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Gedicht durchaus keinen Schluss hat."

"Und warum muss denn alles eben einen Schluss haben?" rief Florestan, "und nun gar in der scherzenden fröhlichen Poesie! Fangt ihr nur an, zu spielen, um aufzuhören? Denkt ihr euch bei jedem Spaziergange gleich das Zurückgehen? Es ist ja schöner, wenn ein Ton leise nach und nach verhallt, wenn ein Wasserfall immer fortbraust, wenn die Nachtigall nicht verstummt. Müsst ihr denn Winter haben, um den Frühling zu geniessen?"

"Es kann sein, dass Ihr recht habt", antworteten einige, "ein Weinlied nun gar, das nichts als die reinste Fröhlichkeit atmen soll, kann eines Schlusses am ersten entbehren."

"Aber wie ihr nun wieder sprecht!" rief Florestan im tollen Mute, indem er sich hastig rundherum drehte. "Ohne Schluss, ohne Endschaft ist kein Genuss, kein Ergötzen durchaus nicht möglich. Wenn ich einen Baumgang hinuntergehe, sei er noch so schön, so muss ich doch an den letzten Baum kommen können, um stillzustehn und zu denken: 'Dort bin ich gegangen.' Im Leben wären Liebe, Freude und Entzükken nur Qualen, wenn sie unaufhörlich wären, dass sie Vergangenheit sein können, macht das zukünftige Glück wieder möglich, ja, zu jedem grossen mann mit allen seinen bewundernswerten Taten gehört der Tod als unentbehrlich zu seiner Grösse, damit ich nur imstande bin, die wahre Summe seiner Vortrefflichkeit zu ziehen, und ihn mit Ruhe zu bewundern. In der Kunst gar ist der Schluss ja nichts weiter, als eine Ergänzung des Anfangs."

"Ihr seid ein wunderlicher Mensch", sagte der alte Poet, "so singt uns also Euren Schluss, wenn er denn so unentbehrlich ist."

"Ihr werdet aber damit noch viel weniger zufrieden sein", sagte Florestan, "doch es soll Euch ein Genüge geschehn." Er nahm die Ziter wieder in die Hand, spielte und sang: "Bacchus lässt die Rebe spriessen, Saft durch ihre Blätter fliessen, Lässt sie weiche Lüfte fächeln, Sonnet sie mit seinem Lächeln. Um die Ulme hingeschlungen Steht die neue Pflanz im Licht, Heimlich ist es ihm gelungen, Denn die Götter merken's nicht. Lässt die Blüten rötlich schwellen Und die Beeren saftig quellen, Fürchtend die Götter und das Geschick kommt er in Trauben verkleidet zur Welt zurück. Nun kommen die Menschlein hergegangen Und kosten mit süssem Verlangen Die neue Frucht, den glühenden Most, und finden den Gott, den himmlischen Trost. In der Kelter springt der mutwillige Götterknabe, Der Menschen allerliebste Habe, Sie trinken den Wein, sie kosten das Glück, Es schleicht sich die goldene Zeit zurück. Der schöne Rausch erheitert ihr Gesicht, Sie geniessen froh das neue Sonnenlicht, Sie spüren selber Götter- und Zauberkraft, Die ihnen die neue Gabe schafft. Die Blicke feurig angeglommen zwingen sie die Venus zurückzukommen, Die Göttin ist da und darf nicht fliehn, Weil sie sie mächtig rückwärts ziehen.

Da schauen die Götter herab mit staunendem blick, Es kommt beschämt die ganze Schar zurück: – 'Wir wollen wieder bei euch wohnen, Ihr Menschen bauet unsre Tronen.' 'Was brauchen wir euch und euer Geschick?' So tönt von der Erde die Antwort zurück, 'Wir können euch ohne Gram entbehren, Wenn Wein und Liebe bei uns gewähren.'" Nun schwieg er still und legte mit einer anständigen Verbeugung die Ziter weg. "Das ist nun gar gottlos!" riefen viele von den Zuhörern, "Euer Schluss ist das Unerlaubteste von allem, was Ihr uns vorgesungen habt."

Der Streit über den Wert der beiden Dichter fing von neuem an. Sternbald ward hitzig für seinen Freund, und da er ihn einigemal bei seinem Namen Florestan nannte, so ward der andere Poet dadurch aufmerksam gemacht; er fragte, er erkundigte sich, das Gespräch nahm eine andere Wendung. Man sprach von Vettern, Oheimen, Basen, in Deutschland, Italien und Frankreich, tausend Namen wurden genannt, viele Stammbäume entwickelt, und endlich fand es sich, dass die beiden Streitenden Verwandte waren: sie umarmten sich, freuten sich, einander so unverhofft anzutreffen, und es wurde nun weiter an keine Vergleichung ihrer Talente gedacht.

Viertes Kapitel

Die Gesellschaft zerstreute sich hierauf, und Franz verliess nach dem Getümmel gern das Haus, um sich in den Schlossgarten zu begeben. Hier gesellte sich der Jäger zu ihm, der im wald die Antwort des Liedes mit einer schönen vollen stimme gesungen hatte, er war ein junger Edelmann, der einen der vornehmeren Dienste bei der herrschaft versah, Arnold war sein Name. Seine Miene hatte etwas Schwermütiges und Leidendes, auch hatte er an den Scherzen und Streitigkeiten bei der Tafel keinen Anteil genommen. Er ging mit Franz in den schattigen Gängen auf und nieder, indem sie sich vertraulich von der heutigen Jagd, von Sternbalds Reise, und von der Schönheit der Gräfin unterhielten. "Da kommt sie den Lindengang heruntergeschritten!" rief plötzlich der Jüngling mit einer lebhaften Empfindung aus, "seht, wie sich das reiche Gewand um den edlen Leib schmiegt, und der Purpur des Kleides mit den goldenen Spangen in der grünen Dämmerung schimmert, schon fliegt der Strahl der himmlischen Augen, um mich festzuhalten, aber heute wenigstens will ich einmal einer traurigen Freiheit geniessen." Mit diesen seltsamen Worten verliess er schnell den staunenden Maler. Die geschmückte Dame, die er anfangs nicht wiedererkannt hatte, schritt ihm im