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Gut betastet hat.

Nach einiger Zeit kam der alte Maler zurück; er wunderte sich gar nicht, einen Fremdling vor seiner Schwelle anzutreffen, sondern ging in seine Hütte, räumte auf, und spielte dann auf der Ziter, als wenn niemand zugegen wäre. Franz betrachtete den Alten mit Verwunderung, der indessen wie ein Kind in seinem haus sass, und zu erkennen gab, wie wohl ihm in seiner kleinen Heimat sei, unter den befreundeten, wohlbekannten Tönen seines Instrumentes. Als er sein Spiel geendigt, packte er Kräuter, Moos und Steine aus seinen Taschen, und legte sie sorgfältig in kleine Schachteln zurecht, indem er jedes aufmerksam betrachtete. Über manches lächelte er, anderes schien er mit einiger Verwunderung anzuschauen, indem er die hände zusammenschlug, oder ernstaft den Kopf schüttelte. Immer noch sah er nach Sternbald nicht hin, bis dieser endlich in das kleine Haus trat, und ihm seinen Gruss anbot. Der alte Mann gab ihm die Hand, und nötigte ihn schweigend, sich niederzusetzen, indem er sich weder verwunderte, noch ihn als einen Fremden genauer beachtete.

Die Hütte war mit mannigfaltigen Steinen aufgeputzt, Muscheln standen umher, durchmengt von seltsamen Kräutern, ausgestopften Tieren und Fischen, so dass das Ganze ein höchst abenteuerliches Ansehn erhielt. Stillschweigend holte der Alte unserm Freunde einige Früchte, die er ihm ebenfalls mit stummer Gebärde vorsetzte. Als Franz einige davon gegessen hatte, indem er immer den sonderbaren Menschen beobachtete, fing er mit diesen Worten das Gespräch an: "Ich habe mich schon seit lange darauf gefreut, Euch zu sehen, ich hoffe, Ihr zeigt mir auch einige von Euren Malereien, denn auf diese bin ich vorzüglich begierig, da ich mich selbst zur edlen Kunst bekenne."

"Seid Ihr ein Maler?" rief der Alte aus, "nun wahrlich, so freut es mich, Euch hier zu sehen, seit lange ist mir keiner begegnet. Aber Ihr seid noch sehr jung, Ihr habt wohl schwerlich schon den rechten Sinn für die grosse Kunst."

"Ich tue mein Mögliches", antwortete Franz, "und will immer das Beste, aber ich fühle freilich wohl, dass das nicht zureicht."

"Es ist immer schon genug", rief jener aus; "freilich ist es nur wenigen gegeben, das Wahrste und Höchste auszudrücken, eigentlich können wir alle uns ihm nur nähern, aber wir haben unsern Zweck gewisslich schon erreicht, wenn wir das wollen und erkennen, was der Allmächtige in uns hineingelegt hat. Wir können in dieser Welt nur wollen, nur in Vorsätzen leben, das eigentliche Handeln liegt jenseits, und besteht gewiss aus den eigentlichsten, wirklichsten Gedanken, da in dieser bunten Welt alles in allem liegt. So hat sich der grossmächtige Schöpfer heimlicherund kindlicherweise durch seine natur unsern schwachen Sinnen offenbart, er ist es nicht selbst, der zu uns spricht weil wir dermalen zu schwach sind, ihn zu verstehn; aber er winkt uns zu sich, und in jedem Moose, in jeglichem Gestein ist eine geheime Ziffer verborgen, die sich nie hinschreiben, nie völlig erraten lässt, die wir aber beständig wahrzunehmen glauben. Fast ebenso macht es der Künstler: wunderliche, fremde, unbekannte Lichter scheinen aus ihm heraus, und er lässt die zauberischen Strahlen durch die Kristalle der Kunst den übrigen Menschen entgegenspielen, damit sie nicht vor ihm erschrecken, sondern ihn auf ihre Weise verstehn und begreifen. Nun vollendet sich das Werk, und dem es offenbart ist liegt ein weites Land, eine unabsehliche Aussicht da, mit allem Menschenleben, mit himmlischem Glanz überleuchtet, und heimlich sind Blumen hineingewachsen, von denen der Künstler selber nicht weiss, die Gottes Finger hineinwirkte, und die uns mit äterischem Zauber anduften und uns still den Künstler als einen Liebling Gottes verkündigen. Seht, so denke ich über die natur und über die Kunst."

Franz erschrak vor sich selber, dass er aus dem mund eines Mannes, den die übrigen Leute wahnsinnig nannten, seine eigensten Gedanken deutlich ausgesprochen hörte, so dass seine Ahndungen in anschaulichen Bildern vor ihm schwebten.

"Wie willkommen ist mir dieser Ton!" rief er aus, "so habe ich mich denn nicht geirrt, wenn ich mit dem stillen Glauben hier anlangte, dass Ihr mir behülflich sein würdet, mich aus der Irre zurechtzufinden."

"Wir irren alle", sagte der Alte, "wir müssen irren, und jenseit dem Irrtume liegt auch gewiss keine Wahrheit, beide stehen sich auch gewiss nicht entgegen, sondern sind nur Worte, die der Mensch in seiner Unbehülflichkeit dichtete, um etwas zu bezeichnen, was er gar nicht meinte. Versteht Ihr mich?"

"Nicht so ganz", sagte Sternbald.

Der Alte fuhr fort: "Wenn ich nur malen, singen oder sprechen könnte, was mein eigentlichstes Selbst bewegt, dann wäre mir und auch den übrigen geholfen; aber mein Geist verschmäht die Worte und Zeichen, die sich ihm aufdrängen, und da er mit ihnen nicht hantieren kann, gebraucht er sie nur zum Spiel. So entsteht die Kunst, so ist das eigentliche Denken beschaffen."

Franz erinnerte sich, dass Dürer einst diesen Gedanken mit fast den nämlichen Worten ausgedrückt habe. Er fragte: "Was haltet Ihr denn nun für das Höchste, wohin der Mensch gelangen könne?"

"Mit sich zufrieden sein", rief der Alte, "mit allen Dingen zufrieden sein, denn alsdann verwandelt er sich und alles um sich her in ein