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, keine Menschenstimme war zu vernehmen.

"Ist dieser Feengarten", rief Roderigo aus, "nicht wie durch Zauberei hierhergekommen? Wenn wir mit dem Besitzer des Hauses bekannt wären, wie erquicklich müsste es sein, in diesen anmutigen Grotten auszuruhen, in diesen dunkeln Gängen zu spazieren, und sich mit süssen Früchten abzukühlen? Wenn wir nur einen Menschen wahrnähmen, der uns die Erlaubnis erteilen könnte!"

Indem wurde Ludovico einige Bäume mit sehr schönen Früchten gewahr, die im Garten standen, grosse saftige Birnen und hochrote Pflaumen. Er hatte einen schnellen Entschluss gefasst. "Lasst uns, meine guten Freunde", rief er aus, "ohne Zeremonien über das Spalier dieses Gartens steigen, uns in jener Grotte ausruhen, mit Früchten sättigen, und dann den Mondschein abwarten, um unsre Reise fortzusetzen."

Alle waren über seine Verwegenheit in Verwunderung gesetzt, aber Rudolph ging sogleich zu seiner Meinung über. Sternbald und der Pilgrim widersetzten sich am längsten, aber indem sie noch sprachen, war Ludovico, ohne danach hinzuhören, schon in den Garten geklettert und gesprungen, er half Florestan nach, Roderigo rief den Rückbleibenden ebenfalls zu, Sternbald bequemte sich, und der Pilgrim, den auch nach dem Obste gelüstete, fand es bedenklich, ganz ohne Gesellschaft seine Reise fortzusetzen. Er machte nachher noch viele Einwendungen, auf die niemand hörte, denn Ludovico fing an aus allen Kräften die Bäume zu schütteln, die auch reichlich Obst hergaben, das die übrigen mit vieler Emsigkeit aufsammelten.

Dann setzten sie sich in der kühlen Grotte zum Essen nieder und Ludovico sagte: "Wenn uns nun auch jemand antrifft, was ist es denn mehr? Er müsste sehr ungesittet sein, wenn er auf unsre Bitte um Verzeihung nicht hören wollte, und sehr stark, wenn wir ihm nicht vereinigt widerstehen sollten."

Als der Pilger eine Weile gegessen hatte, fing er an, grosse Reue zu fühlen, aber Florestan sagte im lustigen Mute: "Seht, Freunde, so leben wir im eigentlichen stand der Unschuld, im goldenen Zeitalter, das wir so oft zurückwünschen, und das wir uns eigenmächtig, wenigstens auf einige Stunden erschaffen haben. O wahrlich, das freie Leben, das ein Räuber führt, der jeden Tag erobert, ist nicht so gänzlich zu verachten: wir verwöhnen uns in unsrer Sicherheit und Ruhe zu sehr. Was kann es geben, als höchstens einen kleinen Kampf? Wir sind gut bewaffnet, wir fürchten uns nicht, wir sind durch uns selbst gesichert."

Sie horchten auf, es war, als wenn sie ganz in der Ferne Töne von Waldhörnern vernähmen, aber der Klang verstummte wieder. "Seid unverzagt", rief Ludovico aus, "und tut, als wenn ihr hier zu haus wäret, ich stehe euch für alles."

Der Pilgrim musste nach dem Springbrunnen, um seine Flasche mit wasser zu füllen, sie tranken alle nach der Reihe mit grossem Wohlbehagen. Der Abend ward immer kühler, die Blumen dufteten süsser, alle Erinnerungen wurden im Herzen geweckt. "Du weisst nicht, mein lieber Roderigo", fing Ludovico von neuem an, "dass ich jetzt in Italien, in Rom wieder eine Liebe habe, die mir mehr ist, als mir je eine gewesen war. Ich verliess das schöne Land mit einem gewissen Widerstreben, ich sah mit unaussprechlicher sehnsucht nach der Stadt zurück, weil Marie dort zurückblieb. Ich habe sie erst seit kurzem kennengelernt, und ich möchte dir fast vorschlagen, gleich mit mir zurückzureisen, dann blieben wir alle, so wie wir hier sind, in einer Gesellschaft. O Roderigo, du hast die Vollendung des Weibes noch nicht gesehen, denn du hast sie nicht gesehen! all der süsse, geheime Zauber, der die Gestalt umschwebt, das Heilige, das dir aus blauen verklärten Augen entgegenblickt: die Unschuld, der lockende Mutwille, der sich auf Wange, in den liebreizenden Lippen abbildet; – ich kann es dir nicht schildern. In ihrer Gegenwart empfand ich die ersten Jugendgefühle wieder, es war mir wieder, als wenn ich mit dem ersten Mädchen spräche, da mir die andern alle als meinesgleichen vorkommen. Es ist ein Zug zwischen den glatten schönen Augenbraunen, der die Phantasie in Ehrfurcht hält, und doch stehen die Braunen, die langen Wimpern wie goldene Netze des Liebesgottes da, um alle Seele, alle Wünsche, alle fremde Augen wegzufangen. Hat man sie einmal gesehen, so sieht man keinem andern Mädchen mehr nach, kein blick, kein verstohlenes Lächeln lockt dich mehr, sie wohnt mir aller ihrer Holdseligkeit in deiner Brust, dein Herz ist wie eine treibende Feder, die dich ihr, nur ihr durch alle Gassen, durch alle Gärten nachdrängt; und wenn dann ihr himmelsüsser blick dich nur im Vorübergehn streift, so zittert die Seele in dir, so schwindelt dein Auge von dem blick in das rote Lächeln der Lippen hinunter, in die Lieblichkeit der Wangen verirrt, gern und ungern auf dem schönsten Busen festgehalten, den du nur erraten darfst. O Himmel, gib mir nur dies Mädchen in meine arme, und ich will deine ganze übrige Welt, mir allem, allem was sie Köstliches hat, ohne Neid jedem andern überlassen!"

"Du schwärmst", sagte Roderigo, "in dieser Sprache habe ich dich noch niemals sprechen hören."

"Ich habe die Sprache noch nicht gekannt", fuhr Ludovico fort, "ich habe noch nichts gekannt, ich bin bis dahin taub