. Kein Spiel machte mir Vergnügen, andre Knaben waren mir zur Last und ich verachtete sie und ging ihnen aus dem Wege, weil mir ihr Beginnen zu kindisch vorkam; sie verspotteten mich auch deshalb, und nannten mich den kleinen alten Mann. Ich erkundigte mich, wie die Kupferstiche entständen, und einige eben nicht geschickte Leute machten mich mit der Kunst bekannt, soviel sie selbst begriffen hatten. So machte ich im neunten Jahre mein erstes Bild, das ich öffentlich herausgab, und das vielen Leuten nicht missfiel; bald darauf taten mich meine Eltern auf mein inständiges Bitten zum Meister Engelbrecht in die Lehre, ich fuhr fort zu arbeiten, und im sechszehnten Jahre war ich schon einigermassen bekannt, so dass meine Werke gesucht wurden."
"Ihr seid ein wahres Wunderkind gewesen, Meister Lukas", sagte Albert Dürer, "und auf die Art muss man freilich nicht erstaunen, wenn die Welt so viele arbeiten von Euch gesehen hat."
"Wenn ich jetzt vielleicht etwas bin", sagte Lukas sehr lebhaft, "so habe ich es nur Euch zu verdanken. Ihr wart mein Vorbild, Ihr gabt mir immer neues Feuer, wenn ich manchmal den Mut verlieren wollte, denn ich glaube, es gibt auch beim eifrigsten Künstler Stunden, in denen er durchaus nichts hervorbringen mag, wo er sich in sich selber ausruht, und ihm die Arbeit mit den Händen ordentlich widersteht; dann hörte ich wieder von Euch, ich sah eins Eurer Kupferblätter, und der Fleiss kam mir mit frischer Anmut zurück. Ich muss es gestehen, dass ich Euch meine meisten Erfindungen zu danken habe, denn ich weiss nicht wie es zugeht: einzelne Figuren oder Sachen stehen mir immer sehr klar vor den Augen, aber das Zusammenfügen, der wahre historische Zusammenhang, der ein Bild erst fertig macht, will sich nie deutlich vor den Sinn hinstellen, bis ich dann ein andres Blatt in die Hand nehme; da fällt es mir dann ein, dass ich das auch darstellen, und hie und da wohl noch verbessern könnte; aus dem Bilde, das ich vor mir sehe, entwikkelt sich ein neues in meiner Seele, das mir dann nicht eher Ruhe lässt, als bis ich es fertig gemacht habe. Am liebsten habe ich Eure Bilder nachgemacht, Albrecht; weil sie alle einen ganz eigenen Sinn haben, den ich in andern nicht antreffe. Ihr habt mich am meisten auf Gedanken geführt, und Ihr werdet es wissen, dass ich viele Bilder, die Ihr ausgearbeitet habt, auch darzustellen versucht habe. Manchmal habe ich die Eitelkeit gehabt, (Ihr verzeiht mir meinen freimütigen Stolz, auch seid Ihr selbst ein grader, guter Mann) Eure Vorstellung zu verbessern und dem Auge angenehmer zu machen."
"Ich weiss es recht wohl", sagte Albert mit der gutmütigsten Freundlichkeit, "und ich versichere Euch, ich habe viel von Euch gelernt. Wie Ihr mit Eurem Körper behende und gewandter seid, so seid Ihr es auch mit dem Pinsel und Grabstichel. Ihr wisst eine gewisse Anmut mir Wendungen und Stellungen der Körper in Eure Bilder zu bringen, die mir oft fehlt, so dass meine Zeichnungen gegen die Eurigen hart und rauh aussehen; aber Ihr erlaubt mir auch zu sagen, dass es mir geschienen hat, als wärt Ihr ein paarmal unnötigerweise von der wahren Einfalt des Gegenstandes abgewichen. So gedenke ich an ein paar Kupferstiche, wo vorne Leute mit grossen Mänteln stehen, die dem Zuschauer den rücken zuwenden, da sie uns wohl natürlicher das Angesicht hätten zukehren dürfen. Hier habt Ihr nach meinem einfältigen Urteil nur etwas Neues anbringen und durch die grossen Mantelfiguren die Kontrastierung mit den übrigen Personen im Bilde verstärken wollen; aber es kommt doch etwas gezwungen heraus."
"Ihr habt recht, Albert", sagte Lukas, "ich sehe, Ihr seid ein schlauer Kopf, der mir meine Münzen wiederzugeben weiss. Ich habe mich öfter darauf ertappt, dass ich ein Bild verdorben habe, wenn ich es habe besser machen wollen, als ich es auf Euren Platten gesehen hatte. Denn man verliert gar zu leicht den ersten Gedanken aus den Augen, der doch sehr oft der allerwahrste und beste ist; nun putzt man am Bilde herum und über lang oder kurz wird es ein Ding, das einen mit fremden Augen ansieht, und sich auf dem Papiere oder der Tafel selber nicht zu finden weiss. Da seid Ihr glücklicher und besser daran, dass Euch die Erfindung immer zu Gebote steht; denn so ist es Euch fast unmöglich, in einen solchen Fehler zu fallen. – Wie macht Ihr es aber, Albrecht, dass Ihr so viele Gedanken, so viele Erfindungen in Eurem kopf habt?"
"Ihr irrt Euch an mir", sagte Albrecht, "wenn Ihr mich für so erfindungsreich haltet. Nur wenige meiner Bilder sind aus dem blossen Vorsatz entstanden, sondern es war immer eine zufällige gelegenheit, die sie veranlasste. Wenn ich irgendein Gemälde loben, oder eine der heiligen Geschichten wieder erzählen höre, so regt sich's plötzlich in mir, dass ich ein ganz neues Gelüst empfinde, gerade das und nichts anderes darzustellen. Das eigentliche Erfinden ist gewiss sehr selten, es ist eine eigene und wunderbare Gabe, etwas bis dahin Unerhörtes hervorzubringen. Was uns erfunden scheint, ist gewöhnlich nur aus älteren schon vorhandenen Dingen zusammengesetzt, und dadurch wird es gewissermassen neu; ja der eigentliche erste Erfinder setzt seine geschichte oder sein Gemälde doch auch nur zusammen,