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Wahrheit meine Ahndung übertrifft. Ja, so wird es mit aller Schönheit sein, wenn sie sich einst schleierlos unserm entkörperten Auge zeigt.' Der weinende Freund sagte ihr, wer sich anbetend zu ihren Füssen niedergeworfen hatte, sie kannte seinen Namen und manche seiner geflügelten Töne waren schon über das Meer zu ihrem Ohre gekommen; sie beugte sich nieder und hob ihn auf, er lag in ihren Armen, das süsseste Lächeln schwebte im Andenken seiner Wonne auf seinem bleichen Antlitz, denn er war schon verschieden. 'So liebt mich niemand mehr, so liebt auf Erden niemand', seufzte die Fürstin, küsste zum ersten- und letztenmal den stummen, sonst so gesangreichen Mund, und nahm den Nonnenschleier.' –

'Glaubst du denn eine Silbe von diesem alten Märchen?' fuhr Leopold auf. 'Dergleichen ist nicht möglich und gegen alle natur, es ist nur Dichtung und Lüge eines Müssiggängers.'"

"Der trifft den Nagel auf den Kopf", sagte Vansen, "dergleichen hat sich nie wirklich begeben."

"Es ist unbegreiflich", merkte Peters an, "wie der menschliche Geist nur auf dergleichen Torheiten verfallen kann: noch seltsamer aber, dass sich ein andrer Aberwitziger mit solchem Wahnsinn trösten will."

"Und ist es denn nicht dasselbe", sagte Sternbald nicht ohne Rührung, "diese geschichte mag wahr oder ersonnen sein? Wer erfand sie denn wohl? Niemand als die Liebe selbst, und diese ist ja doch wundervoller, als alle Dichtungen und Lieder sie darstellen können?"

"Wenn Ihr in der Malerei", sagte Vansen, "ebensosehr für das Unnatürliche eingenommen seid, wo dann Farben und Figuren hernehmen, junger Freund?"

"Nach dieser Erzählung", so fing Florestan von neuem an, "nahm Ferdinand seinen Freund herzlich in die arme. 'Lass mich gehen', sagte er, 'sei nicht traurig, denn du siehst mich gewiss wieder, ich bleibe gewiss nicht aus. Vielleicht ändert sich auch unterwegs mein Gemüt, wenn ich die mannigfaltige Welt mit ihren wechselnden Gestalten erblicke; wie sich dieses Gefühl wunderbarlich meines Herzens bemeistert hat, so kann es mich ja auch plötzlich wieder loslassen.'

Sie gingen nach haus, und am folgenden Morgen trat Ferdinand wirklich seine seltsame Wanderschaft an. Leopold sah ihm mit Tränen nach, denn er hielt die leidenschaft seines Freundes für Wahnsinn, er hätte ihn gern begleitet, aber jener wollte durchaus nur allein das Ziel seiner Pilgerfahrt suchen.

Er wusste natürlich nicht, wohin er seinen Weg richten sollte, er ging daher auf der ersten Strasse fort, auf welche er traf. Seine Seele war unaufhörlich mit dem geliebten Bilde angefüllt, in der reizendsten Gestalt sah er es vor sich hinschweben und folgte ihm wie unwillkürlich nach. In den Wäldern sass er oft still und dichtete ein Lied auf seine wunderbare leidenschaft; dann hörte er dem Gesange der Nachtigallen zu, und vertiefte und verlor sich so sehr in sich selber, dass er die Nacht im wald bleiben musste.

Zuweilen erwachte er wie aus einem tiefen Schlafe, und überdachte dann seinen Vorsatz mit kälterem Blute, alles, was er wollte und wünschte, kam ihm dann wie eine Traumgestalt vor; er bestrebte sich oft, sich des Zustandes seiner Seele zu erinnern, ehe er das Bildnis im Grase gefunden hatte, aber es war ihm unmöglich. So wandelte er fort, und verirrte sich endlich von der Strasse, indem er in einen dicken Wald geriet, der gar kein Ende zu haben schien.

Er ging weiter und traf immer noch keinen Ausweg, das Gehölz ward immer dichter, Vögel schrien und lärmten mit seltsamen Tönen durch die stille Einsamkeit. Jetzt dachte er an seinen Freund, ihm schien selber sein Unternehmen wahnsinnig, und er nahm sich vor, am folgenden Tage nach seinem schloss zurückzukehren. Es wurde Nacht, und wie wenn eine Verblendung, eine Krankheit, eine träumende Betäubung plötzlich von ihm genommen sei, so verschwand seine leidenschaft, es war wie ein Erwachen aus einem schweren Traume. Er wanderte durch die Nacht weiter, denn der Mond warf seinen Schimmer durch die Zweige, er sah schon seinen Freund vergnügt und versöhnt vor sich stehen, er dachte sich sein künftiges ruhiges Leben. Unter diesen Betrachtungen brach der Morgen an, die Sonne senkte ihre frühen Strahlen durch das grüne Gebüsch, und neuer Mut und neue Heiterkeit ward in ihm wach. Er betrachtete das Gemälde wieder, und wusste nicht, was er tun sollte. Alle seine Entschlüsse fingen an zu wanken, jedes andre Leben erschien ihm leer und nüchtern, er wünschte und dachte nur sie. Denn aus der Farbe, aus dem Schmuck blühte wie ein voller knospenschwerer Frühling die sehnsucht wieder auf ihn zu und umfing ihn mit duftenden blumenden Zweigen. Da war keine Rettung, er musste sie wieder glauben, sie von neuem wünschen und suchen. 'Wohin soll ich mich wenden?' rief er aus. 'O Morgenrot! zeige mir den Weg! ruft mir, ihr Lerchen, und zieht auf meiner Bahn voran, damit ich wissen möge, wohin ich den irren Fuss setzen soll.

Meine Seele schwankt in Leid und Freude, kein Entschluss kann Wurzel fassen, ich weiss nicht, was ich bin, ich weiss nicht, was ich suche.'

Indem er so mit sich selber sprach, trat er aus dem wald, und eine schöne Ebene mit angenehmen Hügeln lag vor ihm. In der Ferne standen Kruzifixe und kleine Kapellen