etwas Gemeines und Verächtliches empfindet, der sein Leben, das er führt, nicht höher anschlägt, als das des unbedeutenden Bürgers, der das ganze Leben gleichsam nur so mitmacht, weil es eine hergebrachte Gewohnheit ist, und der nun in der Fülle seiner Herrlichkeit, wie als Zugabe, als einen angeworfenen Zierat, seinen Ruhm, seine glorwürdigen Taten, sein erhabenes Streben hineinlegt. Wo die Wünsche der übrigen Menschen über ihre eigne Kühnheit erstaunen, da sieht er noch Alltäglichkeit und Beschränkteit; wo andre sich vor Wonne und Entzücken nicht mehr fassen können, ist er kaltblütig, und nimmt mit zurückhaltender Verachtung an, was sich ihm aufdrängt.
Mir fallen diese Gedanken bei, weil viele jetzt von den wahrhaft grossen Männern mit engherziger Kleinmütigkeit sprechen, weil diese es sich einkommen lassen, Riesen und Kolosse auf einer Goldwaage abzuwägen. Eben diese können es auch nicht begreifen, warum ein Sylla in seinem höchsten Glanze das Regiment plötzlich niederlegt, und wieder Privatmann wird, und so stirbt. Sie können es sich nicht vorstellen, dass der menschliche Geist, der hohe nämlich, sich endlich an allen Freuden dieser Welt ersättige, und nichts mehr suche, nichts mehr wünsche. Ihnen genügt schon das blosse Dasein, und jeder Wunsch zerspaltet sich in tausend kleine; sie würden ohne Stolz, in schlechter Eitelkeit Jahrhunderte durchleben, und immer weiterträumen, und keinen Lebenslauf hinter sich lassen.
Jetzt ist es mir sehr deutlich, warum Cato und Brutus gerne starben; ihr Geist hatte den Glanz verlöschen sehen, der sie an dieses Leben fesselte. – Ich lese viel, wozu Du mich sonst oft ermahntest, in der Heiligen Schrift, und je mehr ich darin lese, je teurer wird mir alles darin. Unbeschreiblich hat mich der Prediger Salomo erquickt, der alle diese Gedanken meiner Seele so einfältig und so erhaben ausdrückt, der die Eitelkeit des ganzen menschlichen Treibens durchschaut hat; der alles erlebt hat, und in allem das Vergängliche, das Nichtige entdeckt, dass nichts unserem Herzen genüget, und dass alles Streben nach Ruhm, nach Grösse und Weisheit Eitelkeit sei; der immer wieder damit schliesst: "Darum sage ich, dass nichts besser sei, denn dass ein Mensch fröhlich sei in seiner Arbeit, denn das ist sein teil."
"Was hat der Mensch von aller seiner Mühe, die er hat unter der Sonnen? Ein Geschlecht vergehet, das andre kommt, die Erde aber bleibt ewiglich. Die Sonne gehet auf und gehet unter, und läuft an ihren Ort, dass sie daselbst wieder aufgehe. Der Wind gehet gegen Mittag, und kommt herum zu Mitternacht, und wiederum an den Ort da er anfing. Alle wasser laufen ins Meer, noch wird das Meer nicht völler; an den Ort wo sie herfliessen, fliessen sie wieder hin. Es ist alles Tun so voll Mühe, dass niemand ausreden kann. Das Auge siehet sich nimmer satt, und das Ohr höret sich nimmer satt. Was ist's das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist's, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird, und geschieht nichts Neues unter der Sonnen." –
Und nachher sagt er: "Ist's nun nicht besser dem Menschen, essen und trinken, und seine Seele guter Dinge sein in seiner Arbeit?"
"Wie es dem Guten gehet, so geht's auch dem Sünder. Das ist ein böses Ding, unter allem, das unter der Sonnen geschieht, dass es einem geht wie dem andern, daher auch das Herz des Menschen voll Arges wird, und Torheit in ihrem Herzen, dieweil sie leben, darnach müssen sie sterben. – Denn die Lebendigen wissen, dass sie sterben werden, aber die Toten wissen nichts, sie verdienen auch nichts mehr, denn ihr Gedächtnis ist vergessen; dass man sie nicht mehr liebt, noch hasset, noch neidet, und haben kein teil mehr auf der Welt, in allem was unter der Sonnen geschieht. So gehe hin, und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut, denn dein Werk gefällt Gott. Lass deine Kleider immer weiss sein, und deinem haupt Salbe nicht mangeln. Brauche des Lebens mit deinem weib das du liebhast, solange du das eitel Leben hast, das dir Gott unter der Sonnen gegeben hat, solange dein eitel Leben währet, denn das ist dein teil im Leben, und in deiner Arbeit, die du tust unter der Sonnen. Alles was dir vorhanden kommt zu tun, das tue frisch, denn in dem tod, da du hinfährst, ist weder Werk, Kunst, Vernunft noch Weisheit." –
Liebster Franz, höher bringt es der Mensch gewiss niemals, dies ist die Weisheit.
Ich habe einen Nürnberger Hans Sachs kennengelernt, einen wackern Mann, er hat sich auf die Kunst der Meistersänger gelegt, dabei ist er ein grosser Freund der Reformation, er ist Bürger und Schuhmacher allhier. Doch muss nach meinem Dafürhalten die Dichtkunst anders aussehn, als sie in seinen Versen erscheint. Wo find ich einmal in deutscher oder fremder Zunge, was meine lechzende durstige Brust so recht durch und durch erquickt und sättigt?
Lebe wohl, und gib mir bald Nachrichten von Dir; Deine Briefe können mir niemals zu weitläuftig sein. –
Sebastian.
Dieser Brief versetzte den jungen Maler in ein tiefes Nachsinnen: er wollte seinem Gemüte nicht recht eindringen, und er fühlte fast etwas Fremdes in der Schreibart