dazu gehören, besorgt zu sein. Ich muss immer noch lachen, sooft ich daran denke, dass es mir doch auch einmal auf ähnliche Weise erging. Ohne etwas davon zu verstehen, und ohne die Anlagen von der natur zu haben, fiel ich einmal darauf, ein Poet zu sein. Ich dachte in meinem einfältigen Sinne, Verse müsse ja wohl jedermann machen können, und ich wunderte mich über mich selber, dass ich nicht schon früher auf die Dichtkunst verfallen sei. Ich machte also ein zierlich grosses Kupferblatt, und stach mühsam rundherum meine Verse mit Buchstaben ein: sie sollten ein moralisches Gedicht vorstellen, und ich unterstund mich, der ganzen Welt darin gute Lehren zu geben. Wie nun aber alles fertig war, siehe da, so war es erbärmlich geraten. Was ich da für Leiden von dem gelehrten Pirkheimer habe ausstehen müssen, der mir lange nicht meine Verwegenheit vergessen konnte! Er sagte immer zu mir: 'Schuster, bleib bei deinen Leisten! Albert, wenn du den Pinsel in der Hand hast, so kömmst du mir als ein verständiger Mann vor, aber mit der Feder gebärdest du dich als ein Tor.'" –
"Ihr müsst Euch doch einige Zeit in Leiden aufhalten", sagte Lukas, "denn ich möchte gar zu gern recht viel mit Euch sprechen, und über so viele Dinge Euer Urteil vernehmen, denn ich wüsste keinen Menschen auf der Welt, mit dem ich mich lieber unterredete, als mit Euch."
"Ich bleibe gewiss wenigstens einige Tage", antwortete Dürer; "seit Franz von mir fortgezogen ist, habe ich mir diese Reise vorgesetzt, und alles Geld, was ich erübrigen konnte, dazu aufgespart."
Unter diesen Gesprächen war die Mittagsstunde herangekommen; eine junge hübsche Frau, die Gattin des Niederländers, trat herein, sie erinnerte ihren Mann mit freundlichem gesicht, dass es Zeit sei zu essen, er möchte mit seinen Gästen in die Speisestube treten. Man setzte sich zu Tisch. Lukas hatte einen Freund aus der Stadt und dessen Frau eingeladen. Der kleine behende Mann schien nun bei Tische erst recht an seinem platz zu sein; er wusste so gutmütig zum Essen und Trinken zu nötigen, dass keiner seine Einladung auszuschlagen imstande war; dabei erwies er sich überaus artig gegen die Frauen. Dürer war viel ernster und unbeholfener, die schöne junge Frau des Lukas setzte ihn eher in Verlegenheit, als dass sie ihn unterhalten hätte, seine Sitten waren ernst und deutsch, und wenn sich ihm nicht ein Scherz von selber darbot, so hielt er es für eine unnütze Mühe ihn aufzusuchen. Franz war in einer heiligen Stimmung, es war ihm nicht möglich, seine Augen von seinem geliebten Lehrer abzuwenden, da es ihm beständig im Sinne lag, dass er morgen früh abreisen müsse.
"Ihr müsst mir erlauben", rief Lukas fröhlich aus, "Meister Albrecht, (verzeiht mir, dass ich so vertraut tue, Euch bei Eurem Taufnamen zu nennen) dass ich Euer Konterfei abnehme, ehe Ihr von hier reiset, denn es liegt mir gar zu viel daran es zu besitzen, und ich will mir alle Mühe geben, es recht treu und fleissig zu malen."
"Und ich will Euch malen", sagte Albrecht, "mir ist gewiss Euer Gesicht ebenso lieb, damit ich es mit mir nach Nürnberg nehmen kann."
"Wisst Ihr, wie wir es einrichten können?" antwortete Lukas: "Ihr malt Euer eigenes Bildnis und ich das meinige, und wir tauschen sie nachher gegeneinander aus, so besitzt noch jeder etwas von des andern Arbeit."
"Es mag sein", sagte Dürer, "ich weiss mit meinem kopf ziemlich Bescheid, denn ich habe ihn schon etlichemal gemalt und gestochen, und man hat die Kopei immer ähnlich gefunden. Worüber ich mich aber billig wundern muss", fuhr er fort, "ist, dass Ihr, Meister Lukas, noch so jung seid, und dass Ihr doch schon so viele Kunstsachen in die Welt habt ausgehen lassen, und mit Recht einen so grossen Namen habt; denn noch scheint Ihr keine dreissig Jahr alt zu sein."
Lukas sagte: "Ich bin auch noch nicht dreissig Jahr alt, sondern kaum neunundzwanzig. Es ist wahr, ich habe fleissig gemalt, und fast ebensoviel in Kupfer gestochen als Ihr; aber, mein lieber Albrecht, ich habe auch schon sehr früh angefangen; Ihr wisst es vielleicht nicht, dass ich schon im neunten Jahre ein Kupferstecher war."
"Im neunten Jahre?" rief Franz Sternbald voll Verwunderung aus; "ich glaubte immer, im sechszehnten hättet Ihr Euer erstes Werk begonnen, und das hat schon immer mein Erstaunen erregt."
"Ich zeichnete schon Bilder und allerhand natürliche Sachen nach", erzählte Lukas weiter, "als ich kaum sprechen konnte. Die Sprache und der Ausdruck durch die Reisskohle schien mir natürlicher als die wirkliche. Ich war unglaublich fleissig, und interessierte mich für gar nichts anders in der Welt, denn die übrigen Wissenschaften, so wie die Sprachen und dergleichen, waren mir völlig gleichgültig, ja es war mir verhasst, meine Zeit mit solchem Unterrichte zuzubringen. Wenn ich auch nicht zeichnete, so gab ich genau auf alle die Dinge acht, die mir vor die Augen kamen, um sie nachher nachahmen zu können. Die grösste Freude machte es mir, wenn meine Eltern oder andere Menschen die Personen wiedererkannten, die ich kopiert hatte