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, "aber lasst die Dinge fahren, von denen wir ohnehin so wenig wissen können. Oft mag ich gern arbeiten, wenn ich so recht fröhlich gewesen bin. Wenn der Wein noch in den Adern und im kopf lebendig ist, so gelingt der Hand oft ein kühner Zug, eine wilde Gebärde weit besser, als in der nüchternen Überlegung. Ihr erlaubt mir wohl, dass ich nach Tische eine kleine Zeichnung entwerfe, die ich schon seit lange habe ausarbeiten wollen; nämlich den Saul, wie er seinen Spiess nach David wirft. Mich dünkt, ich sehe den wilden Menschen jetzt ganz deutlich vor mir, den erschrocken David, die Umstehenden und alles."

"Wenn Ihr wollt", sagte Dürer, "so mögt Ihr jetzt gleich an die Arbeit gehen, da Ihr den kühnen Entschluss einmal gefasst habt. Mir vergönnt im Gegenteil einen kleinen Schlaf, denn ich bin noch müde von der Reise."

Jetzt ward der Tisch aufgehoben. – Lukas führte den Albrecht zu einem Ruhebette; die beiden Frauen gingen in ein anderes Zimmer, um sich nun ungestört allerhand zu erzählen, der fremde Gast eilte in die Stadt an sein Geschäft, und Lukas begab sich nach seiner Werkstätte.

Viertes Kapitel

Franz wünschte einsam zu sein, und stieg mit Sebastians Briefe nach einem kleinen Garten hinab, der sich hinter dem haus des Meister Lukas ausbreitete. Hier standen alle Sträuche und Gewächse in der besten Ordnung; einige hatte der Herbst schon entblättert, andre waren noch frisch grün, als wären sie eben aufgebrochen: die Gänge waren reinlich gehalten, die letzten Herbstblumen standen im schönsten Flor. Franzens Gemüt war völlig erheitert, er fühlte eine holdselige Gegenwart um sich scherzen, und die Zukunft sah ihn mit freundlichen Gebärden an. Er öffnete den Brief und las: Trauter Bruder. Wie weh tut es mir, dass ich unsern Dürer nicht habe begleiten können, um Dich in den Niederlanden vielleicht noch anzutreffen. Meine Krankheit ist nicht gefährlich, aber doch hält sie mich von dieser Reise ab. Meine sehnsucht nach Dir wird auf meinem einsamen Lager in jeder Stunde lebendiger; ich weiss nicht, ob Du an mich mit denselben Empfindungen denkst. Wann die Blumen des Frühlings wiederkommen, bist Du vielleicht noch weiter von mir entfernt, und dabei weiss ich nicht einmal zuverlässig, ob ich Dich auch jemals wiedersehe. Wie mühevoll und wie leer ist unser menschliches Leben! ich lese jetzt Deine Briefe zu wiederholten Malen, und mich dünkt, als wenn ich sie nun besser verstünde; wenigstens bin ich jetzt noch mehr als sonst Deiner Meinung. Ich kann nicht malen, und darum lese ich auch wohl jetzt in Büchern fleissiger als ich sonst tat, und ich lerne manches Neue, und manches, das ich schon wusste, erscheint mir wiederum neu. Übel ist es, dass es dem Menschen oft so schwer ankömmt, selbst das Einfältigste recht ordentlich zu verstehn, wie es gemeint sein mochte, denn seine jedesmalige Lebensart, seine augenblicklichen Gedanken hindern ihn daran; wo er diese nicht wiederfindet, da dünkt ihm nichts recht zu sein. Ich möchte Dich jetzt mündlich sprechen, um recht viel von Dir zu hören, um Dir recht viel zu sagen; denn je länger Du fort bist, je mehr empfinde ich Deine Abwesenheit, und dass ich mit niemand, selbst mit Dürer nicht das reden kann, was ich Dir gern sagen würde.

Die Helden des römischen Altertums wandeln jetzt mit ihrer Grösse durch mein Gemüt; sowie ich genese, will ich den Versuch anstellen, aus ihren Geschichten etwas zu malen. Ich kann es Dir nicht beschreiben, wie sich seit einiger Zeit das Heldenalter so lebendig vor mir regt; bis dahin sah ich die geschichte als eine Sache an, die nur unsre Neugier angehe, aber es ist mir daraus eine grosse und neue Welt im Gemüt und Herzen aufgequollen. Vorzüglich gern möchte ich aus Cäsars geschichte etwas bilden; man nennt diesen Mann so oft, und nie mit der Ehrfurcht, die er verdient. Wenn er auf dem Nachen ausruft: "Du trägst den Cäsar und sein Glück!" oder sinnend am Rubikon steht, und nun noch einmal kurz sein Vorhaben erwägt, wenn er dann fortschreitet, und die bedeutenden Worte sagt: "Der Würfel ist geworfen!" so bewegt sich mein ganzes Herz vor Entzücken, alle meine Gedanken versammeln sich um den einen grossen Mann, und ich möchte ihn auf alle Weise verherrlichen. Am liebsten sehe ich ihn vor mir, wenn er durch die kleine Stadt in den Alpen zieht, sein Gesellschafter ihn fragt: ob denn hier auch wohl Neid und Verfolgung und Plane zu haus wären, und er mit seiner höchsten Grösse die tiefsinnigen Worte ausspricht: "Glaube mir, ich möchte lieber hier der Erste, als in Rom der Zweite sein."

Dies ist nicht blosser Ehrgeiz, oder wenn man es so nennen will, so ist es das Erhabenste, wozu sich ein Mensch emporschwingen kann. Denn freilich, war Rom, das damals die ganze Welt beherrschte, im grund etwas anders, als jene kleine unbedeutende Stadt? Der höchste Ruhm, die grösste Verehrung des Helden, auch wenn ihm der ganze Erdkreis huldigt, was ist es denn nun mehr? Wird er niemals wieder vergessen? Ist vor ihm nicht etwas Ähnliches dagewesen? Es ist eine grosse Seele in Cäsars Worten, die hier so kühn das anscheinend Höchste mit dem scheinbar Niedrigsten zusammenstellt. Es ist ein solcher Ehrgeiz, der diesen Ehrgeiz wieder als