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mich, welche Meisterwerke in Gewand-Figuren, in hohem Ausdruck, in Färbung und unbeschreiblicher Lieblichkeit ich von diesem alten Johann gesehen habe; und gedenke ich der unzähligen reizenden und mühevollen Werke den Rhein hinunter in allen Städten; gehe von der früheren Zeit die Manieren in meiner Vorstellung durch, und treffe dann meinen hochverehrten Dürer am Schluss dieser deutschen Jahrhunderte mit der Palme des Verdienstes in der Hand, der gleichsam alle diese einzelnen Bestrebungen in sich vereint, oder geahndet, und für die Zukunft noch vielfache neue Erfindungen angedeutet hat, so freue ich mich meiner Zeit und meines Vaterlandes, am meisten aber jenes edlen Mannes, der mich ihn Freund zu nennen vergönnt: und wenn ich auch gerne glauben und zugeben will, dass das südliche Land und der hohe Michel Angelo noch ungekannte Herrlichkeiten bewahrt, so werde ich doch niemals, wie Ihr, dem deutschen Sinne ungetreu werden können."

"kommt nur nach Italien", sagte Bolz, "und Ihr werdet anders sprechen."

"Nein, Augustin", fiel ihm der Mönch ein. "So reich die Kunstwelt dort sein mag, so wird doch dieser junge Mann, nachdem er sie kennengelernt hat, schwerlich anders sprechen. Ihr gefallt Euch in Euren Übertreibungen, in Eurer erzwungenen Einseitigkeit, und glaubt, dass es keinen Entusiasmus ohne Verfolgungsgeist geben könne. Sternbald wird gewiss auch in Rom und Florenz seinem Dürer getreu bleiben, und er wird gewiss Angelos Erhabenheit und Raffaels Grösse und Schöne mit gleicher Liebe umfassen können."

"Und das soll er, das muss er!" rief Rudolph hier mit einem Ungestüm aus, den man sonst nicht an ihm bemerkte. "Ihr mein ungestümer Herr Polz oder Stolz, oder wie Ihr Euch nennt, habt wenig Ehre davon, dass Ihr solche Gesinnungen und Redensarten aus dem lieblichen Italien mit Euch bringt; nach Norden, nach den Eisländern hättet Ihr reisen müssen. Ihr sprecht von deutscher Barbarei, und fühlt nicht, dass Ihr selber der grösste Barbar seid. Was habt Ihr in Italien gemacht, oder wo hat Euch das Herz gesessen, als Ihr im Vatikanischen Palaste vor Raffaels Unsterblichkeit standet?"

Alle mussten über den Ungestüm des Jünglings lachen, und er selbst lachte von Herzen mit, obgleich ihm eine Träne im Auge stand. "Ich bin ein Römer", sagte er dann, "und ich gestehe, dass ich Rom unaussprechlich liebe; Raffael ist es besonders, der Rom ausgeschmückt hat, und seine hauptsächlichsten Gemälde befinden sich dort. Sagt nun, was Ihr wollt, ich werde Euch gewiss nicht noch einmal so heftig widersprechen."

"So ist denn dieser Raffael gestorben?" fing Franz von neuem an; "wie alt ist er denn geworden?"

"Gerade neununddreissig Jahre", sagte der Mönch. "Am Karfreitage, an diesem heiligen Tage ist er geboren, und in diesen merkwürdigen Tag ist auch wieder die Geburtsstunde seines neuen Lebens im tod gefallen. Er war und blieb sein lebelang ein Jüngling, und aus allen seinen Werken spricht ein milder, kindlich hoher Geist. Sein letztes grosses Gemälde war Christi Verklärung, worin er seine eigene Vergötterung gemalt hat, denn vielleicht ist dieses Werk das Höchste und Vollkommenste, das seine Hand nur hervorbringen konnte. Oben schwebt der Erlöser in himmlischer Glorie, neben ihm Elias und Moses, vom Boden erhoben, er in verklärter Gestalt, vom Glanz sind seine Lieblinge geblendet zu Boden gesunken, und unten am Berge sieht man die Apostel, in ihnen den Glauben und die Kraft, welche die Erde noch verwandeln und erleuchten sollen, aber noch ist um sie das Menschenleben dunkel, und sie können der entsetzlichen Not nicht abhelfen, die in Gestalt eines besessenen Knaben, der ihnen zur Heilung herbeigeführt wird, wild und grässlich vor sie tritt. In diesem Bilde ist auf die wundersamste Weise alles vereinigt, was heilig, menschlich und furchtbar ist, die Wonne der Seligen mit dem Jammer der Welt, und Schatten und Licht, Körper und Geist, Glaube, Hoffnung und Verzweiflung bildet auf tiefsinnige, rührende und erhabene Weise die schönste und vollendetste Dichtung. Raffaels Sarg stand in der Malerstube, und dieses sein letztes vollendetes Gemälde daneben, seine eigne Verklärung. Der Finger ruhte nun auf immer, der diese Bilder in Leben und Bewegung gezaubert hatte; die bunte freundliche Welt, die aus dem Gestorbenen hervorgegangen war, stand nun neben der blassen Leiche. Ganz Rom war in Bewegung, und keiner von denen, die es sahen, konnte sich der Tränen entalten."

"Wessen Tränen", rief Franz aus, "sollten wohl bei solchem Anblicke nicht fliessen? Was können wir denn den grossen Kunstgeistern zum Dank anders widmen, als unser volles, entzücktes Herz, unsre andächtige Verehrung? Für diese unbefangene, kindliche Rührung, für diese völlige Hingebung unsers eigentümlichen Selbst, für diesen vollen Glauben an ihre edle Trefflichkeit haben sie gearbeitet; dies ist ihr grösster und ihr einziger Lohn. Kommen mir doch jetzt die Tränen in die Augen, wenn ich mir den Abgeschiedenen da liegen denke, unter seinen Gemälden, seine letzte Schöpfung neben ihm, die noch vor wenigen Tagen sein Kunstgeist bewegte und belebte. Oh, man sollte meinen, alle jene lebendigen Gestalten hätten sich verändern, und nur Schmerz und Verzweifelung über den entflohenen Raffael ausdrücken müssen."

Der Bildhauer sagte: "Nun gewiss, Ihr habt eine lebhafte Imagination; am Ende meint Ihr gar, sein gemalter Christus hätte ihn wieder vom tod erwecken können.