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Die Rose tritt bescheiden nah,

Aurikelchen und alle Blumen, vornehm und

geringer.

Der bunte Teppich ist nun gestickt,

Die Liebe tritt aus Jasminlauben hervor.

Da danken die Menschen, da jauchzet der Vögel

ganzes Chor,

Denn alle fühlen sich beglückt.

Dann küsst der Frühling die zarten

Blumenwangen,

Und scheidet und spricht: 'Ich muss nun gehen.'

Da sterben sie alle am süssen Verlangen,

Dass sie mit welken Häuptern stehen.

Der Frühling spricht: 'Vollendet ist mein Tun,

Ich habe schon die Schwalben herbestellt.

Sie tragen mich in eine andre Welt,

Ich will in Indiens duftenden Gefilden ruhn.

Ich bin zu klein, das Obst zu pflücken,

Den Stock der schweren Traube zu entkleiden,

Mit der Sense das goldene Korn zu schneiden,

Dazu will ich den Herbst euch schicken.

Ich liebe das Spielen, bin nur ein Kind,

Und nicht zur ernsten Arbeit gesinnt.

Doch seid ihr satt der Winterleiden,

Komm ich zurück zu andern Freuden,

Die Blumen, die Vögel nehm ich mit mir,

Wenn ihr erntet und keltert, was sollen sie hier?

Ade! Ade! ist die Liebe nur da,

So bleibt euch der Frühling ewiglich nah!'"

"Ihr habt das Lied sehr schön gesungen", sagte Vansen, "aber es ist wahr, dass man es mit dem Texte nicht so genau nehmen muss, denn das letzte hängt gar nicht mit dem ersten zusammen."

"Ihr habt sehr recht", sagte der Fremde, "indessen Ihr kennt das Sprichwort: Ein Schelm gibt's besser, als er es hat."

"Ich habe einen guten und schönen Zusammenhang darin gefunden", sagte Franz. "Der Hauptgedanke ist der fröhliche Anblick der Welt, das Lied will uns von trüben Gedanken und Melancholie abziehen, und so kommt es von einer Vorstellung auf die andre. Zwar ist nicht der Zusammenhang einer Rede darin, aber es wandelt gerade so fort, wie sich unsre Gedanken in einer schönen heitern Stunde bilden."

"Ihr seid wohl selber ein Poet?" rief der Fremde aus.

Franz errötete und sagte, dass er ein Maler sei, der vor jetzt nach Antwerpen, und dann nach Italien zu gehen gesonnen sei.

"Ein Maler?" schrie Vansen auf, indem er Sternbald genau betrachtete. "O so gebt mir Eure Hand! dann müssen wir näher miteinander bekannt werden!"

Franz war in Verlegenheit, er wusste nichts zu erwidern; der Niederländer fuhr fort: "Vor allen Künsten in der Welt ergötzt mich immer die Kunst der Malerei am meisten, und ich begreife nicht, wie viele Menschen so kalt dagegen sein können. Denn was ist Poesie und Musik, die so flüchtig vorüberrauschen, und uns kaum anrühren? Jetzt vernehme ich die Töne, und dann sind sie vergessensie waren und waren auch nicht; Klänge, Worte, von denen ich niemals recht weiss, was sie mir sollen; sie sind nur Spielwerk, das ein jeder anders handhabt. Dagegen verstehn es die edlen Malerkünstler, mir Sachen und Personen unmittelbar vor die Augen zu stellen, mit ihren freundlichen Farben, mit aller Wirklichkeit und Lebendigkeit, so dass das Auge, der klügste und edelste Sinn des Menschen, gleich ohne Verzögern alles auffasst und versteht. Je öfter ich die Figuren wiedersehe, je bekannter sind sie mir, ja ich kann sagen, dass sie meine Freunde werden, dass sie für mich ebensogut leben und da sind, als die übrigen Menschen. Darum liebe ich die Maler so ungemein, denn sie sind gleichsam Schöpfer, und können schaffen und darstellen, was ihnen gelüstet."

Von diesem Augenblicke bemühte sich Vansen sehr um Sternbald; dieser nannte ihm seinen Namen, und ward von jenem dringend gebeten, ihn in Antwerpen in seinem haus zu besuchen und etwas für ihn zu malen. Auf der fortgesetzten Reise geriet Franz mit dem unbekannten Jünglinge in ein näheres Gespräch, und erfuhr von ihm, dass er sich Rudolph Florestan nenne, dass er aus Italien sei, jetzt England besucht habe, und nach seiner Heimat zurückzukehren denke. Die Jünglinge beschlossen, die Reise in Gesellschaft zu machen, denn sie fühlten beide einen Zug der Freundschaft zueinander, der sie schnell vereinigte. "Wir wollen recht vergnügt mitsammen sein", sagte Rudolph; "ich bin schon mehr als einmal in Deutschland gewesen, und habe lange unter Euren Landsleuten gelebt, ich bin selbst ein halber Deutscher und liebe Eure Nation."

Franz war erfreut, diese Bekanntschaft gemacht zu haben. Er äusserte seine Verwunderung, dass Rudolph in so früher Jugend schon von der Welt so viel gesehen habe. "Das muss Euch nicht erstaunen", sagte jener, "mein unruhiger Geist treibt mich immer umher, und wenn ich eine Weile still in meiner Heimat gesessen habe, muss ich wieder reisen, wenn ich nicht krank werden will. Wenn ich auf der Reise bin, geschieht es mir wohl, dass ich mich nach meinem haus sehne, und mir vornehme, nie wieder in der Ferne herumzustreifen; indessen dauern dergleichen Vorsätze niemals lange, ich darf nur von fremden Ländern hören oder lesen, gleich ist die alte Lust in mir wieder aufgewacht. So bin ich auch schon Spanien durchstreift, ich habe Valencia und das wundersame Granada gesehen, mit seinem herrlichen schloss, den fremden, seltsamen Sitten und Trachten, ich habe die Luft der elysischen Gefilde von Malaga eingeatmet, und kenne den Manserrate mit seinen Klöstern