alles übrige verschwunden; liebliche Stimmen riefen seinen Namen, aber er konnte sich aus dem Gebüsche nicht herausfinden, der Wald ward immer grüner und dunkler, doch Sebastians stimme und der Ton der Fremden wurden immer deutlicher, sie riefen ihn ängstlich, als wenn irgendeine Gefahr ihm bevorstände. Da überfiel ihn Grauen, und die dichten Bäume und Gebüsche umher erschienen ihm entsetzlich, er zagte weiterzugehn, er wünschte, das helle freie Feld wieder anzutreffen. Plötzlich war es Mondschein. Wie vom holden Schimmer erregt, klang von allen silbernen Wipfeln ein süsses Getöne nieder; da war alle Furcht verschwunden: der Wald brannte sanft im schönsten Glanze, und Nachtigallen wurden wach und flogen dicht an ihm vorüber, dann sangen sie mit süsser Kehle, und blieben immer im Takte mit der Musik des Mondscheins. Franz fühlte sein Herz geöffnet, als er in einer Klause im Felsen einen Waldbruder wahrnahm, der andächtig die Augen zum Himmel aufhob und die hände faltete. Franz trat näher: "Hörst du nicht die liebliche Orgel der natur spielen?" sagte der Einsiedel, "bete, so wie ich." Franz war von dem Anblicke hingerissen, aber er sah nun Tafel und Palette vor sich und malte unbemerkt den Eremiten, seine Andacht, den Wald mit seinem Mondschimmer, ja es gelang ihm sogar, und er konnte nicht begreifen wie, die Töne der Nachtigall in sein Gemälde hineinzubringen. Er hatte noch nie eine solche Freude empfunden, und er nahm sich vor, wenn das Bild fertig sei, sogleich damit zu Dürer zurückzureisen, damit dieser es sehen und beurteilen möge. Aber im Augenblicke verliess ihn die Lust, weiterzumalen, die Farben erloschen unter seinen Fingern, ein Frost überfiel ihn, und er wünschte den Wald zu verlassen.
Franz erwachte mit einer unangenehmen Empfindung; es war einer der letzten warmen Tage im Herbst gewesen, jetzt ging die Sonne in dunkelroten Wolken hinter der Stadt unter, und ein kalter Herbstwind strich über die Wiese. Er schüttelte sich in fieberhafter Stimmung, und sah mit einer gewissen Bangigkeit zum Himmel auf, denn ungeheure, kupferrote Wolken, von Violett und dunklem Blau durchzogen, glänzten hinter der untergegangenen Sonne. Im blutigen Widerschein wollte ihm die Stadt selbst, die im Mittagsglanze so anlockend vor ihm lag, wie eine furchtbare klippenvolle Einöde bedünken. Er schritt vorwärts und hatte das Gefühl, als ob ein grosses Unglück seiner wartete. Plötzlich stand er mit einem lauten Ausruf erschreckend still. Er vermisste die fremde Brieftasche und erinnerte sich deutlich, dass er sie im Grase zurückgelassen haben müsse. Zitternd eilte er zurück. Konnte er sie auch wiederentdecken? Mochte nicht ein fremder Wanderer, ein Arbeiter auf dem feld den glänzenden Fund indessen schon aufgerafft haben? Er kam dem grossen Baume näher, vor Anstrengung zu sehen war er geblendet, wie ein wilder Zauberwald erschien ihm das demütige Gras, das neidisch seinen Schatz verborgen hielt. Da leuchtete ihm die goldne Einfassung wie mit Lächeln entgegen, er bückte sich und kniete nieder, und drückte das liebe Büchelchen an Mund, Herz und Augen. War es ihm doch, als hätte er die holdselige unbekannte Gestalt selbst wieder getroffen, der Wunderglaube seiner Liebe hielt dieses Wiederfinden für eine glückliche Vorbedeutung, dass auch die schöne Besitzerin ihm nicht auf immer verborgen bleiben werde.
Er ging nach der Stadt. Das Gedränge am Tore war gross, denn jedermann eilte nun aus den Feldern und von den benachbarten Dörfern zur Stadt zurück, er beobachtete die mannigfaltigen Gesichter: der Mond stand am hellen Himmel, und schien auf die Dächer der Kirchen und auf die freien Plätze; endlich kehrte er in eine Herberge ein.
Franz fühlte sich müde und ging bald zur Ruhe, aber er konnte lange nicht einschlafen. Die Scheibe des Mondes stand seinem Kammerfenster gerade gegenüber, er betrachtete ihn mit sehnsüchtigen Augen, er suchte auf dem glänzenden Runde und in den Flekken Berge und Wälder, wunderbare Schlösser und zauberische Gärten voll fremder Blumen und duftender Bäume; er glaubte Seen mit glänzenden Schwänen und ziehenden Schiffen wahrzunehmen, einen Kahn, der ihn und die Geliebte trug, und umher reizende Meerweiber, die auf krummen Muscheln Lieder bliesen und Wasserblumen in die Barke hineinreichten. "Ach! dort! dort!" rief er aus, "ist vielleicht die Heimat aller sehnsucht, aller Wünsche: darum fällt auch wohl so süsse Schwermut, so sanftes Entzücken auf uns herab, wenn das stille Licht voll und golden den Himmel heraufschwebt, und seinen silbernen Glanz auf uns herniedergiesst. Ja, er erwartet uns, er bereitet uns unser Glück, und darum sein wehmütiges Herunterblicken, dass wir noch in dieser Dämmerung der Erde verharren müssen."
Er verschloss sein Auge, um zu träumen; da erschien ihm die Fremde mit allen ihren Reizen, sie winkte ihm, und vor ihm lag ein schöner dunkler Lindengang, welcher blühte und den süssesten Duft verbreitete. Sie ging hinein, er folgte ihr schüchtern, er gab ihr die Blumen zurück, und erzählte ihr wer er sei. Da umfing sie ihn mit ihren zarten Armen, da kam der Mond mit seinem Glanze näher, und schien ihnen beiden hell ins Angesicht, sie gestanden sich ihre Liebe, sie waren unaussprechlich glücklich. – Diesen Traum setzte Franz fort, die frühsten Erinnerungen aus seinen Kinderjahren kamen zurück, alle schönen Empfindungen, die er einst gekannt hatte, zogen wieder an ihm vorüber und begrüssten ihn. So ist der Schlaf oft ein Ausruhen in einer schöneren Welt; wenn die Seele sich von