"Wie über Matten
Die Wolke zieht,
So auch der Schatten
Vom Leben flieht.
Die Jahre eilen
Kein Stillestand,
Und kein Verweilen,
Sie hält kein Band.
Nur Freude kettet
Das Leben hier,
Der Frohe rettet
Die zeiten schier.
Ihm sind die Stunden
Was Jahre sind,
Sind nicht verschwunden
Wer so gesinnt.
Ihm sind die Küsse
Der goldne Wein
Noch mal so süsse
Im Sonnenschein.
Ihm naht kein Schatten
Vergänglichkeit,
Für ihn begatten
Sich Freud und Zeit.
Drum nehmt die Freude
Und sperrt sie ein,
Dann müsst ihr beide
Unsterblich sein."
Es war ein Mädchen, die dieses Lied absang, indem kam Franz durch eine unvermutete Wendung dicht an die Sängerin zu stehen, das Gedränge presste ihn an sie, und indem er sie genau betrachtete, glaubte er Ludovico zu erkennen. Jetzt hatte ihn der Strom von Menschen wieder entfernt, und er konnte daher seiner Sache nicht gewiss sein, ein Leierkasten fiel ihm mit seinen schwerfälligen Tönen in die Ohren, und eine andre stimme sang:
"Aus Wolken kommt die frohe Stunde,
O Mensch gesunde,
Lass Leiden sein und Bangigkeit
Wenn Liebchens Kuss dein Herz erfreut.
In Küssen webt ein Zaubersegen,
Drum sei verwegen,
Was schadet's, wenn der Donner rollt,
Wenn nur der rote Mund nicht schmollt."
Franz war erstaunt, denn er glaubte in diesem begleitenden Sänger Florestan zu erkennen. Er war wie ein alter Mann gestaltet, und verstellte, wie Sternbald glaubte, auch seine stimme; doch war er noch zweifelhaft. – In kurzer Zeit hatte er beide aus den Augen verloren, sosehr er sich auch bemühte, sich durch die Menschen hindurchzudrängen.
Die beiden Gestalten lagen ihm immer im Sinne, er ging zum Kloster zurück, aber er konnte sie nicht vergessen, er wollte sie wieder aufsuchen, aber es war vergebens. Indem er malte, kam die Äbtissin mit einigen Nonnen hinzu, um ihm bei der Arbeit zuzusehn, die grösste von ihnen schlug den Schleier zurück, und Franz erschrak über die Schönheit, über die Majestät eines Angesichts, die ihm plötzlich in die Augen fielen. Diese reine Stirn, diese grossen dunkeln Augen, das schwermütige, unaussprechlich süsse Lächeln der Lippen nahm sein Auge gleichsam mit Gewalt gefangen, sein Gemälde, jede andre Gestalt kam ihm gegen diese Herrlichkeit trübe und unscheinbar vor. Er glaubte auch noch nie einen so schlanken Wuchs gesehen zu haben, ihm fielen ein paar Stellen aus alten Gedichten ein, wo der Dichter von der siegenden Gewalt der Allerholdseligsten sprach, von der unüberwindlichen Waffenrüstung ihrer Schöne. – Ein altes Lied sagte:
Lass mich los, um Gottes willen
Gib mich armen Sklaven frei,
Lass die Augen dir verhüllen,
Dass ihr Glanz nicht tödlich sei.
Musst du mich in Ketten schleifen
Stärker als von Demantstein?
Muss das Schicksal mich ergreifen,
Ich ihr Kriegsgefangner sein? –
"Wie", dachte Sternbald, "muss dem mann sein, dem sich diese arme freundlich öffnen? dem dieser heilige Mund den Kuss entgegenbringt? Die Grazie dieser übermenschlichen Engelsgestalt ganz sein Eigentum!"
Die Nonne betrachtete das Gemälde und den Maler in einer nachdenklichen Stellung, keine ihrer Bewegungen war lebhaft, aber wider Willen ward das Auge nachgezogen, wenn sie ging, wenn sie die Hand erhob, das Auge war entzückt, in den Linien mitzugehn, die sie beschrieb. Franz gedachte an Roderigos Worte, der von der Gräfin gesagt hatte, dass sie in Bewegungen Musik schriebe, dass jede Biegung der Gelenke ein Wohllaut sei.
Sie gingen fort, der Gesang der Nonnen erklang wieder. Franz fühlte sich verlassen, dass er nicht neben der schönen Heiligen knien konnte, ganz in Andacht hingegossen, die Augen dahin gerichtet, wohin die ihrigen blickten, er glaubte, dass das allein schon ein höchst seliges Gefühl sein müsse, nur mit ihr dieselben Worte zu singen, zu denken. Wie widerlich waren ihm die Farben, die er auftragen, die Figuren, die er neu beleben sollte!
Auf den Abend sprach er den Bildhauer. Er schilderte ihm die Schönheit, die er gesehen hatte, Augustin schien beinahe eifersüchtig. Er erzählte, wie es dasselbe Mädchen sei, das in kurzem das Gelübde ablegen werde, von der der Köhler gesprochen habe, sie sei mit ihrem stand unzufrieden, müsse sich aber dem Willen der Eltern fügen. "Ihr habt recht", fuhr er gegen Franz fort, "wenn Ihr sie eine Heilige nennt, ich habe noch nie eine Gestalt gesehen, die etwas so Hohes, so Überirdisches ausgedrückt hätte. Und nun denkt Euch diesen züchtigen Busen entfesselt, diese Wangen mit Scham und Liebe kämpfend, diese Lippen in Küssen entbrannt, das grosse Auge der Trunkenheit dahingegeben, dies Himmlische des Weibes im Widerspruch mit sich selbst und doch ihre schönste Bestimmung erfüllend – oh, wer auf weiter Erde ist denn glückseliger und gebenedeiter, als dieser ihr Geliebter? Höhere Wonne wird auf dieser magern Erde nicht reif, und wem diese bescheret ist, vergisst die Erde und sich, und alles!"
Er schien noch weitersprechen zu wollen, aber plötzlich brach er ab, und verliess Sternbald, der im unnützen Nachsinnen verloren war.
Franz hatte noch keine seiner arbeiten mit dieser Unentschlossenheit und Beklemmung gemacht, er schämte sich eigentlich seines Malens an diesem Orte, besonders in Gegenwart der majestätischen Gestalt. Sie besuchte ihn regelmässig und betrachtete ihn genau. Ihre Gestalt prägte sich jedesmal tiefer in seine Phantasie, er schied immer weniger gern.
Die Malerei ging