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diesem Schauplatz hinwegwendet, so eilt sie nach jenem unbekannten magischen, auf welchem liebliche Lichter spielen und kein Leiden erscheinen darf: dann dehnt der Geist seine grossen Flügel auseinander, und fühlt seine himmlische Freiheit, die Unbegrenzteit, die ihn nirgend beengt und quält. Beim Erwachen sehen wir oft zu voreilig mit Verachtung auf dieses schönere Dasein hin, weil wir unsre Träume nicht in unser Tagesleben hineinweben können, weil sie nicht da fortfahren, wo unsre Menschentätigkeit am Abend aufhörte, sondern ihre eigne Bahn wandelten.

Zweites Kapitel

Am Morgen erkundigte sich Franz nach der wohnung des berühmten Lukas von Leiden. Man bezeichnete ihm die Strasse und das Haus, und er ging mit hochschlagendem Herzen hin. Er ward in eine ansehnliche wohnung geführt, eine Magd sagte ihm, dass der Herr sich schon in seiner Malerstube befinde und arbeite. Franz bat, dass man ihn hineinführen möchte. Die Tür öffnete sich, und Franz sah einen kleinen, freundlichen, ziemlich jungen Mann vor einem Gemälde sitzen, an dem er fleissig arbeitete, um ihn her standen und hingen vielerlei Schildereien, einige Farbenkasten, Zeichnungen und Anatomien, aber alles in der besten Ordnung. Der Maler stand auf und ging Franzen entgegen, der Schüler war jetzt mit seinen Augen dem Gesicht des berühmten Meisters gegenüber, und vermochte in der ersten Verwirrung kein Wort hervorzubringen. Endlich fasste er sich, nannte seinen Namen und den Namen seines Lehrers. Lukas hiess ihn von Herzen willkommen, und beide setzten sich nun in der Werkstatt nieder, und Franz erzählte ganz kurz seine Reise, und sprach von einigen merkwürdigen Gemälden, die er unterwegs angetroffen hatte. Er beschaute während dem Sprechen aufmerksam das Bild, an welchem Lukas eben arbeitete; es war eine Heilige Familie, er traf darinnen vieles von einigen Dürerschen arbeiten an, denselben Fleiss, dieselbe Genauigkeit im Ausmalen, nur schien ihm an Lukas' Bildern Dürers strenge Zeichnung zu fehlen, ihm dünkte, als wären die Umrisse weniger dreist und sicher gezogen; dagegen hatte Lukas etwas Liebliches und Anmutiges in den Wendungen seiner Gestalten, ja auch in seiner Färbung, das dem Dürer mangelte. Dem geist nach, glaubte er, müssten diese beiden grossen Künstler sehr nahe verwandt sein, er sah hier dieselbe Einfalt in der Zusammensetzung, dieselbe Verschmähung unnützer Nebenwerke, die rührende und echt deutsche Behandlung der Gesichter und Leidenschaften, dasselbe Streben nach Wahrheit.

Lukas war in seinem gespräche ein muntrer, fröhlicher Mann, seine Augen waren sehr lebhaft, und seine schnell veränderlichen Mienen begleiteten und erklärten jedes seiner Worte. Franz konnte ihn noch immer nicht genug betrachten, denn in seiner Einbildung hatte er ihn sich ganz anders gedacht, er hatte einen grossen, starken, ernstaften Mann erwartet, und nun sah er eine kleine, sehr behende, aber fast kränkliche Figur vor sich, und die Gebärden und Reden des Meisters trugen alle das Gepräge eines lustigen freien Gemütes.

"Es freut mich ungemein, Euch kennenzulernen", rief Lukas mit seiner Lebhaftigkeit aus, "aber vor allen Dingen wünschte ich einmal Euren Meister zu sehen, ich wüsste nichts Erfreulicheres, das mir begegnen könnte, als wenn er so, wie Ihr heute tatet, in meine Werkstatt hereinträte; ich bin auf keinen andern Menschen in der Welt so neugierig, als auf ihn, denn ich halte ihn für den grössten Künstler, den die zeiten hervorgebracht haben. Er ist wohl sehr fleissig?"

"Er arbeitet fast immer", antwortete Franz, "und er kennt auch kein grösseres Vergnügen als seine Arbeit. Seine Emsigkeit geht so weit, dass er dadurch sogar manchmal seiner Gesundheit Schaden tut."

"Ich will es gern glauben", antwortete Lukas, "es zeugen seine Kupferstiche von einer fast unbegreiflichen Sorgfalt, und doch hat er deren schon so viele ausgehn lassen! Man kann nichts Sauberers sehen, als seine Arbeit, und doch leidet unter diesem Fleisse die Wahrheit und der Ausdruck seiner Darstellungen niemals, so dass seine Emsigkeit nicht bloss zufällige Zier, sondern Wesen und Sache selbst ist. Und dann begreife ich kaum die mannigfaltigen Arten seiner arbeiten, von den kleinsten und feinsten Gemälden bis zu den lebensgrossen Bildern, dann seine Kupferarbeiten, seine saubern Figuren, die er auf Holz in erhabener Arbeit geschnitten, und die so leicht, so zierlich sind, dass man trotz ihrer Vollendung die Arbeit ganz daran vergisst, und gar nicht an die vielen mühseligen Stunden denkt, die der Künstler darüber zugebracht haben muss. Wahrlich, Albert ist ein äusserst wunderbarer Mann, und ich halte den Schüler für sehr glücklich, dem es vergönnt ist, unter seinen Augen seine erste Laufbahn zu eröffnen."

Franz war immer gerührt, wenn von seinem Lehrer die Rede war; aber dies Lob, diese Verehrung seines Meisters aus dem mund eines andern grossen Künstlers setzte sein Herz in die gewaltsamste Bewegung. Er drückte Lukas' Hand und sagte mit Tränen: "Glaubt mir, Meister, ich habe mich vom ersten Tage glücklich geschätzt, da ich Dürers Haus betrat."

"Es ist eine seltsame Sache mit dem Fleisse", fuhr Lukas fort, "so treibt es auch mich Tag und Nacht zur Arbeit, so dass mich manchmal jede Stunde, ja jede Minute gereut, die ich nicht in dieser stube zubringen darf. Von Jugend auf ist es so mit mir gewesen, und ich habe auch nie an Spielen, Erzählungen, oder dergleichen zeitvertreibenden Dingen Gefallen gefunden. Ein neues Bild liegt mir manchmal so sehr im Sinne, dass ich davor nicht