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unvernünftig handle, ob die Menschen mich schelten oder loben; wie kann also dein Rat gut sein? Wie könnte ich vernünftig handeln, wenn ich ihm folgte? Wer nie wagt, kann nie gewinnen, wer nie den ersten Schritt tut, kann keine Reise vollbringen, wer das Glück nicht auf die probe stellt, kann nicht erfahren, ob es ihm günstig ist. Ich will also getrost diesen Weg einschlagen, und sehen, wohin er mich führt. Ich komme entweder vergnügt, oder nicht zurück. – Hast du nie die wunderbare geschichte von Gottfried Rudell gehört?'

'Nein,' sagte Leopold verwirrt. 'So will ich sie dir erzählen', sprach der Liebende, 'denn sie bestätigt mein Gefühl, das dir so einzig und widersinnig erscheint.'"

"Halt!" rief Vansen, "die Sache neigt sich zum Verwirrten, dass hier eine neue Erzählung in die vorige eingeflochten wird."

"Und was schadet es", sagte Florestan, "wenn es Euch nur unterhält und die Zeit vergeht?"

"Es steht nur zu besorgen", sagte Peters bedächtlich, "dass es uns nicht unterhalten werde, denn man wird gar leicht konfuse, und da die Sache an sich selbst schon nicht sehr interessiert, so wird diese Episode das Übel nur ärger machen."

"Was kann ich denn aber dafür", erwiderte Rudolph, "dass der verliebte Schwärmer seinem Freunde damals diese Historie wirklich erzählt hat? Ich muss doch der Wahrheit getreu bleiben."

"Nun so erzählt wie Ihr wollt", sagte Vansen, "tragt die neue geschichte vor, aber nur unter der Bedingung, dass in dieser Historie sich nicht wieder eine neue entspinnt, denn das könnte sonst bis ins Unendliche fortgesetzt werden."

"Also denn", nahm Florestan wieder das Wort, "fing der schwärmende Ferdinand seinem vernünftigen Freunde Leopold mit diesen Worten die geschichte des Gottfried Rudell zu erzählen an: 'Dieser Rudell, mein teurer Freund, war einer von den Dichtern in der Provence, in jener schönen Zeit, als die Welt durch Lieder und süsse Sprache, die Menschen durch sehnsucht, die Länder durch Ritterschaft und der Orient mit Europa durch die heiligen Kriege verbunden waren. Dieser Sänger Gottfried, aus adelichem Geschlecht, machte sich durch seine lieblichen Weisen so berühmt, dass ihm Herren und Grafen gewogen waren und ein grosser Fürst sich um seine Freundschaft bewarb, und ihn niemals von seiner Seite lassen wollte. Da fügte es sich, dass Pilger, die aus dem Heiligen land zurückkehrten, ihm unter den Wundern der fremden Länder auch die Gräfin von Tripolis nannten, und ihm ihre hohe Tugend, ihre Schönheit und ihren Reiz beschrieben. Er sah andre Reisende, die aus der Gegend zurückwanderten, und wieder fragte er, und wieder rühmten sie entzückt die überirdische Schönheit des Frauenbildes. Seine Imagination ward von diesen Schilderungen so ergriffen, dass er begeistert das Lob der Dame in die Töne seiner Laute sang. Ein Freund sagte einmal scherzend, indem er seinen Gesang bewunderte: 'Du bist entzückt, Dichter, kannst du denn so über Meere hinüber vielleicht lieben, ohne den Gegenstand deiner leidenschaft zu kennen, oder je mit irdischen Augen gesehen zu haben?' 'Wie, wenn sie mir nun selbst im Gemüte, in meinem inneren wohnt, besitze ich sie dann nicht näher, als jeder andre Sterbliche?' antwortete der Sänger mit einer andern Scherzrede: 'glaubt mir, Freunde', fuhr er fort, 'von ähnlichen seltsamen Erscheinungen könnte ich euch Wunder erzählen.'"

Vansen räusperte sich, Sternbald nickte dem Erzähler lächelnd zu, der, ohne sich stören zu lassen, so fortfuhr: "Nur zu bald wurde ernste Wahrheit aus diesen Reden. Eine unbegreifliche sehnsucht nach dem fernen niegesehenen Wesen fasste und durchströmte die Brust des Dichters; wie alle Quellen zu den Strömen, wie alle Ströme zum Meere unaufhaltsam fluten, so zogen alle Kräfte seiner Seele nur ihr, der Einzigen, Ungekannten zu. Er konnte nicht mehr zurückbleiben, er musste die weite Reise unternehmen. Seine Freunde baten, der Fürst, sein Beschützer, beschwur ihn, aber umsonst; wollten sie ihn nicht sterben sehen, so müssen sie ihn gewähren lassen. Er stieg zu Schiffe. Die Winde waren ihm zu langsam, mit den Liedern seiner sehnsucht wollte er die Segel füllen, und den Lauf des Fahrzeuges mit Gedankenschnelle beflügeln. Unendlich schöne Lieder sang er von ihr, er verglich und pries ihre Schönheit gegen alles was Himmel und Erde, Meer und Luft Reizendes und Lieblichest. Aber sein Herz brach; er sank schwerkrank darnieder, als die Schiffer vom Mast schon fern, ganz fern das ersehnte Ufer wie eine Nebelwolke erspähten. Er raffte sich auf, er spannte sein Auge an, seine Seele flog schon an das Gestade. Das Schiff lief in den Hafen ein, das fremde Volk strömte herzu, um Nachrichten aus der Christenheit zu erfahren. Auch die Prinzessin wandelte in der Nähe der Kühlung der Palmen. Sie hörte von dem Sterbenden, sie stieg zum Schiff hernieder. Da sass er, an die Schultern eines Freundes gelehnt und sah nun den Glanz der Augen, die Schönheit der Wangen, die Frische der Lippe, die Fülle des Busens, die er so oft in seinen Liedern gepriesen hatte. 'O wie beglückt bin ich!' rief er aus, 'dass doch mein brechendes Auge noch wahrhaft sieht, was ich ahndete, und dass die