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, und mir ist ein alter Brief, oder vielmehr die Erzählung eines auswärtigen Freundes in die hände gefallen, den ich euch heute mitteilen will, weil er sich besonders über den Gedanken verbreitet, der neulich auch erörtert wurde, wie schmerzlich es nämlich dem Künstler oft fallen müsse, sich von den geliebten Werken seines Fleisses auf immer zu trennen. Mein Freund ist ebenfalls ein Entusiast für die Kunst, er sammelt viel, und sandte mir diese Erzählung, weil wir uns oft unsre Gedanken über dergleichen Gegenstände mitteilen, schon vor mehrern Jahren, und ich kann freilich nicht wissen, inwiefern sie Wahrheit entält, oder ob sie zum teil eine Erfindung ist, um eine Vorstellung klarer ins Licht zu stellen."

Der Alte, so wie die übrigen, baten, sie mitzuteilen, Sternbald besonders war begierig, und jener zog einige Blätter hervor, und las folgendes:

"Ich war auf dem gewohnten Gange nach dem wald begriffen, und freute mich schon im voraus, dass nun das Gemälde von der Heiligen Familie vollendet sein würde. Es war mir verdriesslich, dass der Maler so lange zögerte, dass er immer noch nicht meinen dringenden Bitten nachgab, zu endigen. Alle Gestalten, die mir begegneten, einzelne gespräche, die ich unterwegs hörte, nichts ging mich an, denn nichts davon hatte Bezug auf mein Gemälde; die ganze aussenliegende Welt war mir jetzt nur ein Anhang, höchstens eine Erklärung zur Kunst, meiner liebsten Beschäftigung. Einige alte arme Leute gingen vorbei, aber es war keiner darunter, der zu einem Joseph getaugt hätte, kein Mädchen hatte Spuren vom Antlitz der göttlichen Jungfrau, zwei Alte sahen mich an, als ob sie sich nicht unterständen, ein Almosen zu begehren; aber erst lange nachher fiel es mir ein, dass ich sie mit einer Kleinigkeit hätte fröhlich machen können.

Es war ein heiterer Tag, die Sonne schien in die Dunkelheit sparsam hinein, nur an einzelnen Stellen sah ich die lichte Bläue des himmels. Ich dachte: 'O wie beglückt ist dieser Maler, der hier in der Einsamkeit, zwischen schönen Felsen, zwischen hohen Bäumen seinen Genius erwarten darf, dem keine andre der kleinlichen menschlichen Beschäftigungen nahetritt, der nur seiner Kunst lebt, nur für sie auge und Seele hat. Er ist der glücklichste unter den Menschen, denn die Entzückungen, die uns nur auf Augenblicke besuchen, sind in seinem kleinen haus einheimisch die hohen Götter sitzen neben ihm, geheimnisreiche Ahndung, zärtliche Erinnerung spielen unsichtbar um ihn, Zauberkräfte lenken seine Hand, und unter ihr entsteht die wundervolle Schöpfung, die er schon vorher kennt, befreundet tritt sie aus dem Schatten, der sie dem Auge zurückhält.'

Unter diesen Gedanken hatte ich mich der wohnung genähert, die abseits im Holze lag. Auf einem freien weiten platz stand das Haus, hohe Felsen erhoben sich hinter seinem rücken, von denen Tannen rauschten und krauses Gebüsch sich im Winde oben rührte.

Ich klopfte an die Hütte. Die beiden Kinder des Malers waren zu haus, er selbst war nach der Stadt gegangen, um einzukaufen. Ich setzte mich nieder, das Gemälde stand auf der Staffelei, aber es war ganz vollendet. Es übertraf meine Erwartung, meine Augen wurden auf den schönen Gestalten festgehalten: die Kinder spielten um mich her, aber ich gab nicht sonderlich acht darauf, sie erzählten mir dann von ihrer kürzlich gestorbenen Mutter, sie wiesen auf die Jungfrau, ihr sei sie ähnlich gewesen, sie glaubten sie noch vor sich zu sehen. 'Wie herrlich ist diese Wendung des Kopfs!' rief ich aus, 'wie überdacht! wie neu! Wie wohl ist alles angeordnet! Nichts Überflüssiges, und doch, welche herrliche Fülle!'

Das Gemälde ward mir immer lieber, ich sah es in Gedanken schon in meinem Zimmer hängen, meine entzückten Freunde davor versammelt. Alle übrigen Bilder, die in der Malerstube umherstanden, waren in meinen Augen gegen dieses unscheinbar, keine Gestalt war so innig beseelt, so durch und durch mit Leben und Geist angefüllt, wie auf der Tafel, die ich schon als die meinige betrachtete. Die Kinder beschauten indessen den fremden Mann, sie verwunderten sich über jede meiner Bewegungen. Ihnen waren die Gemälde, die Farben alltäglich, sie wussten sich davon nichts Sonderliches, aber mein Kleid, mein Hut, diese Gegenstände waren ihnen dafür desto merkwürdiger.

Nun kam der Alte mit einem Korbe voll Esswaren aus der Stadt, er war böse, dass er die alte Frau aus dem benachbarten dorf noch nicht antraf, die für ihn und seine Kinder kochen musste. Er teilte den Kindern einige Früchte aus, er schnitt ihnen etwas Brot, und sie sprangen damit vor die Tür hinaus, lärmten und verloren sich bald in das Gebüsch.

'Ich freue mich,' fing ich an, 'dass Ihr das Bild fertig gemacht habt. Es ist über die massen wohl geraten, ich will es noch heute abholen lassen.'

Der alte Mann betrachtete es aufmerksam, er sagte mit einem Seufzer: 'Ja, es ist nun fertig, ich weiss nicht, wann ich wieder ein solches werde malen können; lasst es aber bis morgen stehen, wenn Ihr mir gefällig sein wollt, dass ich es bis dahin noch betrachten kann.'

Ich war zu eifrig, ich wollte es durchaus noch abholen lassen, der Maler musste sich endlich darin finden. Ich fing nun an, das Geld aufzuzählen, als der Maler plötzlich sagte: 'Ich habe es