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Urteil in Anspruch genommen wurden. Er sah jetzt mehr als jemals ein, wie weit er in der Kunst zurück sei, ja wie wenig die Künstler selbst von ihrer Beschäftigung Rechenschaft geben könnten.

Es ward so eingerichtet, dass sich die Gesellschaft zweimal in der Woche versammelte, und jedesmal wurde über die Kunst disputiert, wobei sich Castellani besonders mit seinen Reden hervortat. Sie waren an einem Nachmittage wieder versammelt, auch Camillo war zugegen, der abseits in einer Ecke stand und kaum hinzuhören schien.

"Wenn man", sprach Castellani, "erst mehr die Frage untersuchen wird: Was soll Kunst sein? was kann sie sein? so werden wir auf diesem Wege weiterkommen. Ich bin gar nicht in Abrede, und es wäre töricht von mir, dergleichen zu leugnen, dass Michael Angelo ein ausgezeichneter Geist ist, nur ist es wohl Übereilung des Zeitalters, ihn und Raffael über alle übrigen Sterblichen hinüberzuheben, und zu sagen: seht, sie haben die Kunst erfüllt!

Jegliche Kunst hat ihr eigentümliches Gebiet, ihre Grenzen, über die sie nicht hinausschreiten darf, ohne sich zu versündigen. So die Poesie, Musik, Skulptur und Malerei. Keiner muss in das Gebiet des andern streifen, jeder Künstler muss seine Heimat kennen. Dann muss jeglicher die Frage genau untersuchen: was er mit seinen Mitteln für vernünftige Menschen zu leisten imstande ist. Er wird seine Historie wählen, er wird den Gegenstand überdenken, um sich keine Unwahrscheinlichkeiten zuschulden kommen zu lassen, um nicht durch Einwürfe des kalten, richtenden Verstandes seinen Zauber der Komposition wieder zu zerstören. Den Gegenstand gut zu wählen ist aber nicht genug, auch den Augenblick seiner Handlung muss er fleissig überdenken, damit er den grössten, interessantesten heraushebe, und nicht am Ende male, was sich nicht darstellen lässt. Dazu muss er die Menschen kennen, er muss sein Gemüt und fremde Gesinnungen beobachtet haben, um den Eindruck hervorzubringen, dann wird er mit gereinigtem Geschmacke das Bizarre vermeiden, er wird nur täuschen und hinreissen, rühren aber nicht erstaunen wollen. Nach meinem wohlüberdachten Urteil hat noch keiner unsrer Maler alle diese Forderungen erfüllt, und wie könnte es irgendeiner, da sich noch keiner der erstgenannten Studien beflissen hat? Diese müssen erst in einem hohen Grade ausgebildet sein, ehe die Künstler nur diese Forderungen anerkennen werden.

Um namentlich von Buonarotti zu sprechen, so glaube ich, dass er durch sein Beispiel die Kunst um viele wichtige Schritte wieder zurückgebracht hat, statt ihr weiterzuhelfen, denn er hat gegen alle Erfordernisse eines guten Kunstwerks gesündigt. Was will die richtige Zeichnung seiner einzelnen Figuren, seine Gelehrsamkeit im Bau des menschlichen Körpers, wenn seine Gemälde selbst so gar nichts sind? Was soll ich aber geniessen und fühlen, wenn die Ausführung auch gar keinen Tadel verdiente?"

"Nichts!" rief Camillo aus, indem er mit dem höchsten Unwillen hervortrat. "Glaubt Ihr, dass der grosse, der übergrosse Buonarotti daran gedacht hat, Euch zu entzücken, als er seine mächtigen Werke entwarf? Oh, ihr Kurzsichtigen, die ihr das Meer in Bechern erschöpfen wollt, die ihr dem Strome der Herrlichkeit seine Ufer macht, welcher unselige Geist ist über euch gekommen, dass ihr also verwegen sein dürft? Ihr glaubt die Kunst zu ergründen, und ergründet nur eure Engherzigkeit, nach dieser soll sich der Geist Gottes richten, der jene erhabene Ebenbilder des Schöpfers beseelt. Ihr lästert die Kunst, wenn ihr sie erhebt, sie ist nur ein Spiel eurer nichtigen Eitelkeit. Wie der Allmächtige den Sünder duldet, so erlaubt auch Angelos Grösse, seine unsterblichen Werke, seine Riesengestalten dulden es, dass ihr so von ihnen sprechen dürft, und beides ist wunderbar."

Er verliess im Zorne den Saal, und alle erhuben ein lautes lachen. "Was er nicht versteht", sagte Sternbalds Nachbar, "hält er für Unsinn." Sternbald aber war von den Worten und den Gebärden des Greises tief ergriffen, dieser entusiastische Unwille hatte ihn mit angefasst, er verliess schnell die Gesellschaft, ohne sich zu entschuldigen, ohne Abschied zu nehmen.

Er ging dem Alten durch die Strassen nach, und traf ihn in der Nähe des Vatikans. "Verzeiht", sagte Sternbald, "dass ich Euch anrede, ich gehöre nicht zu jenen, meine Meinung ist nicht die ihrige, immer hat sich mein Herz dagegen empört, so mit dem Ehrwürdigsten der Welt umzugehn."

"Ich war ein Tor", sagte der Greis, "dass ich mich wieder, wie mir oft geschieht, von meiner Hitze übereilen liess. Wozu Worte? Wer versteht die Rede des andern?"

Er nahm Franz bei der Hand, sie gingen durch das grosse Vatikan, der Alte eilte nach der Kapelle des Sixtus. Schon fiel der Abend und seine Dämmerung herein, die grossen Säle waren nur ungewiss erleuchtet. Er stellte ihn vor die Propheten und Sibyllen, und ging schweigend wieder fort.

In der ruhigen Einsamkeit schaute Sternbald das erhabene Gedicht mit demütigen Augen an. Die grossen Gestalten schienen sich von oben herabzubewegen. Er stand da, und bat den Figuren, dem geist Michael Angelos seine Verirrung ab.

Die grossen Apostel an der Decke sahen ihn ernst mit ihren ewigen Zügen und Mienen an, die Schöpfungsgeschichte lag wunderbar da, der Allmächtige auf dem Sturmwinde herfahrend. Er fühlte sich innerlich neu verändert, neu geschaffen, noch nie war die Kunst so mit Heeresmacht auf ihn zugekommen.

"Hier hast du dich verklärt, Buonarotti, grosser