dunkel, als sie immer tiefer in den Wald hineingerieten und kaum noch den Weg bemerken konnten. Franz und Rudolph riefen laut, um jemand herbeizulocken, der ihnen raten, der sie aus der Irre führen könne, aber vergebens, sie hörten nichts als das Echo ihrer eigenen stimme. Endlich war es, als wenn sie durch die Verworrenheit der Gebüsche ein fernes Glöcklein vernähmen, und sogleich richteten sie nach diesem Schalle ihre Schritte. Der Pilger insonderheit war sehr ermüdet, und wünschte einen Ruheplatz anzutreffen, er gestand es ungern, dass ihn sein übereiltes Gelübde schon oft gereut habe, dass er es aber nun schuldig sei zu bezahlen, um Gott nicht zu irren. Er seufzte fast bei jedem Schritte, und der Ritter konnte es nicht unterlassen, so ermüdet er selber war, bisweilen über ihn zu spotten. Franz und Rudolph sangen Lieder, um die Ermüdeten zu trösten und anzufrischen, sehnten sich aber auch herzlich nach einer ruhigen Herberge.
Jetzt sahen sie ein Licht ungewiss durch die Zweige schimmern, und die Hoffnung von allen wurde gestärkt, das Glöcklein liess sich von Zeit zu Zeit wieder hören, und viel vernehmlicher. Sie glaubten sich in der Nähe eines Dorfs zu befinden, als sie aber noch eine Weile gegangen waren, standen sie vor einer kleinen Hütte, in der ein Licht brannte, das ihnen entgegenglänzte, ein Mann sass darin, und las mit vieler Aufmerksamkeit in einem buch, ein grosser Rosenkranz hing an seiner Seite, über der Hütte war eine Glocke angebracht, die er abwechselnd anzog, und die den Schall verursacht hatte.
Er erstaunte, als er von der Gesellschaft in seinen Betrachtungen gestört wurde, doch nahm er alle sehr freundlich auf. Er bereitete schnell aus Kräutern einen Saft, mit dem er die Wunde des Ritters verband, wonach dieser sogleich Linderung spürte, und zum Schlafe geneigt war. Auch Franz war müde, der Pilgrim war schon in einem Winkel des Hauses eingeschlafen, nur Rudolph blieb munter, und verzehrte einiges von den Früchten, Brot und Honig, das der Einsiedler