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vergessenen Kleidungsstücken bekannt machen, sondern er soll die dargestellte geschichte empfinden. Ich rücke also die biblische oder heidnische geschichte manchmal meinen Zuschauern dadurch recht dicht vor die Augen, dass ich die Figuren in den Gewändern auftreten lasse, in denen sie sich selber wahrnehmen. Dadurch verliert ein Gegenstand das Fremde, besonders da unsre Tracht, wenn man sie gehörig auswählt, auch malerisch ist. Und denken wir denn wohl an die alte Kleidungsart, wenn wir eine geschichte lesen, die uns rührt und entzückt? Würden wir es nicht gerne sehen, wenn Christus unter uns wandelte, ganz wie wir selber sind? Man darf also die Menschen nur nicht an das sogenannte Kostüm erinnern, so vergessen sie es gerne. Die Darstellung der fremden Gewänder wird überdies in unsern Gemälden leicht tot und fremd, denn der Künstler mag sich gebärden wie er will, die Tracht setzt ihn in Verlegenheit, er sieht niemand so gehen, er ist nicht in der Übung, diese Falten und massen zu werfen, sein Auge kann nicht mitarbeiten, die Imagination muss alles tun, die sich dabei doch nicht sonderlich interessiert. Ein Modell, auf dem man die Gewänder ausspannt, wird nimmermehr das tun, was dem Künstler die Wirklichkeit leistet. Ausserdem scheint es mir gut, wie ich auch immer gesucht habe, die Tracht der Menschen physiognomisch zu brauchen, so dass sie den Ausdruck und die Bedeutung der Figuren erhöht. Daher mache ich oft aus meiner Einbildung Gewand und Kleidung, die vielleicht niemals getragen sind. Ich muss gestehen, ich setze gern einem wilden bösen Kerl eine Mütze von seltsamer Figur aufs Haupt, und gebe ihm sonst im Äussern noch ein Abzeichen; denn unser höchster Zweck ist ja doch, dass die Figuren mit Hand und Fuss und dem ganzen Körper sprechen sollen."

"Ich bin darin völlig Eurer Meinung", sagte Lukas, "Ihr werdet gefunden haben, dass ich diese Sitte auch von Euch angenommen habe; nur habt Ihr wohl mehr als ich darüber nachgedacht. Auch in manchen Sachen, die ich von Raffael Sanzius gesehen habe, habe ich etwas Ähnliches bemerkt."

"Wozu", rief Albrecht aus, "die gelehrte Umständlichkeit, das genaue Studium jener alten vergessenen Tracht, die doch immer nur Nebensache bleiben kann und muss? Wahrlich, ich habe einen zu grossen Respekt vor der Malerei selbst, um auf derlei Erkundigungen grossen Fleiss und viel Zeit zu verwenden, vollends, da wir es doch nie recht akkurat erreichen mögen."

"Trinkt, trinkt", sagte Lukas, indem er die leeren Gläser wieder füllte, "und sagt mir dann, wie es kommt, dass Ihr Euch mit so gar mancherlei Dingen abgebt, von denen man glauben sollte, dass manche Eures hohen Sinnes unwürdig sind. Warum wendet Ihr so viele Mühseligkeit an, Geschichten fein und zierlich in Holz zu schneiden, und dergleichen?"

"Ich weiss es selbst nicht recht, wie's zugeht", antwortete ihm Albrecht. "Seht, Freund Lukas, der Mensch ist ein wunderliches Wesen; wenn ich darüber zuweilen gedacht habe, so ist mir immer zu Sinne gewesen, als wenn der wunderbarliche Menschengeist aus dem Menschen herausstrebte, und sich auf tausend mannigfaltigen Wegen offenbaren wollte. Da sucht er nun herum, und trifft beim Dichter nur die Sprache, beim Spielmann eine Anzahl Instrumente mit ihren saiten, und beim Künstler die fünf Finger und Farben an. Er probiert nun wie es gelingt, wenn er mit diesen unbeholfenen Werkzeugen zu hantieren anfängt, und keinmal ist es ihm recht, und doch hat er immer nichts Besseres. Mir hat der Himmel ein gelassenes Blut geschenkt, und darum werde ich niemals ungeduldig. Ich fange immer wieder etwas Neues an, und kehre immer wieder zum Alten zurück. Wenn ich etwas Grosses male, so befällt mich gewöhnlich nachher das Gelüst, etwas recht Kleines und Zierliches in Holz zu schnitzeln, und ich kann nachher tagelang sitzen, um die kleine Arbeit aus der Stelle zu fördern. Ebenso geht es mir mit meinen Kupferstichen. Je mehr Mühe ich darauf verwende, je lieber sind sie mir. Dann suche ich wieder freier und schneller zu arbeiten, und so wechsele ich in allerhand Manieren ab, und jede bleibt mir etwas Neues. Die Liebe zum Fleiss und zur Mühseligkeit scheint mir überdies etwas zu sein, was uns Deutschen angeboren ist; es ist gleichsam unser Element, in dem wir uns immer wohlbefinden. Alle Kunstwerke, die Nürnberg aufzuweisen hat, tragen die Spuren an sich, dass sie der Meister mit sonderbarer Liebe zu Ende führte, dass er keinen Nebenzweig vernachlässigte und gering schätzte; und ich mag dasselbe wohl von dem übrigen Deutschlande und auch von den Niederlanden sagen."

"Aber warum", fragte Lukas, "habt Ihr nun Eurem Schüler Sternbald da nicht abgeraten, nach Italien zu gehen, da er doch gewiss bei Euch seine Kunst so hoch bringen kann, als es ihm nur möglich ist?"

Franz war begierig, was Dürer antworten würde. Dieser sagte: "Eben weil ich an dem zweifle, was Ihr da behauptet, Meister Lukas. Ich weiss es wohl, dass ich in meiner Wissenschaft nicht der Letzte bin; aber es würde töricht sein, wenn ich dafürhalten wollte, dass ich alles geleistet und entdeckt hätte, was man in der Kunst vollbringen kann. Glaubt Ihr nicht, dass es den künftigen zeiten möglich sein wird, Sachen darzustellen, und Geschichten und Empfindungen auszudrücken, auf eine Art,