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"Und ist denn Raffael gestorben?" rief Sternbald in seiner Begeisterung aus. "Wird Albrecht Dürer jemals sterben? Nein, kein grosser Künstler verlässt uns ganz; er kann es nicht, sein Geist, seine Kunst bleibt freundlich unter uns wohnen. Der Name des Feldherrn wird auch vom späten Enkel noch genannt: aber grösseren Triumph geniesst der Künstler, Raffael ruht neben seinen Werken glänzender, als der Sieger in seinem ehernen Grabmal: denn er lässt die Bewegungen seines edlen Herzens, die grossen Gedanken, die ihn begeisterten, in sichtbaren Bildungen, in lieblichen Klängen unter uns zurück, und jede Gestalt bietet schon jetzt dem noch ungebornen Enkel die Hand, um ihn zu bewillkommnen; jedes Gemälde drückt den entzückten Beschauer an das Herz Raffaels, und er fühlt, wie ihn der Geist des Malers liebevoll umfängt und erwärmt, er glaubt das Wehen des Atems zu fühlen, die stimme des Grusses zu vernehmen, und ist durch diese Stunde für seine ganze Lebenszeit gestärkt. Und aus diesen Entzückungen strömen neue Triebe und Bildungen, die wieder wie Blüten, oft ihres ersten Stammes unbewusst, späterhin als Frühling, als Kunst, als Unsterblichkeit und himmlische Liebe vom grossen Lebensbaum schwankend herniederleuchten undduften."

Bolz sagte: "Ihr werdet Euer lebelang kein grosser Maler werden; Ihr erhitzt Euch über alles ohne Not, und das wird Euch gerade von der Kunst abführen."

"Darin mögt Ihr nicht ganz unrecht haben", sagte der Mönch. "Mit welcher Freude erinnre ich mich so mancher sinnvollen gespräche mit jenem trefflichen mann, den ich in den florentinischen Gebirgen kennenlernte. Wahrlich, nichts hat mir seitdem noch so gemangelt, als der Umgang mit diesem geist, dessen Gesinnungen wie seine geschichte zu den lehrreichsten und sonderbarsten gehören, von denen ich noch vernommen habe, und dieser wiederholte auch oft jene Behauptung unsers stürmischen Freundes, dass die Kunst einen ruhigen Geist fordre."

"Das ist wohl ausgemacht", sagte Rudolph; "aber warum muss Euch ein alter Herr, den wir alle nicht kennen, erst auf diesen Gedanken bringen, der doch so natürlich ist?"

"Ihr habt recht", sagte der höfliche Mönch, "und ich verwundre mich selbst, dass ich an diesen so einleuchtenden Satz meine Erinnerung so gewaltsam anknüpfte; sein ungewöhnlicher Lebenslauf ist es, der mir so oft im Sinne liegt, und ich musste an ihn denken, seit ich Euren Freund Sternbald vor mir sah, denn so sehr, als sich Jugend und Alter nur ähnlich sein können, gleicht er in Antlitz und Gebärde jenem meinen teuren Freunde."

"Könnt Ihr uns nicht etwas von seiner geschichte erzählen?" fragte Franz.

Der Mönch wollte eben anfangen, als sie Jagdhörner und Hundegebell hörten. Ein Trupp Reuter jagte bei ihnen vorüber und in den benachbarten Wald hinein. Die Berge gaben die Töne zurück, und ein schönes musikalisches Gewirr lärmte durch die einsame Gegend.

Bolz stand auf und sagte: "Lasst um des himmels willen Eure langweiligen Erzählungen; freut Euch doch an diesem Konzerte, das, nach meinem Gefühle, jede Brust erregen müsste. Ich kenne nichts Schöneres, als Jagdmusik, den Hörnerklang, den Widerhall im wald, das wiederholte Gebell der Hunde und das hetzende Hallo der Jäger. Als ich auf meiner Rückreise über Palästina ging, und nicht weit davon in abgelegener Gegend einen Bekannten besuchen wollte, war ich so glücklich, dort im dichten wald dem schönsten Mädchen, die ich noch gesehen habe, eine Jungfrau, wie sie uns sonst unsre Phantasie nur edel und reizend malt, bei einer Jagd das Leben zu retten, grosse Hirtenhunde hatten sich, aufgescheucht vom Getümmel, an sie gemacht, und ich kam eben hinzu, als die wilden Tiere, die dort sehr gefährlich sind, sie anfallen wollten, und sie, fast ohnmächtig, den Versuch machte, einen Baum hinanzuklimmen. Das, Herr Maler, war eine Szene, der Darstellung würdig. Der grüne, dunkelschattige Wald, das Getümmel der Jagd, ein aufgescheuchtes Weib, mit langem fliegenden Goldhaar, das Gewand in Unordnung, der Busen fast frei, Fuss und schönes Bein von der Stellung entblösst. Seht, so habe ich Euch auch aus meiner Erinnerung eine geschichte erzählt, denn dieses hohe himmlische Bild schwebt mir so vor, dass sie allein mich bewegen könnte, nach Italien zurückzugehn."

Franz dachte unwillkürlich an seine Unbekannte, und der Mönch sagte: "Ich kann den Gegenstand so besonders malerisch nicht finden, er ist alltäglich und bedeutungslos."

"Nachdem ihn der Maler nehmen dürfte", fiel Franz ein.

Sie waren einen Berg hinangestiegen und standen nun ermüdet still. Indem sie sich an der Aussicht ergötzten, und den Krümmungen des Rheins durch die grünen Gefilde folgten, der sich glänzend um Hügel schmiegte, wieder erschien, und dann von Schatten und Wald verschlungen, plötzlich in entfernteren Biegungen von neuem hervorleuchtete, rief Franz aus: "Mich dünkt, ich sehe noch ganz in der Ferne den Münster!"

Sie sahen alle hin, und ein jeglicher glaubte ihn zu entdecken. "Der Münster", sagte Bolz, "ist noch ein Werk, das den Deutschen Ehre macht!"

"Das aber doch gar nicht zu Euren Begriffen vom Idealischen und Erhabenen passt", antwortete Franz.

"Was gehen mich meine Begriffe an?" sagte der Bildhauer; "ich kniee in Gedanken vor dem geist nieder, der diesen allmächtigen Bau entwarf und ausführte. Wahrlich,