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es war ein seltner Geist, der es wagte, diesen Baum mit Ästen, Zweigen und Blättern so hinzustellen, immer höher den Wolken mit seinen Felsmassen entgegenzugehn, und ein Werk hinzuzaubern, das gleichsam ein Bild der Unendlichkeit ist."

Sternbald sagte: "Wie freue ich mich, dass es mir so wohl geworden ist, dieses Denkmal deutscher Kunst und Seelenhoheit gesehen zu haben. Mit welcher lauten stimme wird der Name Erwins durch die Welt gerufen, und wie fühlen wir im Anschauen dieses Monumentes die Unsterblichkeit des Menschengeistes. Hier ist eine Erhabenheit ausgesprochen, für die kein andres Zeichen, keine andre Kunst, ja selbst der unendliche Gedanke nicht genügte; die Vollendung der Symmetrie, die kühnste allegorische Dichtung des menschlichen Geistes, diese Ausdehnung nach allen Seiten, und über sich in den Himmel hinein; das Endlose und in sich selbst Geordnete; die notwendigkeit des Gegenüberstehenden, welches die andere Hälfte erläutert und vollendet, so dass eins um des andern willen, und alles um die deutsche Grösse und Herrlichkeit auszudrücken, da ist. Es ist ein Baum, ein Wald, aber diese allmächtigen, unendlich wiederholten Steinmassen drücken auch, wenn man will, noch viel anderes im Bilde aus. Es ist der Geist des Menschen selbst, seine unendliche Mannigfaltigkeit zur sichtbaren Einheit verbunden, sein kühnes Riesenstreben nach dem Himmel, seine Dauer und Unbegreiflichkeit; den Geist Erwins selbst sehe ich in einer furchtbar sinnlichen Anschauung vor mir stehen. Es ist zum Entsetzen, dass der Mensch aus den Felsen und Abgründen sich einzeln die Steine hervorholt, und nicht rastet und ruht, bis er diesen ungeheuren Springbrunnen von lauter Felsenmassen hingestellt hat, der sich ewig, ewig ergiesst, und wie mit der stimme des Donners Anbetung vor uns selbst in unsre sterblichen Gebeine hineinpredigt. Und nun klimmt unbemerkt und unkenntlich ein Wesen, gleich dem Baumeister, oben wie ein Wurm, an den Zinnen umher, und immer höher und höher, bis ihn der letzte Schwindel wieder zur flachen, sichern Erde hinunternötigtwer hier nichts fühlt und entzückt ist, o wahrhaftig, der begeht, ein armer Sünder, die Verleugnung Petri an der Herrlichkeit des göttlichen Ebenbildes."

Hier gab der Bildhauer dem Maler die Hand und sagte: "So hör ich Euch gerne."

"Und ist es denn nun etwa", fuhr Sternbald fort, "dass diese ungeheure Masse uns Entsetzen oder Schauer erregt, wie vielleicht die Pyramiden Ägyptens verursachen mögen? O vergönnt und verzeiht mir, dass ich vielleicht ein zu kühnes Gleichnis brauche. Wie der Ewige, Unendliche, sich in die Liebe kleidete, um uns nicht zu schrecken und sich verständlich zu machen, wie er als Kind und Freund unter uns wandelte, und der gläubige Christ so Trost und Zuflucht bei ihm, selbst vor jenem ungeheuren unermesslichen Bilde des Vaters findet, so ist hier auf ähnliche Art die Liebe in das Mittel getreten, nun diese Erhabenheit wieder in Blume, in Pflanze, in Licht und heiteres süsses Spiel aufzulösen. Wohin das Auge sieht und wohin es schweift begegnet ihm dieser zarte Scherz, und schaukelt sich in Wellen, Rosen, Knospen, Bildern, Bögen, um den harten Stein und Felsen wie in Musik und Wohllaut aufzulösen. Daher das Unerklärliche, dass wir ganz so wie vor einem Wunder, vor einem Traume stehen, wenn dieses höchste Riesenwerk zugleich wie ein zarter himmlischer Luftscherz vor uns schwebt. In Steinen sehen wir die geahndete Glorie des himmels, und auch der Fels hat seine starre natur brechen müssen, um Hosianna! und Heilig! Heilig! zu singen."

"Phantasiert nur", sagte Bolz; "aber wahr ist es, dass diese Gebäude, die vielleicht allein den Deutschen angehören, den Namen des Volkes unsterblich machen müssen. Der Dom zu Wien, der unvollendete mächtige Bau in Köln, und jener in Strassburg sind die hellsten Sterne; und wie lieblich ist der kleine Dom drüben im breisgauschen Freiburg, mancher andern in Esslingen, oder Meissen, und an andern Orten nicht zu erwähnen. Vielleicht erfahren wir auch noch einmal, dass alles, was England, Spanien und Frankreich von dieser Art Herrliches besitzt, von deutschen Meistern ist gegründet worden. Dergleichen findet Ihr nun freilich in Italien nicht, denn der Italiener, der alles verwirft, was nicht sein ist, kennt nur als gotisch oder deutsch die unreifen rohen Steinmassen zu Mailand und Pisa, oder gar das unzusammenhängende Gebäude des Domes zu Lucca. – Aber wir müssen uns trennen. Ihr kommt jetzt, junger Mann, nach Italien, indem es vielleicht seine glänzendste Epoche gefeiert hat. Ihr werdet viele grosse und verdiente Männer antreffen, und was an ihnen das Schönste ist, erkennen. Die meisten arbeiten in der Stille. Vielleicht kommt aber bald die Zeit, wo es mit der wahren, hohen Kunst zu Ende ist, denn man fängt schon an zu schwatzen statt zu handeln, von manchen grossen Meistern vererbt sich statt des Tiefsinns ein unnützer Hang zum Grübeln, der die Kraft erlahmt, oder ein seichtes, leeres Spiel mit Gedanken und ein Tändeln mit der Kunst; oder es entsteht wohl der Afterentusiasmus, die Lüge, die das wahrhaft Edle herabwürdigen."

Sie gingen auseinander, und Franz überdachte die letzten Worte, die ihm nicht ganz verständlich waren.

Drittes Kapitel

Indem Rudolph und Franz ihren Weg fortsetzten, sprachen sie über ihre Begleiter, die sie verlassen hatten. Franz sagte: "Ich kann es mir nicht erklären, warum ich vom ersten Augenblicke einen unbeschreiblichen Widerwillen