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, das sich seinem geist widersetzte. Es quälte ihn, dass alles Neue mit einem zu gewaltsamen Eindrucke auf seine Seele fiel, und ihr dadurch die freie Bewegung raubte. So lag ihm auch wieder die Gesinnung und das Betragen des Meister Lukas in den Gedanken, manches in Sebastians Briefe schien ihm damit übereinzustimmen, und in solchen Augenblicken des Gefühls kam er sich oft in der Welt ganz einsam vor: er mochte sich es mit Gedanken nicht deutlich sagen, aber von Lukas' Fröhlichkeit und Sebastians Weisheit und Trost wandte sich sein Herz weg, weil sie dessen sehnsucht als Verzweiflung erschienen.

Wunderlich seltsam ist das Leben der Jugend, die sich selbst nicht kennt. Sie verlangt, dass die ganze übrige Welt, wie ein einziges Instrument, mit ihren Empfindungen eines jeden Tages zusammenstimmen soll, sie misst sich mit der fremdartigsten natur, und ist nur zu oft unzufrieden, weil sie allentalben Disharmonie zu hören glaubt. Sich selbst genug, sucht sie doch aussenwärts einen freundlichen Widerhall, der antworten soll, und ängstigt sich, wenn er ausbleibt.

Er ging nach einiger Zeit in das Haus zurück. Dürer war schon wieder munter, und beide suchten den Meister Lukas in seiner Malerstube auf. Er sass bei seiner Zeichnung. Franz verwunderte sich sehr über den kunstreichen Mann, der in so kurzer Zeit so viel hatte arbeiten können: die Zeichnung war beinah fertig und mit grossem Feuer entworfen. Dürer betrachtete sie und sagte: "Ihr scheint recht zu haben, Meister Lukas, dass sich nach einem guten Trunke besser arbeiten lässt, ob ich es gleich noch nie versucht habe; denn mir steigt der Wein in den Kopf und verdunkelt mir den Gedanken."

"Man muss sich nur nicht stören lassen", sagte Lukas, "wenn einem auch anfangs etwas wunderlich dabei wird, sondern dreist fortfahren, so findet man sich bald in die Arbeit hinein, und alsdann gerät sie gewisslich besser."

Die drei Künstler blieben mit den Frauen auch am Abend zusammen, und setzten ihre gespräche fort. Franz war gedrückt von dem Gedanken, dass er morgen abreisen müsse: so wie er unvermuteterweise seinen Dürer gefunden hatte, sollte er ihn jetzt ebenso plötzlich zum zweiten Male verlassen: er sprach daher wenig mit, auch aus dem grund, weil er zu bescheiden war.

Es war spät, der Mond war eben aufgegangen als man sich trennte. Franz nahm von Lukas Abschied, dann begleitete er seinen Lehrer nach seiner Herberge. Dürer kehrte vor dem haus wieder um, sie durchstrichen einige Strassen und kamen dann auf einen Spaziergang der Stadt.

Der Mond schien schräge durch die Bäume, die beinah schon ganz entblättert waren; sie standen still, und Franz fiel seinem Meister mit Tränen an die Brust. "Was ist dir?" fragte Dürer, indem er ihn in seine arme schloss. "O liebster, liebster Albrecht", schluchzte Franz, "ich kann mich nicht darüber zufriedengeben, ich kann es nicht aussprechen, wie sehr ich Euch verehre und liebe. Ich hab es mir immer gewünscht, Euch noch einmal zu sehen, um es Euch zu sagen, aber nun habe ich doch keine Gewalt dazu. O liebster Meister, glaubt es mir nur auf mein Wort, glaubt es meinen Tränen."

Franz war indem zurückgetreten, und Dürer gab ihm die Hand und sagte: "Ich glaube es dir."

"Ach!" rief Franz aus, "was seid Ihr doch für ein ganz andrer Mann, als die übrigen Menschen! Das fühle ich immer mehr, ich werde keinen Euresgleichen wieder antreffen. An Euch hängt mein ganzes Herz, und wie ich Euch vertraue, werde ich keinem wieder vertrauen."

Dürer lehnte sich nachdenkend an den Stamm eines Baumes, sein Gesicht war ganz beschattet. "Franz", sagte er langsam, "du machst, dass mir deine Abwesenheit immer trauriger sein wird, denn auch ich werde niemals solchen Schüler, solchen Freund wieder antreffen. Denn du bist mein Freund; der einzige, der mich aus recht voller Seele liebt, der einzige, den ich ganz so wieder lieben kann."

"Sagt das nicht, Albrecht", rief Franz, "ich vergehe vor Euch."

Dürer fuhr fort: "Es ist nur die Wahrheit, mein Sohn, denn als solchen liebe ich dich. Meinst du, deine getreue anhänglichkeit von deiner Kindheit auf habe mein Herz nicht gerührt? O du weisst nicht, wie mir an jenem Abend in Nürnberg war, und wie mir jetzt wieder ist: wie ich damals den Abschied von dir abkürzte, und es jetzt gern wieder täte; aber ich kann nicht."

Er umarmte ihn freiwillig, und Franz fühlte, dass sein teurer Lehrer weinte. Sein Herz wollte brechen. "Die übrigen Menschen", sagte Dürer, "lieben mich nicht wie du; es ist zu viel Irdisches in ihren Gedanken. Ich stelle mich oft wohl äusserlich hart, und tue wie die übrigen; aber mein Herz weiss nichts davon. Pirkheimer ist ein Patrizier, ein reicher Mann, er ist brav, aber er schätzt mich nur der Kunst wegen, und weil ich fleissig und aufgeräumt bin. Mein Weib kennt mich wenig, und weil ich ihr im stillen nachgebe, so meint sie, sie mache mir alles recht. Sebastian ist gut, aber sein Herz ist dem meinigen nicht so verwandt als das deine. Von den übrigen lass mich gar schweigen. Ja wahrlich, du