vertrauter, und sie sträubte sich gegen meine Küsse nicht mehr.
Nun wurde es Nacht, und die Bangigkeit, die sie erfüllte, erlaubte mir, dreister zu sein. Endlich kamen wir in der Nähe ihrer Behausung, sie stieg behende herunter, wir hatten schon unsre Abrede genommen. Sie eilte voraus, ich blieb eine Weile zurück, dann zwang ich mein Pferd, in einer Art von Galopp mit mir vor das Haus zu sprengen. Es war ein altes weitläuftiges Gebäude, das abseits vom übrigen dorf lag; das Mädchen kam mir entgegen, ich trat als ein verirrter Fremdling ein, und bat demütig um ein Nachtlager. Die Eltern bewilligten es mir gern, die Kleine spielte ihre Aufgabe gut durch, sie zeigte mir verstohlen, dass sie neben der kammer schlafen würde, die man mir einräumte; sie wollte die Tür offen lassen. Das Abendessen, die umständlichen gespräche wurden mir sehr lang, endlich ging alles schlafen, meine Freundin aber hatte in der Wirtschaft noch allerhand zu besorgen. Ich betrachtete indessen meine kammer, sie führte auf der einen Seite nach dem Schlafzimmer des Mädchens, auf der andern in einen langen gang, dessen äusserste Tür geöffnet war. Freundlich schien durch diese die runde Scheibe des Mondes, das schöne Licht lockt mich hinaus, ein Garten empfängt mich. Ich durchwandere auch diesen, gehe durch ein Gattertor, und verliere mich voller Erwartungen im feld.
Man ist indessen sorgsam gewesen, alle Türen zu verschliessen, es war das letzte Geschäft des Vaters, nach allen Riegeln im haus zu sehen. Bestürzt komme ich zurück, die Gartentür ist verschlossen; ich rufe, ich klopfe, niemand hört mich, ich versuche überzusteigen, aber meine Mühe war vergebens. Ich verwünsche den Mond und die Schönheiten der natur, ich sehe die Freundliche vor mir, die mich erwartet und mein Zögern nicht begreifen kann.
Unter Verwünschungen und unnützen Bemühungen sah ich mich genötigt, den Morgen auf dem freien feld abzuwarten: alle Hunde wurden wach, aber kein Mensch hörte mich, der mich eingelassen hätte. Oh, wie segnete ich die ersten Strahlen des Frührots! Die Alten bedauerten mein Unglück, das Mädchen war so verdrüsslich, dass sie anfangs nicht mit mir sprechen wollte, ich versöhnte sie aber endlich, ich musste fort, und versprach ihr, auf meiner Rückreise von England sie gewiss wieder zu besuchen. Und du sahst damals, dass ich ihr auch Wort hielt.
Ich kam an: schon sah ich mit Verdruss und klopfendem Herzen den Garten mit der mir so wohlbekannten Mauer, schon suchte mein Auge das Mädchen, aber die Sachen hatten sich indessen sehr verändert. Sie war verheiratet, sie wohnte in einem andern haus, und was das Schlimmste war, sie liebte sogar ihren Mann; als ich sie besuchte, bat sie mich mit der höchsten Angst, doch ja je eher je lieber wieder fortzugehn. Ich gehorchte ihr, um ihr Glück nicht zu stören. – Siehst du, mein Freund, das ist die unbedeutende geschichte einer Bekanntschaft, die sich ganz anders endigte, als ich erwartet hatte."
"Dir geschieht schon recht", sagte Franz, "wenn du manchmal für deinen übertriebenen Mutwillen bestraft wirst."
"Oh, dass ihr allentalben Übertreibungen findet!" rief Florestan aus, "ihr seid immer besorgt, euch in allen Gedanken und Gefühlen zu mässigen. Aber es gelingt niemals und ist unmöglich, in einem Gebiete zu messen und zu wägen, wo kein Mass und Gewicht anerkannt wird. Es freut mich, dich auch einmal verliebt zu sehen."
Franz sagte: "Ich weiss nicht, ob ich verliebt bin, aber du ängstigest mich mit deinen Reden; wozu wäre es auch, da wir so bald abreisen müssen?"
Florestan lachte, und gab ihm gar keine Antwort. – "Nun, wie haben dir die neulichen Lieder gefallen?" sagte er, "und die Lichter, der Wald? Nicht wahr, es war der Mühe wert, fröhlich zu sein?"
"Du marterst mich nur", sagte Sternbald, als Rudolph geendigt hatte, "sprich wie du willst, ich werde niemals deiner Meinung sein. Man kann sich in einem leichtsinnigen Augenblicke vergessen, aber wenn man freiwillig den Sinnen den Sieg über sich selbst einräumt, so erniedrigt man sich dadurch unter sich selbst."
"Du willst ein Maler sein, und sprichst so?" rief Rudolph aus, "oh, lass ja die Kunst fahren, wenn dir deine Sinnen nicht lieber sind, denn durch diese allein vermagst du die Rührungen hervorzubringen. Was wollt ihr mit allen euren Farben darstellen und ausrichten, als die Sinnen auf die schönste Weise ergötzen? Durch nichts kann der Künstler unsre Phantasie so gefangennehmen, als durch den Reiz der vollendeten Schönheit, das ist es, was wir in allen Formen entdecken wollen, wonach unser gieriges Auge allentalben sucht. Wenn wir sie finden, so sind es auch nicht die Sinne allein, die in Bewegung sind, sondern alle unsre Entzückungen erschüttern uns auf einmal auf die lieblichste Weise. Der freie unverhüllte Körper ist der höchste Triumph der Kunst, denn was sollen mir jene beschleierten Gestalten? Warum treten sie nicht aus ihren Gewändern heraus, die sie ängstigen und sind sie selbst? Gewand ist höchstens nur Zugabe, Nebenschönheit. Das griechische Altertum verkündigt sich in seinen nackten Figuren am göttlichsten und menschlichsten. Die Dezenz unsers gemeinen prosaischen Lebens ist in der Kunst unerlaubt, dort in den heitern