bist mir der einzige auf der Erde."
Franz sagte begeistert: "O was könnte mir für ein grösseres Glück begegnen, als dass Ihr die Liebe erkennt, die ich so inniglich zu Euch trage."
"Sei immer wacker", sagte Dürer, "und lass dein frommes Herz allerwege so bleiben, als es jetzt ist. Komm dann nach Deutschland und Nürnberg zurück, wenn es dir gut däucht; ich wüsste mir keine grössere Freude, als künftig immer mit dir zu leben."
"Ich bin eine verlassene Waise, ohne Eltern, ohne Angehörigen", sagte Franz, "Ihr seid mir alles."
"Ich wünsche", sagte Albrecht, "dass du mich wiederfindest, aber ich glaube es nicht; es ist etwas in meiner Seele, was mir sagt, dass ich es nicht lange mehr treiben werde. Ich bin in manchen Stunden so ernstaft und so betrübt, dass ich zu sterben wünsche, wenn ich nachher auch oft wieder scherze und lustig scheine. Ich weiss auch recht gut, dass ich zu fleissig bin, und mir dadurch Schaden tue, dass ich die Kraft der Seele abstumpfe, und es gewiss büssen muss; aber es ist nicht zu ändern. Ich brauche dir, liebster Franz, wohl die Ursache nicht zu sagen. Meine Frau ist zu weltlich gesinnt, sie quält sich ewig mit Sorgen für die Zukunft und mich mit; sie glaubt, dass ich niemals genug arbeiten kann, um nur Geld zu sammeln, und ich arbeite, um in Ruhe zu sein, oft mit unlustiger Seele; aber die Lust stellt sich während der Arbeit ein. Meine Frau empfindet nicht die Wahrheit der himmlischen Worte, die Christus ausgesprochen hat: 'Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn die Speise? Und der Leib mehr denn die Kleidung? So denn Gott das Gras auf dem feld kleidet, das doch heute stehet, und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er das nicht vielmehr euch tun? O ihr Kleingläubigen! Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: 'Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?' – Nun lebe wohl, mein liebster Freund; ich will zurück, und du sollst mich nicht begleiten, denn an einer Stelle müssen wir uns ja doch trennen."
Franz hielt noch immer seine Hand. "Ich sollte Euch nicht wiedersehn?" sagte er, "warum sollte ich dann wohl nach Deutschland zurückkommen? Nein, Ihr müsst leben, noch lange, lange, Euch, mir und dem vaterland!"
"Wie wir uns heute trennen müssen", sagte Dürer, "so muss ich doch irgendeinmal sterben, es sei wenn es sei. Je früher, je weniger Lebensmühe; je später, je mehr Sorgen. Aber komm bald zurück, wenn du kannst."
Er segnete hierauf seinen jungen Freund, und betete inbrünstig zum Himmel. Franz sprach in Gedanken seine Worte nach, und war in einer frommen Entzükkung; dann umarmten sich beide, und Dürer ging wie ein grosser Schatten von ihm weg. Franz sah ihm nach, und der Mondschimmer und die Bäume dämmerten ungewiss um ihn. Plötzlich stand der Schatten still, und bewegte sich wieder rückwärts. Dürer stand neben Franz, nahm seine Hand und sagte: "Und wenn du mir künftig schreibst, so nenne mich in deinen Briefen du und deinen Freund, denn du bist mein Schüler nicht mehr." – Mit diesen Worten ging er nun wirklich fort, und Franz verlor ihn gänzlich aus den Augen. Die Nacht war kalt, die Wächter der Stadt zogen vorüber und sangen, die Glocken schlugen feierlich. Franz irrte noch eine Zeitlang umher, dann begab er sich nach seiner Herberge, aber er konnte nicht schlafen.
Fünftes Kapitel
Der Morgen kam. Franz hatte eine Gesellschaft gefunden, die auf dem Kanal mit einem Schiffe nach Rotterdam fahren wollte, dort wollten sie dann ein grösseres nehmen, um vollends nach Antwerpen zu kommen.
Es war helles Wetter, als sie in das Boot stiegen; die Gesellschaft schien bei guter Laune. Franz betrachtete sie nach der Reihe, und keiner darunter fiel ihm besonders auf, ausser ein junger Mensch, der einige zwanzig Jahr alt zu sein schien, und ungemein schön von Gesicht und sehr anmutig in seinen Gebärden war. Franz fühlte sich immer mehr zu den jüngern als zu den ältern Leuten hingezogen; er sprach mit den letzteren ungern, weil er nur selten in ihre Empfindungen einstimmen konnte. Bei alten Leuten empfand er seine Beschränkung noch quälender, und er merkte es immer, dass er ihnen zu lebhaft, zu jugendlich war, dass er sich gemeiniglich an Dingen entzückte, die jenen immer fremd geblieben, und dass sie doch zuweilen mit einem gewissen Mitleiden, mit einer hoffärtigen Duldung auf ihn hinabblickten, als wenn er endlich allen diesen Gefühlen und Stürmen vorüberschiffen würde, um in ihr ruhiges kaltes Land festen Fuss zu fassen. Vollends demütigte es ihn oft, wenn sie dieselben Gegenstände liebten, die er verehrte; Lob und Tadel, Anpreisung und Nachsicht aber mit so scheinbarer Gerechtigkeit austeilten, dass von ihrer Liebe fast nichts übrigblieb. Er dagegen war gewohnt aus vollem Herzen zu zahlen, seine Liebe nicht zu messen und einzuschränken, sondern es zu dulden, dass sie sich in vollen Strömen durch das Land