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und grünbewachsenen Klippen."

Ein grosser teil der Gesellschaft kam jetzt darauf, man solle, um die Zeit der Fahrt zu verkürzen, Geschichten oder Märchen erzählen. Alle trauten dem Rudolph zu, dass er am besten imstande sei, ihr Begehren zu erfüllen; sie ersuchten ihn daher alle und auch Franz vereinigte sich mit ihren Bitten. "Ich will es gern tun", antwortete Rudolph, "allein es geht mir mit meiner geschichte, wie mit meinem lied, sie wird keinem recht gefallen." Alle behaupteten, dass er sie gewiss unterhalten werde, er solle nur getrost anfangen. Rudolph sagte: "Ich liebe keine geschichte, und mag sie gar nicht erzählen, in der nicht von Liebe die Rede ist. Die alten Herren aber kümmern sich um dergleichen Neuigkeiten nicht viel."

"O doch", sagte Vansen; "nur finde ich es in vielen Geschichten der Art unnatürlich, wie die ganze Erzählung vorgetragen wird; gewöhnlich macht man doch zu viel Aufhebens davon, und das ist, was mir missfällt. Wenn es aber alles so recht natürlich und wahr fortgeht, so kann ich mich sehr daran ergötzen."

"Das ist es gerade", rief Rudolph aus, "was ich sagte! Die meisten Menschen wollen alles gar zu natürlich haben, und wissen doch eigentlich nicht, was sie sich darunter vorstellen; sie fühlen den Hang zum Seltsamen und Wunderbaren, aber doch soll das alles wieder alltäglich werden: sie wollen wohl von Liebe und Entzücken reden hören, aber alles soll sich in den Schranken der Billigkeit halten. Doch, ich will nur meine geschichte anfangen, weil ich sonst selber die Schuld trage, wenn ihr zu viel erwartet. – –

Die Sonne ging eben auf, als ein junger Edelmann, den ich Ferdinand nennen will, auf dem freien feld spazierte. Er war damit beschäftigt, die Pracht des Morgens zu beschauen, wie sich nach und nach das Morgenrot und das lichte Gold des himmels immer brennender zusammendrängten und immer höher leuchteten. Er verliess gewöhnlich an jedem Morgen sein Schloss, auf dem er unverheiratet und einsam lebte, seine Eltern waren vor einiger Zeit gestorben. Dann setzte er sich gewöhnlich in dem benachbarten Wäldchen nieder, und las einen der italienischen Dichter, die er sehr liebte.

Jetzt war die Sonne heraufgestiegen, und er wollte sich eben nach dem einsamen Waldplatze begeben, als er aus der Ferne einen Reuter heransprengen sah. Auf dem hut und Kleide des Reitenden glänzten Gold und Edelgesteine im Schein des Morgens, und als er näher kam, glaubte Ferdinand einen vornehmen Ritter vor sich zu sehen. Der Fremde ritt eiligst vorüber und verschwand im wald; kein Diener folgte ihm.

Ferdinand wunderte sich noch über diese Eile, als er zu seinen Füssen im Grase etwas Glänzendes wahrnahm. Er ging hinzu und hob das Bildnis einer Dame auf, das mit kostbaren Diamanten eingefasst war. Er ging damit nach dem wald, indem er es aufmerksam betrachtete; er setzte sich an der gewohnten Stelle nieder, und vergass sein Buch herauszuziehen, so sehr war er mit dem Bilde beschäftigt."

"Wie ich gesagt habe", fiel Vansen ein, "die Malerei hat eine wunderbare Kraft über uns: das Bild wird gewiss trefflich gemalt gewesen sein. Aber sagt mir doch: was war dieser Edelmann für ein Landsmann?"

"Je nun, ich denke", antwortete Rudolph, "er wird wohl ein Deutscher gewesen sein, und jetzt erinnere ich mich deutlich, er war aus Franken."

"Nun so seid so gut, und fahrt fort."

"Er kam nach haus und ass nicht. Leopold, sein vertrautester Freund, besuchte ihn, aber er sprach nur wenig mit diesem. 'Warum bist du so in Gedanken?' fragte Leopold. 'Mir ist nicht wohl', antwortete jener, und mit dieser Antwort musste der Freund zufrieden sein.

So verstrichen einige Wochen und Ferdinand ward mit seinen Worten immer sparsamer. Sein Freund wurde besorgt, denn er bemerkte, dass Ferdinand alle Gesellschaften vermied, dass er fast beständig im wald oder auf der Wiese lebte, dass er jedem gespräche aus dem Wege ging. An einem Abende hörte Leopold folgendes Lied singen. Ihr habt wohl nichts dagegen, dass ich es gleich selbst absinge, es nimmt sich dadurch besser aus.

Soll ich harren? Soll mein Herz

Endlich brechen?

Soll ich niemals von dem Schmerz

Meines Busens sprechen?

Warum Zittern? Warum Zagen?

Träges Weilen?

Auf, dein höchstes Glück zu wagen!

Flügle deine Eile!

Suchen werde ich: werde ich finden?

Nach der Ferne

Treibt das Herz; durch blühnde Linden

Lächeln dir die Sterne.

Leopold hörte aufmerksam dem rätselhaften lied zu; dann ging er in den Wald hinein, und traf seinen Freund in Tränen. Er ward bei diesem Anblick erschüttert und redete ihn so an: 'Liebster, warum willst du mich so bekümmern, dass du mir kein Wort von deinem Leiden anvertraust? Ich sehe es täglich, wie dein Leben sich aufzehrt, und unwissend muss ich mit dir leiden, ohne dass ich raten und trösten könnte. Warum nennst du mich deinen Freund? Ich bin es nicht, wenn du mich nicht deines Vertrauens würdig achtest. Jetzt gilt es, dass ich deine Liebe zu mir auf die probe stelle, und was fürchtest du, dich mir zu entdecken? Wenn du unglücklich bist, wo findest du sichern Trost, als im Busen eines Freundes