nicht, wie er seinen anfänglichen Widerwillen gegen diesen Menschen so habe überwinden können, dass er jetzt mit ihm umgehe, dass er sich ihm sogar vertraue.
Bolz schien unruhig zu schlafen, er warf sich oft umher, ein Traum ängstigte ihn. Franz vergass beinahe, wo er war, denn alles umher erhielt eine sonderbare Bedeutung. Seine Phantasie ward erhitzt, und es währte nicht lange, so glaubte er sich unter Räubern zu befinden, die es auf sein Leben angesehn hätten, jedes Wort des Kohlenbrenners, dessen er sich nur erinnerte, war ihm verdächtig, er erwartete es ängstlich, wie er mit seinen Spiessgesellen wieder aus der Tür herauskommen würde, um sie im Schlafe umzubringen und zu plündern. Über diese Betrachtungen schlief er ein, aber ein fürchterlicher Traum ängstigte ihn noch mehr, er sah die entsetzlichsten Gestalten, die seltsamsten Wunder, er erwachte unter drückenden Beklemmungen.
Am Himmel sammelten sich Wolken, auf die die Strahlen des Mondes fielen, die Bäume vor der Hütte bewegten sich. Um sich zu zerstreuen, schrieb er folgendes in seiner Schreibtafel nieder:
Die Phantasie
Wer ist dort der alte Mann, In einer Ecke festgebunden, Dass er sich nicht rührt und regt? Vernunft hält über ihn Wache, Sieht und erkundet jede Miene. Der Alte ist verdrüsslich, Um ihn in tausend Falten Ein weiter Mantel geschlagen. Es ist der launige Phantasus, Ein wunderlicher Alter, Folgt stets seiner närrischen Laune, Sie haben ihn jetzt festgebunden, Dass er nur seine Possen lässt, Vernunft im Denken nicht stört, Den armen Menschen nicht irrt, Dass er sein Tagsgeschäft In Ruhe vollbringe, Mit dem Nachbar verständig spreche Und nicht wie ein Tor erscheine. Denn der Alte hat nie was Kluges im Sinn, Immer tändelt er mit dem Spielzeug Und kramt es aus, und lärmt damit Sowie nur keiner auf ihn sieht und achtet. Der alte Mann schweigt und runzelt die Stirn, Als wenn er die Rede ungern vernähme, Schilt gern alles langweilig, Was in seinen Kram nicht taugt. Der Mensch handelt, denkt, die Pflicht Wird indes treu von ihm getan; Fällt in die Augen das Abendrot hinein, stehen Schlummer und Schlaf aus ihrem Winkel auf Da sie den Schimmer merken. Vernunft muss ruhn und wird zu Bett gebracht, Schlummer singt ihr ein Wiegenlied: Schlaf ruhig, mein Kind, morgen ist auch noch ein Tag! Musst nicht alles auf einmal denken, Bist unermüdet und das ist schön, Wirst auch immer weiter kommen, Wirst deinem lieben Menschen Ehre bringen, Er schätzt dich auch über alles, Schlaf ruhig, schlaf ein. – "Wo ist meine Vernunft geblieben?" sagt der
Mensch,
"Geh Erinnrung, und such sie auf." Erinnrung geht und trifft sie schlafend, Gefällt ihr die Ruhe auch, Nicht über der Gefährtin ein. "Nun werden sie gewiss dem Alten die hände frei
machen",
Denkt der Mensch, und fürchtet sich schon. Da kommt der Schlaf zum Alten geschlichen, Und sagt: "Mein Bester, du musst erlahmen, Wenn dir die Glieder nicht aufgelöset werden, Pflicht, Vernunft und Verstand bringen dich ganz
herunter,
Und du bist gutwillig, wie ein Kind." – Indem macht der Schlaf ihm schon die hände los, Und der Alte schmunzelt: "Sie haben mir viel zu
danken,
Mühsam hab ich sie erzogen, Aber nun verachten sie mich alten Mann, Meinen ich würde kindisch, Sei zu gar nichts zu gebrauchen. Du, mein Liebster, nimmst dich mein noch an, Wir beide bleiben immer gute Kameraden." Der Alte steht auf und ist der Banden frei, Er schüttelt sich vor Freude: Er breitet den weiten Mantel aus, Und aus allen Falten stürzen wunderbare Sachen Die er mit Wohlgefallen ansieht. Er kehrt den Mantel um und spreitet ihn weit umher, Eine bunte Tapete ist die untre Seite. Nun hantiert Phantasus in seinem Zelte Und weiss sich vor Freuden nicht zu lassen. Aus Glas und Kristallen baut er Schlösser, Lässt oben aus den Zinnen Zwerge kucken, Die mit dem grossen kopf wackeln. Unten gehen Fontänen im Garten spazieren, Aus Röhren sprudeln Blumen in die Luft, Dazu singt der Alte ein seltsam Lied Und klimpert mit aller Gewalt auf der Harfe. Der Mensch sieht seinen Spielen zu Und freut sich, vergisst, dass Vernunft Ihn vor allen Wesen herrlich macht. Spricht: "Fahre fort, mein lieber Alter." Und der Alte lässt sich nicht lange bitten, Schreiten Geistergestalten heran, Zieht die kleinen Marionetten an Fäden Und lässt sie aus der Ferne grösser scheinen. Tummeln sich Reiter und Fussvolk, Hängen Engel in Wolken oben, Abendröten und Mondschein gehen durcheinander. Verschämte Schönen sitzen in Lauben, Die Wangen rot, der Busen weiss, Das Gewand aus blinkenden Strahlen gewebt. Ein Heer von Kobolden lärmt und tanzt, Alte Helden kommen von Troja wieder, Achilles, der weise Nestor, versammeln sich zum
Spiel
Und entzweien sich wie die Knaben. – Ja, der Alte hat daran noch nicht genug, Er spricht und singt: "Lass deine Taten fahren, Dein Streben, Mensch, deine Grübelein, Sieh, ich will dir goldne Kegel schenken, Ein ganzes Spiel, und silberne Kugeln dazu, Männerchen, die von selbst immer auf den Beinen
stehen,
Warum willst du dich des Lebens nicht freun? Dann bleiben wir beisammen, Vertreiben mit Gespräch die Zeit, Ich lehre dich tausend Dinge, Von denen du noch nichts