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sollen: das Göttlichste, der Zauber, der den Himmel umflicht, und die Erde mit ewiger Jugend umgürtet, ist dem Menschenherzen vertraulich nahe gerückt, und den sterblichen Augen entüllen sich die Seligkeiten des Olympus. Und dann im Nebenzimmer der verkörperte Traum süssester Wollust, Galatea im Meere, auf ihrem Muschelwagen fahrend! O mein Franz, gedulde dich, bis du in Rom bist, dann tu Augen und Herz auf, und du darfst nachher sterben."

"Ach, Raffael!" sagte Franz Sternbald, "wie viel hab ich nun schon von dir reden hören; wenn ich dich nur noch im Leben anträfe!"

"Ich will dir noch ein Lied vom Frühlinge singen", sagte Rudolph.

Sie standen beide auf, und Florestan sang. Er präludierte auf seiner Flöte, und zwischen jeder Strophe spielte er einige Töne, die artig zum lied passten.

"Vöglein kommen hergezogen,

Setzen sich auf dürre Äste: –

'Weit, ach weit sind wir geflogen,

Angelockt vom Frühlingsweste.'

Also klagen sie, die Kleinen:

'Schmetterlinge schwärmen schon,

Bienen sumsen ihren Ton,

Suchen Honig, finden keinen.

Frühling! Frühling! komm hervor!

Höre doch auf unsre Lieder,

Gib uns unsre Blätter wieder,

Horch, wir singen dir ins Ohr!

kommt noch nicht das grüne Laub?

Lass die kleinen Blättlein spielen,

Dass sie warme Sonne fühlen,

Keines wird dem Frost zu Raub.' –

'Was singt so lieblich leise?'

Spricht drauf die Frühlingswelt:

'Es ist die alte Weise,

Sie kommen von der Reise,

Keine Furcht mich rückwärts hält.'

Auf tun sich grüne Äugelein,

Die Knospen sich erschliessen

Die Vögelein zu grüssen,

Zu kosten den Sonnenschein.

Durch alle Bäume geht der Waldgeist

Und sumst: 'Auf, Kinder! der Frühling ist da!

Storch, Schwalbe, die ich schon oftmals sah,

Auch Lerch und Grasemück ist hergereist.

Streckt ihnen die grünen Arm' entgegen,

Lasst sie wohnen wie immer im schattigen Zelt,

Dass sie von Zweig zu Zweig sich regen,

Und jubeln und singen in frischer Welt.' –

Nun regt sich's und quillt in allen Zweigen,

Alle Quellen mit neuem Leben spielen,

In den Ästen Lust und Kraft und Wühlen,

Jeder Baum will sich vor dem andern zeigen.

Nun rauscht es, und alle stehen in grüner Pracht,

Die Abendwolken über Wäldern ziehen,

Und schöner durch die Wipfel glühn,

Der grüne Hain vom goldnen Feuer angefacht.

Gebiert das Tal die Blumen an das Licht,

Die die holde Liebe der Welt verkünden,

Es lächelt und winkt in stillen Gründen

Des sanften Veilchens Angesicht,

Das sinnige Vergissmeinnicht.

Sie sind die Winke, die süssen Blicke,

Die dem Geliebten das Mädchen reicht,

Vorboten vom zukünftgen Glücke,

Ein Auge, das schmachtend entgegenneigt.

Sie bücken sich mit schalkhaftem Sinn

Und grüssen, wer vorübergeht,

Wer ihren sanften blick verschmäht

Dem reichen sie neckend die Finger hin.

Doch nun erscheint des Frühlings Frühlingszeit,

Wenn Liebe Gegenliebe findet

Und sich zu einer Lieb entzündet,

Dann glänzt die Pracht der Blumen hell und weit.

Die Rosen nun am Stock ins Leben kommen,

Und brechen hervor mit liebreizendem Prangen,

Die süsse Röte ist angeglommen,

Dass sie, vereinter Schmuck, dicht aneinander

hangen.

Dann ist des Frühlings Frühlingszeit,

Mit Küssen, mit Liebesküssen der Busch bestreut.

Rose, süsse Blüte, der Blumen Blum,

Der Kuss ist auf deinen Lippen gemalt,

O Ros, auf deinem mund strahlt

Der küssenden Lieb Andacht und Heiligtum.

Höher kann das Jahr sich nicht erschwingen,

Schöner als Rose der Frühling nichts bringen,

Nun lässt Nachtigall Sehnsuchtslieder klingen.

Bei Tage singt das ganze Vögelchor,

Bei Nacht schwillt ihr Gesang hervor.

Und wenn Rose, süss Rose die Blätter neigt,

Dem Sommer wohl das Vögelchor weicht,

Nachtigall mit allen Tönen schweigt.

Die Küsse sind im Tal verblüht,

Dichtkunst nicht mehr durch Zweige zieht."

Zweites Kapitel

Franz hatte einen Brief aus Strassburg mitgenommen, um ihn einem mann in einer nicht entfernten Stadt abzugeben, dessen Bekanntschaft er zu machen wünschte. Sie waren im Begriff einen Seitenweg einzuschlagen, um auf einem Umwege jene Stadt zu besuchen, als sie, auf einem anmutigen Hügel ausruhend, zwei Gestalten auf jenem Wege auf sich zuschreiten sahen. Der eine von diesen trug einen schwarzen Mönchshabit, der andre hatte fast das Ansehn eines Soldaten, denn ihm wankten Federn vom Hut, er trug ein kurzes enges Kleid ohne Mantel, und war mit einem grossen Schwert umgürtet, sein gang wie sein Ansehen waren fest und trotzig. Die Fremden liessen sich auch auf den Hügel nieder. Nach den gewöhnlichen Begrüssungen fragte derjenige, welcher ein Geistlicher zu sein schien, mit freundlichem Wesen, ob die Wanderer vielleicht von Strassburg gekommen wären. Franz sagte: "Wir sind vor kurzem von dort aufgebrochen, und jetzt im Begriff, einen Umweg über jenes Städtchen jenseit des Waldes zu machen, um einen deutschen Bildhauer aufzusuchen, für welchen ich einen Brief mit mir führe." "So?" sagte der Trotzige, "und sollte dieser Mann nicht vielleicht aus Nürnberg sein und Bolz heissen?" "Allerdings", sagte Franz, "und ich verwundre mich nur, woher Ihr es wissen könnt." "Weil ich es selber bin", sagte jener, "man hat mir schon darüber geschrieben, wie gut, dass wir uns zufällig treffen, denn ich konnte dort nicht mehr